Kurs: Geschichte und politische Verfassung der attischen Polis Athen

  • [Blockierte Grafik: http://img353.imageshack.us/img353/322/lyra12eb2.gif]


    IM NAMEN DER HEILIGEN BRUDERSCHAFT DER MUSEN UND DES APOLLON ZU ALEXANDRIA
    findet folgender KURS statt


    Geschichte und politische Verfassung der attischen Polis Athen




    Bemerkungen:


    Dieser Kurs richtet sich an all jene Männer und Frauen, die die berühmteste Polis Attikas studieren, ihre Geschichte kennenlernen und ihre politische Verfassung verstehen wollen.





    ANGEMELDETE TEILNEHMER:
    Titus Duccius Vala


  • Charisis von Samothrake
    [Blockierte Grafik: http://www.kulueke.net/pics/ir/nscdb/y-diverse/45.jpg]


    "Wo ist mein Schemel...", war das erste, was die Akroatoi des Kurses von ihrem Philosophos zu hören bekamen, und das erste, was sie von ihm sahen war sein Hintern, als sich Charisis von Samothrake durch einen Vorhang schob, offensichtlich seine Aufmerksamkeit noch auf etwas richtend, was dahinter lag. Es folgte eine Weile des Gemurmels, und der Hintern bewegte sich mal nach links, mal nach rechts... ab und an wieder zurück in den Vorhang, mal ein Stück hinaus, so dass ein wenig Rücken zu sehen war, aber nie zeigte sich der Philosophos komplett. Bis der irgendwo hinter dem Hintern zu vermutende Kopf die Geduld verlor: "Nein, du verdammter Ziegenfuß, das ist nicht mein Schemel. Mein Schemel hat nicht drei Beine, sondern nur zwei... such ihn! Los, such ihn!"
    Schließlich schob sich der Hintern aus dem Vorgang, begleitet von zwei Beinen, gefolgt von einem Rücken mit Armen dran, irgendwann auch der Kopf. Wer damit rechnete, dass der Gelehrte sich umwenden würde, um seine Schüler von Angesicht zu Angesicht zu grüßen, irrte sich gewaltig: Charsis von Samothrake bewegte sich weiterhin rückwärts auf das Podium zu, um das herum die steinernen Sitzbänke wie in einem Odeon angeordnet waren. Erst als er den zentralen Punkt erreicht hatte wandte Charsis sich um, und schenkte jedem seiner Akroatoi einen langen und eindringlichen Blick.
    "Ihr habt euch entschlossen, die Geschichte der Polis Athen zu studieren... und deren einmalige politische Verfassung. Das steht euch gut zu, denn wer lernt wie die Polis Athen entwickelt hat, wird verstehen wie man politische Gewalt zäumen kann, ohne sie Bewegungsunfähig zu machen. Aber... und dies lasst euch gesagt sein... ich werde diese Sitzung nicht eher beginnen, so mein Schemel nicht endlich hier ist. Ohne meinen Schemel werde ich kein Wort sagen. Jawohl." Sprach's, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte durch die Schüler hindurch geradeaus ins Nichts. Und führte diese Art der Nullkonversation auch weiter fort. Es folgte Räuspern, Ächzen, das Geraschel von Stoff, hier und da ein Huster... aber Charisis von Samothrake blieb stur. Selbst als einer der erfahreneren Schüler sich tatsächlich von seinem Platz erhob, zögerlich an den Philosophos herantrat und ihm leise etwas zuflüsterte blieb der Gelehrte unbeweglich stehen, als wäre er erstarrt und bar jeder Wahrnehmung der Welt.
    Erst als ein Diener des Museions durch den zuvor erwähnten Vorhang geeilt kam, und dabei einen Schemel mit sich führte der so aussah, als wäre ihm ein Bein abhanden gekommen, zeigte der Gelehrte eine Regung in dem er in die Hände klatschte und vergnügt zu lachen begann.
