[Lupercal] Lupercalia DCCCLXI A.U.C.


  • Die Lupercalien waren ein sehr beliebter Brauch, und so war es wenig verwunderlich, dass heute hier am Lupercal eine besonders große Menge versammelt war, um den Beginn des Festes zu feiern. Natürlich konnte man nicht ganz in die Grotte, in der nach der Sage die Wölfin Romulus und Remus gesäugt hatte und somit dem ganzen römischen Volk zur Mutter wurde. Und auch waren es vornehmlich junge Frauen, die hier gespannt auf die Luperci warteten und sich erhofften, selbst in absehbarer Zeit Mutter zu werden. Von den Riemen des frisch geopferten Bockes geschlagen zu werden verhieß immerhin Fruchtbarkeit, von den Göttern gesegnet.


    Axilla selbst wollte sicher nicht schwanger werden. Dazu fehlte ihr auch das passende Utensil (auch bekannt als Mann), aber sie wollte es sich ansehen. Sie wollte es einmal miterleben, was hier geschehen würde. Sie hatte schon viel davon gehört, und das Fest war wirklich ob seiner ausgelassenen Art sehr, sehr beliebt. Und wenn sie schon einmal in Rom war, dann wollte sie es sich auch ansehen. Zwar war es ursprünglich gar nicht ihre Idee gewesen, aber jetzt, wo sich diese einmal in ihrem Kopf festgesetzt hatte, war sie nur schwer wieder loszuwerden. Und es war ja auch fast schon eine Pflicht, einen Feiertag für einen Gott wahrzunehmen.


    Ovid hatte zwar behauptet, dieses Fest sei für Faunus, aber alle Welt wusste, dass das quatsch war. Vielleicht war Inuus Lupercus eine Manifestation des Faunus, darüber mochte man sich streiten, aber Faunus hatte sein Staatsopfer schon vor zwei Tagen gehabt. Warum sollte er zwei Opfer so kurz hintereinander haben? Und selbst wenn, so kannte die römische Religion so viele Ausprägungen verschiedener Gottheiten, dass es auf eine mehr oder weniger nicht wirklich ankam.
    Axilla versuchte, sich ein wenig größer zu machen, als sie war, um vernünftig etwas sehen zu können. Sie hatte gesehen, wie die Opfertiere zur Grotte gebracht worden waren. Ein sehr schöner Bock und ein roter Hund. Gleich würde es losgehen, und sie war schon sehr gespannt, was noch alles passieren würde. Und vor allem, ob stimmte, was sie so alles gehört hatte.

  • “Eine ganz große Wonne, Romana, ist es, zuzusehen, wie deine eigene Arbeit vernichtet wird.“ Romana blickte ihre Mitvestalin Restituta etwas zweifelnd an und versuchte dann, die Salsa Mola zu erspähen, die die Luperci verbrennen würden auf ihrem Fest. Nein, sie sah sie nicht, trotz ihrer Größe. Sie schüttelte zu Restituta nur ihren Kopf herunter.


    Romana und Restituta standen innerhalb der Menschenmenge. Ein kleiner, respektvoller Abstand hatte sich anfangs noch um die Vestalinnen gebildet, aber durch den Druck der Masse war dieser auf ein Minimum geschwunden, und die Liktoren der beiden vestalinnen waren ganz machtlos gewesen. Schließlich hatten sie es aufgegeben, den Leuten Anweisungen zuzurufen, um die sich eh niemand scherte.


    Restituta, Romanas Begleiterin, war die Vestalin, die Romana von allen Vestalinnen im Alter am Nächsten war. Wiewohl jünger, diente sie schon länger als Vestalin, war sie doch früher aufgenommen worden als Romana, für die ein kaiserlicher Dispens notwendig gewesen war. Die Vestalinnen nannten sich normalerweise, wie es Tradition war, nur beim Gentilnamen, aber Romana und Restiuta hatten insgeheim beschlossen, die Konvention zu brechen, einmal, wenn sie alleine waren oder unter Freunden außerhalb des Atriums. Es schuf einfach eine freundlichere Atmosphäre, nicht o gezwungen offizös. Und Romana sah Restituta wirklich als ihre Freundin. Die beiden hatten viel gemeinsam – nicht nur, weil sie aufgrund der unvermeidbaren Familienklüngeleien unter den Patriziern Roms Basen 5. Grades waren, mit dem selben Ururgroßvater. Romanas Großmutter selber war eine Lartia, und ein schon arg verknöcherter, aber noch lebender Beweis der Langlebigkeit, die man den Lartiern nachsagte.