    "Na also... ich dachte schon, ich könnte heute gar nicht mehr anfangen.", frohlockte der Grieche mit dem Lächeln eines achtjährigen, ließ sich mit laaaaaaangsamer Bewegung auf dem Schemel nieder (welcher von dem in einer Art Panik erfassten Diener in Balance gehalten wurde), wippte damit ein wenig nach vorn, nach hinten, bis er schließlich zufrieden wirkte und den Diener mit einer lässigen Handbewegung von dannen schickte. Er selbst schien keinerlei Probleme mit der Balance auf dem zweibeinigen Schemel zu haben, fast war es, als hätte er sein ganzes Leben auf diesem Schemel verbracht.
    "Nun...", begann Charisis schließlich, "..die Geschichte Athens ist eine ebenso lange wie verworrene. Wir beginnen heute im dunklen Zeitalter, in der Athen noch von Basileis regiert wurden... diese Basileis waren es allerdings, die am Ende des dunklen Zeitalters zunehmend im politischen Machtkampf mit den Eliten der Polis, den Eupatridei, schließlich ihre herausragende Stellung einbüßten. In dieser Zeit entwickelte sich Athen von einem einfachen Oikos, sprich einer dörflichen Versammlung mehrere Bauernschaften, zu einer Polis, sprich einem Stadtstaat, wie dem was wir heute darunter verstehen..." So begann der Vortrag des Charisis mit einer Einführung in die Geschichte Athens, begonnen hatte er mit dem dunklen Zeitalter der Könige, die schließlich ihre Stellung zwar symbolhaft behaupten konnten, jedoch gegenüber dem Geburtsadel der Stadt schließlich aufgeben mussten. Er erzählte darüber hinaus von den sozialen Spannungen, die mit dem enormen Wachstum und Machtzugewinn der Polis einhergingen, da eben nur der Geburtsadel politische Macht innehatte, die große Bevölkerungsmehrheit der Bürger und Nichtbürger allerdings ohne Einfluss dastand. Es sollte schließlich ein Mann namens Solon für eine erste Beruhigung der Lage sorgen, in dem er die politische Verfassung der Polis reformierte und die Bürgerschaften an der politischen Entscheidungsfindung beteiligte.
    Diese Reformen hatten jedoch nur vergleichsweise kurzen Erfolg, denn Athen musste im folgenden für mehrere Jahrzehnte die Rückkehr der Einzelherrschaft erdulden, welche in der sprichwörtlichen Tyrannis ihre Ausprägung fand. Es waren schließlich Staatsmänner wie Kleisthenes, die für die Bildung dessen sorgten, was man als frühe Demokratie bezeichnete, in dem er die politische Macht dezentralisierte wie nur eben möglich. Es waren die Kriege der Meder, die später einmal Perser genannt wurden, in welche Athen mit seiner starken Flotte eine tragende Rolle spielen würde, Herodot war einer der großen Namen dieser Epoche, die über das Ereignis schrieben.
    Die Ausführungen des Charisis kamen schließlich an dem Punkt an, an dem Athen nach den Perserkriegen zum absoluten Hegemon in der Region aufstieg, und durch das Machtinstrument des attischen Seebundes schließlich einen Konflikt mit einer ebenfalls sehr mächtigen griechischen Polis provozierte: Sparta.
    Der Peleponnesische Krieg würde beinahe ganz Griechenland verwüsten, und schließlich mit Sparta als Siegerpolis enden. Athen selbst hätte zwar seine Unabhängigkeit gewahrt, aber enorm an Einfluss in der Region eingebüßt. Ein Athener namens Thukydides war es, der die Ereignisse dieser Zeit für die Nachwelt festhielt.
    Die Zeit der athenischen Freiheit endete schließlich mit den Makedoniern unter Philipp II. und Alexander dem Großen, welche die athenische Kultur zwar verehrten, Athen selbst aber nicht die politische Unabhängigkeit zurückgaben. Lange nach dem Tod Alexanders würde Athen zwar wieder die Freiheit zurück erlangen, diese allerdings im mithridatischen Krieg gegen die Romäer wieder verlieren, und schließlich Teil des römischen Imperiums werden. Dies allerdings, und das war der Punkt, auf den Chasiris am Ende noch einmal explizit hinwies, unter weitestgehender Autonomie und Freiheit, da auch das Volk von Rom um die große Tradition und Bedeutung der Polis Athen wusste.



    TDV

  • Zuallererst waren da die Blicke der anderen Studenten, die Vala auffielen. Erst erschrocken hochgewandt, weil die meisten von ihnen einen Kopf oder mehr kleiner als er waren, dann abschätzig, weil relativ schnell wurde, dass er kein Hellene war... und schließlich geringschätzend, als klar wurde, dass der Sklave, der ständig hinter dem Hünen herdackelte jedes Wort übersetzte, das auf Koine gesprochen wurde. Also jedes.
    Den Zorn hierüber schluckte Vala hinunter, blieb ihm doch nichts anderes übrig als diese implizite Demütigung über sich ergehen zu lassen, wenn er nicht zuviel Aufsehen erregen wollte, welches schließlich in seinem Rauswurf enden würde. Und dafür hatte er definitiv zuviel hingeworfen... gerade in seiner gelinde gesagt verzweifelten finanziellen Lage.


    Als der Gelehrte schließlich auftauchte, verstand Vala nur Bahnhof (und er hatte nicht die geringste Ahnung, was ein Bahnhof überhaupt war). Auch verstand er nicht, warum dieser kleine Mensch dort unten rückwärts lief.. oder auf seine Lieblingsziege wartete (anscheinend ein sehr griechisches Problem). Als er dann schließlich zu dozieren begann, verstand Vala vor allem Dingen nur Sirius, der ihm so unauffällig wie möglich ins Ohr raunte, was der Samothraker da unten erzählte. Hier und da gab es missfällige Blicke von Mitlernenden, darüber hinaus konnte der Sklave seinem Herrn allerdings weiter ungestört übersetzen. Der Unterschied war gravierend... für Vala erzählte der alte Mann von den Paarungsmethoden ungleich verteiler Pflastersteine, Sirius aber erzählte ihm von der Polis Athen und deren Beschaffenheit im Zuge der Geschichte... abstrakt, aber lehrreich.

  • Charisis von Samothrake
    [Blockierte Grafik: http://www.kulueke.net/pics/ir/nscdb/y-diverse/45.jpg]


    "Nun...", fuhr der Gelehrte fort, als sich keine Fragen auftaten. Wunderlich war das nicht, immerhin hatte er bisher nur die Geschichte der Polis doziert, und da gab es recht wenig zu diskutieren.
    Ein Wink, und ein Diener brachte Wasser herbei um den Philosophos seine Kehle befeuchten zu lassen, ein weiterer, um Diener mitsamt Wasser wieder verschwinden zu lassen.