    “Verbrannt? Sei froh, so erreicht es die Götter.“ “Trotzdem. Ich meine, meine Arbeit steckt drinnen. Im Schweiße meines Angesichts habe ich das gebacken! Meine Liebe und mein Blut stecken da drinnen!“ Romana rückte ihren Kopf zurück und blickte Restituta verwundert an. “Den Göttern sei Dank, dass du nicht melodramatisch bist“, kommentierte sie. Restituta seufzte. “Keinen Humor mehr, Romana?“ “Hahaha. Zufrieden?” ”Sag, was ist den dir für eine Laus über die Leber gelaufen?“ Jetzt war es an Restituta, verwundert zu wirken, und an Romana, zu seufzen. “Tut mir Leid. Tut mir wirklich Leid. Es ist einfach so... habe gerade an Calpurnia denken müssen. Sie hat gerade begonnen, Salsa Mola zu machen...“ “Ach Romana. Ich versteh’s ja.“ Restituta legte ihren Arm über Romanas Schulter, und die Claudia ließ sie gewähren, auch wenn sie solchen Emotionsbezeugungen in der Öffentlichkeit ein wenig distanziert gegenüber stand.


    Calpurina Seia, Vestalinnenschülerin, war erst vor Kurzem gestorben, im Alter von 9. Besonders ihre Mentorin, die schon alt gewordene Papiria Occia, hatte es mitgenommen. Aber auch alle anderen Vestalinnen waren nicht ungerührt davon gelassen worden. Es war ja nur ein Kind gewesen, ein kleines Kind.


    Romana räusperte sich laut und legte ihre linke Hand auf Restitutas Hand, die noch immer auf ihrer Schulter lag. “Ist schon in Ordnung.“ Restituta kam der unausgesprochenen Aufforderung nach und ließ wieder von Romana ab. “Wird sicher recht erbaulich. Ganz sicher. Das Ganze, meine ich. Wird sicher nett.“ Restituta nickte nur.

  • Während draußen schon gespannt die Menge wartete, warteten drinnen zwei junge Männer. Keiner war älter als fünfundzwanzig, und sie beide entstammten den edelsten Familien, die Rom aufzubieten hatte. Jeder von ihnen stammte aus einem der Priestercollegien der Lupercalien, und sie waren sich der Ehre, die ihr Hiersein bedeutete, durchaus bewusst. Und sie alle drei waren nackt und warteten auf die Dinge, die da folgen würden.
    Zwei rote Böcke wurden hereingebracht, ruhig durch die Kräuter, die man ihnen gegeben hatte, und für das Opfer reich geschmückt. Die Hörner und Hufe vergoldet, das Fell fein gesäubert. Ein Priester trat vor und begann mit der Anrufung des Gottes, dessen Abbild groß und prächtig in der mit Mosaiken geschmückten Höhle stand.
    “Lupercus, großer Gott der Herden. Göttlicher Hirte, der du viele Namen trägst. Wolfsabwehrer, der du die Herden schützt! Wir rufen dich an! Dir sei Ehre für deinen Schutz an deinem Feste!
    Schütze uns, großer Lupercus, wie du uns immer geschützt hast. Mach den Wolf uns zur schützenden Mutter Roms, wie du der Wölfin diese Höhle gezeigt hast, um Romulus und Remus hier zu säugen! Aber vertreib den wilden Wolf, der reißend und jagend hier eindringen will! Mehr die Fruchtbarkeit unseres Vieh, und mehre die Fruchtbarkeit unserer Frauen. Auf dass, wie Iuno vorausgesagt hat, die römischen Matronen den dir geheiligten Bock empfangen mögen! Nimm, oh Lupercus Inuus, dieses Opfer an!“

    Das rituelle Führen des Messers über den Tierrücken, dann ein sauberer Schnitt durch die Kehle , und der erste Bock brach nach kurzer Zeit in sich zusammen. Während das Blut aufgefangen wurde, wurde bereits die Bauchdecke geöffnet und die Eingeweide wurden entnommen. Der zweite Bock folgte auf die gleiche Art und Weise, und auch seine Eingeweide wurden entnommen und untersucht. Alles wartete gespannt, bis der Priester schließlich sein “Litatio!“ verkündete.