    "...wir fahren mit den großen Gestalten der athenischen Geschichte fort, von denen es viele gibt, denn die Polis verstand es perfekt, durch die Ertüchtigung seiner Bürger in Körper und Geist diejenigen hervortreten zu lassen, welche zu den Größten ihrer Zeit gehörten.", begann er im folgenden von den Berühmheiten Athens zu erzählen, "Beginnen wir mit den großen Gestalten nach dem Ende des dunklen Zeitalters... zu aller erst wäre da Solon zu nennen, den wir uns später noch genauer ansehen werden... Solon wurde als Sohn des Exekestides geboren und gehörte damit den Eupatridei an, die die Staatsgeschicke seit dem Niedergang des Königtums maßgeblich beeinflussten. Als Person des öffentlichen Lebens ist Solon in Erscheinung getreten, als das Gesetz erlassen wurde, welches jedem Athener bei Androhung der Todesstrafe verbot eine Wiederaufnahme der zermürbenden Kämpfe mit der Polis Megara um Salamis vorzuschlagen. Solon selbst soll hierbei die Menschen entgegen dieses Gesetzes dazu angestachelt haben, Salamis zurück zu erobern, was schließlich auf friedlichem Wege durch diplomatische Verträge geschah. Später soll er sich auch für einen Krieg gegen die Polis Krissa zum Schutze des Heiligtums in Delphi ausgesprochen haben.. wir sehen, Solon war eine umtriebige Figur, und auch als früher Philosophos dem Kampfe nicht abgeneigt. Den Höhepunkt seiner Laufbahn hatte er als großer Reformer der politischen Verfassung Athens, was wir später noch ausführlich besprechen werden... nach dieser Reform trat Solon eine größere Reise an, der Gelehrte Plutarchos selbst hat geschrieben, dass dies vor allem aus Sorge um sein Leben geschah, da seine Reformen den Vertretern seines eigenen Standes nicht zusprachen, da er sie in ihrer Macht einschränkte, und dem Demokriten ebenso, da ihnen die Reformen nicht weit genug gingen. Bei seinen Reisen soll er auch Aegyptus besucht haben, einige behaupten er habe in Alexandria gelehrt, als dieses noch ein einfacher Fischerdorf war und das Museion noch nicht einmal erdacht! Danach ist man sich nicht einig, ob Solon es nach Cyprus auch wieder zurück nach Athen gezogen hat... nach seinem Tode soll seine Asche über ganz Griechenland verteilt worden sein, und noch bei Platon galt er als einer der weisten Menschen seiner Zeit. Sein Leitspruch soll gewesen sein: nichts im Übermaß. "
    Hiermit schloss der Philosophos die heutige Sitzung ab, begann die nächste am folgenden Tage mit Erzählungen über den großen Kleisthenes, der die Reformen des Solon fortsetzte und als Begründer der attischen Demokratie galt. Als Feldherr der Perserkriege wurde Themistokles gerühmt, der Tradögiendichter Aischylos fand ebenso Erwähnung wie Sophokles, Perikles, Herodot, der große Sokrates und der beinahe noch größere Platon.. abgeschlossen wurden die Erzählungen in den folgenden Tagen mit dem Staatstheoretiker Aristoteles.



    TDV

  • Nichts im Übermaß. Das gefiel Vala.. und es machte Sinn, denn er hatte schon zuviele derer im Staub oder Schlamm verrecken sehen, mit offener Kehle am Tisch sitzend oder am Morgen einfach nicht wieder aufwachend, und all jene hatten vor allem eins gemeinsam gehabt: sie wollten alles. Auf einmal. Und das möglichst sofort.
    Sirius weiterhin stets als eine Art Übersetzungsmechanismus erduldend, hörte der Germane sich die weiteren Ausführungen des seltsamen Philosophos an, der immer auf die gleiche Art und Weise die Bühne betrat: rückwärts gebeugt dahertrippelnd, stets gefolgt von einem Diener mit einem zweibeinigen Schemel.


    Es waren vor allem die Personen, deren Tätigkeiten kaum oder gar nichts mit Werken der Ästhetik zu tun hatten... Sophokles? Langweiliger Humbug... Aischylos? Leeres Gebrabbel...
    Die Persönlichkeiten Athens, deren Viten Valas Aufmerksamkeit erregten hatten stets mit Macht, deren Erringung, Verwaltung und vor allem Erhaltung zu tun: Themistokles, großer Feldherr der Kriege gegen die Meder.. Perikles, brillanter Staatsmann, Aristoteles, Gestalter von Macht und Führung.. ja, Vala sog die Geschichte dieser Männer quasi in sich auf, stets im Ansinnen, von diesen Männern zu lernen.

  • Charisis von Samothrake
    [Blockierte Grafik: http://www.kulueke.net/pics/ir/nscdb/y-diverse/45.jpg]


    Ein weiterer Tag des Kurses brach an, und heute würde Charisis von Samothrake den finalen Part einleiten: die Betrachtung der athenischen Verfassung und deren Entwicklungen im Detail. Sein Publikum hatte sich bisher recht diskussionsfaul gezeigt, es waren vor allem alte Hasen die hier und da einen Kommentar zu einer athenischen Persönlichkeit eingeworfen hatten, ansonsten hatte Charisis vornehmlich alleine doziert. Das hatte seine guten Seiten, allerdings wurde dem Dozenten so auch recht schnell langweilig, was schließlich darin mündete, dass der die aristotelischen Theorien irgendwann nur noch runtergelaiert hatte.
    Heute hoffte der Philosophos allerdings auf etwas mehr Beteiligung, schließlich ging es um die Einschätzung der politischen Tragfähigkeit der Verfassung zum Ende des dunklen Zeitalters.


    "Meine Herren...", begann er seinen Vortrag, "..wir werden uns heute die Verfassung der Polis Athen zur Zeit der Könige ansehen, also vor den Reformen des Solon von denen wir bereits ansatzweise gehört haben. An der Spitze des athenischen Staates zu dieser Zeit stand der Basileus, gestützt von den Eupatridei, dem mit großen Privilegien versehenen athenischen Geburtsadel. Diese beiden Machtblöcke zusammen stellten den Aeropag, den obersten Rat. Im Aeropag beriet man sich mit dem Basileus, sprach Recht und beaufsichtigte die Geschicke des Staates. Aus dem Aeropag selbst wurden die Archontes erwählt, welche als städtische Beamte die täglichen Geschäfte des Staates führten und nur dem Aeropag selbst zu Rechenschaft verpflichtet waren. In Kriegszeiten wurden zudem Archontes Polemarches ernannt, welche das Heer befehligten."


    Der Samothraker räusperte sich einen Moment, und orderte auf die übliche Art und Weise einen Schluck Wasser bevor er damit fortfuhr, den größten Unterschied heraus zu kristallisieren und schließlich zu betonen: es waren nur diese beiden Gruppen, der Basileus und die Eupatridei, die zu politischer Einflussnahme im Athen der benannten Zeit befähigt wurden. Neben den Gynaikes, den Metöken und den Doulos als generell machtlosen Bevölkerungsgruppen war es die große Gruppe der Polites, der athenischen Vollbürger, die nicht an der politischen Entscheidungsfindung beteiligt waren. Zwar konnten diese Besitz ihr eigen nennen und ihren Teil zum Kriegsdienst beitragen, allerdings waren sie vom Aeropag ausgeschlossen.
    Charisis unterstrich am Ende noch einmal die Größe der verschiedenen Gruppen der athenischen Bevölkerung, und stellte schließlich eine direkte Frage an seine Schüler: der Basileus war nur einer, die Eupatridei sehr wenige.. die Polites stellten einen großen Teil, genauso wie die Frauen. Die größte Gruppe wurde von den Metöken ohne Bürgerrecht und den Sklaven gestellt... welche Folgen könnte eine solche Zusammensetzung bei einer solchen politischen Struktur haben?



    TDV

  • "...eine Benachteiligung eines Großteils der Menschen mit rechtlichem Bürgerstatus kann nicht auf Dauer gegen diesen aufrecht erhalten werden...", wandte einer der Studenten ein. "Garkeine.. die Stärke der politischen Macht der herrschenden Klasse kann die Interessen von vielen austarieren und sich stets weiterbehaupten, so sie innerlich geschlossen bleibt.", gab ein anderer zu bedenken.
    Die folgende Diskussion, an der Vala sich nicht beteiligte, schien sich vor allem darum zu drehen, wie eine herrschende Klasse es vollbringen konnte ihren Status auf Dauer gegen eine große Mehrheit von rechtlich ähnlich gestellten, aber traditionell nicht beteiligten Bürgern zu verteidigen. Für Vala selbst war dies alles Mummpitz, die anderen Studenten hingen sich viel zu sehr an traditionell und erblich bedingten Zuständen auf.


    "So die Interessengruppe der Polites geschlossen genug wäre...", wandte Vala mit dem Sprachrohr Sirius ein, "..könnte sie sich auch gegen die Eupatridei und den Basileus durchsetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Geburtsadel lange ohne Zugeständnisse gegen die Polites durchsetzen könnte." Schließlich war all dies geschehen in einer Zeit des Aufstiegs und zunehmenden Wohlstands... und solche Zeiten machten anscheinend nicht nur den Griechen zu schaffen... auch Rom hatte vor zweihundert Jahren mit derlei Problemen zu schaffen gehabt. Und quasi jeder noch so kleine germanische Stamm musste nach einem erfolgreichen Raubzug die Verteiligungsproblematik jedes Mal aufs neue aushandeln.

  • Charisis von Samothrake
    [Blockierte Grafik: http://www.kulueke.net/pics/ir/nscdb/y-diverse/45.jpg]


    Der Philosophos hörte sich das dümmliche Geschwafel seiner Schüler mit stoischer Gelassenheit an, und fragte sich sogleich innerlich, ob er es jemals mit einem Schüler zu tun bekommen würde, der nicht sofort versucht der alten Polis seine eigenen Vorstellungen einzuinterpretieren.


    "Alles Quatsch.. euch Hornochsen sitzt definitiv zuviel Rom zwischen den Ohren...", wischte er sämtliche Antworten mit einer abwertenden Handbewegung fort, und kam im folgenden auf eine sehr einfache Antwort, "..die Polites in Athen verweigerten sich zunehmend ihren traditionellen Aufgaben, die vor allem im Heerwesen lagen. Das erbringen von Leistung ohne entsprechend adäquate Belohnung oder Partizipation an universellen Entscheidungen konnte nur zu sozialen Unruhen führen... was macht man also, um diese Krise zu überwinden? Na? Was?"


    Hier und da kam ein Einwurf, der bei dem alten Gelehrten nur Kopfschütteln hervorrief, bis er der Dummheit seiner Eleven schließlich überdrüssig wurde, und auf die Reformen des Solon zu sprechen kam. Nach einer Weile der Unruhe in der Polis hatten es sich einige gebildete Männer, unter ihnen der den Eupatridei entstammende Solon, zur Aufgabe gemacht nach einer Lösung für die Krise zu suchen. Sie meinten diese schließlich in einer Neuordnung des athenischen Systems gefunden zu haben: die Bürger Athens wurden ihrer wirtschaftlichen Tragkraft entsprechend in vier Klassen eingeteilt, welche wiederrum mit bestimmten Privilegien einhergingen. Die meisten Eupatridei gingen hierbei in der Klasse der Großgrundbesitzer auf, mussten sich diese allerdings auch mit besonders vermögenden Polites teilen. Den König gab es den Ausführungen über diese Zeit schon gar nicht mehr. Neu eingeführt wurde die Ekklesia, eine quasi-demokratische Volksversammlung, die Rechenschaft von den städtischen Beamten verlangen, über Gesetze abstimmen und über Krieg und Frieden befinden konnte. Ein weiteres Novum war die Bule, die Ratsversammlung, aus der vierhundert Bürger aus den verschiedenen Teilen der Stadt der oberen drei Klassen bestehend, die die Archonten direkt überwachte und die Ausführung der ekklesischen Beschlüsse kontrollierte.. sowie Eingaben für diese vorbereitete. Die Gerichtsbarkeit, ehemals dem Aeropagus zugetragen, wurde nun dem Volksgericht überführt, welches bei kleineren Vergehen stattfand, und in welchem die Angehörigen aller vier Klassen sowohl Recht sprechen als auch klagen konnten. Der Aeropag selbst musste viele Kompetenzen abgeben, wurde ausschließlich mit Mitgliedern der ersten Klasse besetzt und hatte weiterhin die Blutgerichtsbarkeit inne... und konnte Beschlüsse der Ekklesia zurückweisen.


    Nach diesen Ausführungen starrte Charisis seine Schüler lange an, bevor er sie schließlich mit zwei Fragen entließ: worauf zielten diese Reformen nun ab? Und woran könnten sie kranken?




    TDV

  • Vala konnte nicht verhehlen, dass seine Begeisterung für Solon mit den Ausführungen des alten Griechen noch weiter anstieg. Als sie wieder einmal mit Fragen beladen entlassen wurden, schwirrte Valas Kopf von all dem, was er gerade erfahren hatte. Zwar war er immernoch isoliert in der Menge an Studenten, die sich mehr, meistens minder leise miteinander unterhielten, aber irgendwann waren ihm mehrere Worte aufgefallen, die im direkten Zusammenhang mit dem Vortrag des Griechen standen. Das, was er bisher immer für Zirpendreck gehalten hatte, war wohl sowas wie eine Versammlung... und Igeltorte war wohl ein Bürger. So langsam lichtete sich der Nebel aus Schimpftiraden und seltsamen Satzkonstrukten.. aber eben nur elend langsam. Das meiste, was Vala hörte waren immernoch irgendwelche verbalen Folterinstrumente.. vollkommen im Kontrast zu dem, was Sirius ihm ständig ins Ohr flüsterte.


    Bei der nächsten Sitzung waren es wieder die Streber aus der ersten Reihe, die die zuvor gestellten Fragen des Philosophos beantworteten: "...gerechtere Verteilung...", "...Mildestimmung...", "...Entmachtung der Rechtmäßig regierenden Eliten...", "...Langeweile?"


    Vala selbst enthielt sich in der folgenden Diskussion, durch das Abwatschen des Samothrakers in der letzten Sitzung jeglicher Motivation beraubt seinen Mund zu öffnen, auch wenn ihn die Thematik gerade brennend interessierte... sich noch einmal zum Affen machen, selbst wenn es über seinen Sklaven war, wollte er nicht.

  • Charisis von Samotrake
    [Blockierte Grafik: http://www.kulueke.net/pics/ir/nscdb/y-diverse/45.jpg]


    "Hah!", lachte der Philosophos auf eine der Erwiderungen seiner Schüler, nachdem sie sich wieder einmal eingefunden und Platz genommen hatten, um darauf zu warten wie der Gelehrte mit seinem stets gleichen Ritual das Odeon betrat, "Da trauert wohl jemand den Gracchen hinterher, eh? Gerechtere Verteilung, dass ich nicht lache... die Leute, die nichts hatten hatten auch weiterhin nichts. Man hat die bestimmende Schicht nur um eine handbreit geöffnet, und das reichte schon, um in der Kiste für Ruhe zu sorgen.. zumindest für einige Jahre, ihr Trottel! Das hat nichts mit Verteilung oder rechtmäßigen Eliten zu tun, sondern gänzlich und allein mit politischem Pragmatismus. Ihr müsst versuchen, Rom aus euren Köpfen zu bekommen... Athen war kein frühes Rom, und ist daher auch kaum zu vergleichen. Rom ist Rom, Athen ist Athen. Das vorherrschende Prinzip war: diejenigen, die viel wirtschaftlich viel dem Staate zur Verfügung stellen können, haben auch das größte Mitbestimmungsrecht.. aber, und dazu werden wir jetzt gleich kommen, auch dies war keine Lösung auf Dauer..."


    Es war die später sprichwörtlich und den Römern mit Iulius Caesar nur allzu bekannte Tyrannei, die den Ausführungen des Philosophus entsprechend dem frühen beinahe-demokratischen Gebaren Athens ein Ende bereitete. Peisistratos war der Name des Mannes, der es noch vor dem Tod des Solons fertig brachte genug politische Macht (selbstverständlich mit genug bewaffneter Rückendeckung) auf seine Person zu vereinen um die durch Solon geschaffene Gewaltenteilung und Ausbalancierung zwischen Adeligen und Bürgern zwar nicht abzuschaffen, aber stets in seinem Sinne derart zu beeinflussen, dass sich im politischen Prozess Athens stets sein Wille wiederfand. Die Tyrannen gelten heute als verabscheuungswürdige Vergewaltiger des Allgemeinwohls, welches sie ihren eigenen Interessen unterwarfen. Sie schufen über ihre eigene Lebenszeit hinaus eine so tragfähige Konzentration politischer Macht, dass sie in der Lage waren die Tyrannis quasi zu vererben und auf ihre Nachkommen zu übertragen, was die verfassungswidrige Staatslage auf mehrere Generationen ausdehnte. Im Jahr 510 wurden schließlich die Söhne des Peisistratos aus der Stadt verjagt und erschlagen, und die Restauration der durch die Tyrannen beschädigten Staatsorgane begann.


    "Kleisthenes ist einer jener Namen, die ihr euch unbedingt merken müsst, denn er drückte der Restauration der Polis Athen durch seine Reformen einen Stempel auf wie zuletzt Solon es getan hat.", fuhr der Gelehrte schließlich mit dem finalen Akt der Verfassungsgeschichte der Polis Athen fort, in dem er zu erst einmal die geographische Beschaffenheit des athenischen Staats in die politische Organisation übernahm und einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Teilen Stadt, Land und Küste anstrebte. Die Phyla und Trittyes waren dabei den Demoi übergeordnete Kategorien, die sich schließlich in der Zusammensetzung der Ekklesia wiederfand, um Konzentrationen von politischen Interessen zu verhindern und einen Kommunikationsprozess zwischen den Parteien gar zu erzwingen. Ein wichtiges Instrument war das sogenannte Ostrakismos, das Scherbengericht. Einmal im Jahr kamen dabei die Mitglieder der Ekklesia zusammen, schrieben auf jeweils eine Scherbe den Namen eines Bürgers, der es ihrer Meinung nach zum Tyrann bringen konnte, und ließen diese danach auszählen. Derjenige, der die meisten Stimmen auf sich vereinte musste die Polis verlassen und für zehn Jahre ins Exil.
    Die Bule wurde entsprechend der Neuaufteilung des Staatsgebiets auf fünfhundert Mitglieder erweitert und wurde gegenüber den Archonten und dem Aeropag aufgewertet. Letzterer büßte noch mehr Kompetenzen ein als bei Solon, und diente letztlich nurnoch als Blutgericht bei besonders schweren Vergehen.. zudem wurden nun auch Mitglieder der zweiten Klasse zu diesem zugelassen. Neu war auch die Prytaneia, welche aus fünfzig Mitgliedern der Bule gewählt wurde und für 36 Tage die Regierungsgeschäfte der Polis führte, so dass in einem Jahr alle Mitglieder der Bule an den Geschicken des Staates beteiligt waren.


    Als der alte Philosophos mit seinen Ausführungen geendet hatte, sah er seine Schüler noch einmal eindringlich an, und warf zum vorläufigen Abschluss des Geschehens folgende Frage in den Raum: Wofür das alles?



    TDV

  • Wie immer, auch wenn er nicht gerade zu den aktivsten Diskutierern gehörte, sog Vala alles in sich auf was der Samotraker über die Machtkonstellation im alten Athen dozierte. Alles. Auch wenn er nicht das Gefühl hatte, dass sich ihm hier jetzt das offenbarte, auf das er so gehofft hatte: den Schlüssel zur Etablierung einer unangreifbaren Machtposition. Es würde reichen.. die Tyrannei gefiel ihm, das musste er lassen, aber als alle anderen Studenten sich so vehement gegen diese ausließen verspürte er nicht die geringste Lust sich eben für die zentrale Konzentration von Macht auszusprechen. Freilich hatte er vor allem nur deshalb ein Faible für die Tyrannis, weil er es für verlockend hielt sich selbst in einer solchen Position zu befinden... die Tatsache, dass es viel wahrscheinlicher war, am unteren Ende der Machtkette zu landen und schließlich im Mahlwerk der Politik zerschreddert zu werden war seiner Meinung nach nur ein umso angemesseneres Risiko. Friss oder Stirb, und wenn du frisst, dann friss jemand anderen.


    Kleisthenes was seiner Meinung nach im Gegensatz zu Solon ein Narr... während Solons Credo 'Nichts im Übermaß' durchaus dazu taugte stabile Positionen zu bilden, ohne gleich darauf vom Thron gestoßen zu werden, war Kleisthenes doch nur einer, die dafür sorgten, dass man sich in endlosen Diskussionen verzettelte, weil niemand mächtig genug war um einmal auf den Tisch zu hauen. Kleisthenes sorgte also für Zerfaserung, wo Einigkeit herrschen sollte.. was ganz und gar nicht in Valas Sinne war. Athen war damit für ihn ein lehrreiches Beispiel, wie es eben nicht laufen sollte.
    Die abschließende Frage und die aufkommende Diskussion, in der Elitenhansel und unverbesserliche Populare mal wieder versuchten Kleisthenes jeweils für sich einzunehmen, tat Vala dann einfach damit ab, in dem er frühzeitig die Exedra verließ..

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!