    Doch damit begann das eigentliche Ritual erst. Während ein paar Opferdiener sich eiligst daran machten, die Böcke zu enthäuten, zu zerlegen und zu kochen, trat der Priester mit dem noch blutigen Messer auf die beiden nackten Luperci zu. Mit todernster Miene trat er auf den ersten zu, berührte mit der noch blutigen Klinge dessen Stirn, so dass dort ein deutlicher Fleck zurückblieb. Sogleich eilte ein Opferhelfer mit einem in Milch getränkten Wollbausch herbei und drückte ihn ebenfalls gegen die Stirn des Jünglings, so dass die weiße Milch das rote Blut hinfortspülte. Der Nackte brach in schallendes Gelächter aus, ehe er wieder ruhig wurde, während das Ritual inklusive des Lachens bei seinem Genossen wiederholt wurde. Was dieser Brauch bedeutete, wussten sie selbst nicht so genau, und sie hinterfragten es auch nicht. Es war schon immer so gewesen und so alt wie das Opfer hier selbst. Manche sagten, es sei die letzten Überreste eines rituellen Menschenopfers, das von den Römern im allgemeinen abgelehnt wurde. Andere hatten mythischere Erklärungen.


    Daraufhin folgte das Sühneopfer des roten Hundes. Es war ein noch recht junges Tier mit warmherzigen, treuen Blick, so rot wie die beiden Böcke, die eben gestorben waren. Als er das Blut witterte und nach vorne gezogen wurde, fing er an, ängstlich zu winseln, aber das hielt keinen der Anwesenden großartig von ihrem Tun ab.
    “Lupercus, großer Wolfsabwehrer! Reinige diese Stätte, reinige diese Menschen, reinige den heutigen Tag, wie die Stirn deiner Luperci von der Milch gereinigt wurde. Großer Lupercus, lass dies einen wahren dies februatus sein. Nimm dieses Opfer als Sühne an!“
    Auch der Hund wurde den Opferriten unterzogen. Kurz jaulte er ängstlich auf, als die Klinge in seinen Hals stach, aber danach war es auch schon vorbei. Eine Untersuchung seiner Eingeweide mit einer weiteren “Litatio!“ folgte.


    Ein Teil des Fleisches war bereits zubereitet, nur kurz gebraten, und wurde unter den Opfernden im klassischen Mahl geteilt. Auch die nackten Luperci bekamen je einen Bissen, ehe sie nun ihre rituelle Kleidung anlegten, um ihrer Aufgabe nachzugehen.
    Ein Teil der Felle wurde zu Gürteln geschnitten, den sich die Männer umbunden. Im Grunde legten diese mehr frei, als sie verbargen, aber so waren die Männer nicht mehr gänzlich nackt. Der Rest der Ziegenfelle wurde in lange, dünne Riemen geschnitten, die am Ende verbunden wurden. Jeder der beiden Luperci erhielt so eine Rute in die Hand.
    “Dass doch die italischen Matronen den heiligen Bock empfangen mögen!“ riefen sie beide aus, und dann stürmten sie schon los. Raus, in die Menge, wo viele junge und auch ältere Frauen bereits begierig ihre Ankunft erwarteten. Lauter Jubel brach aus, als sie herauskamen und die Peitschen knallen ließen. Viele Frauen streckten ihnen die Hände entgegen, auf dass sie einen Streich mit den frisch geschnittenen Lederstreifen darüber erhalten mögen. Es war ein Segen, der Kinderreichtum und Fruchtbarkeit versprach, und nicht wenige Frauen wünschten sich einen kräftigen und gesunden Erben.
    Damit waren die Feierlichkeiten zu Ehren des Lupercus und der Iuno Februata eröffnet.


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    Axilla stand etwas abseits. Sie wollte sich nicht den Fruchtbarkeitsegen abholen, sie wollte viel mehr das nun folgende Fest genießen. Das erste Frühjahrsfest, auch wenn es dafür noch recht kühl war. Wie fast alle brach sie in lauten Jubel aus, als die beiden nackten Burschen erschienen und lachend und feixend loslegten, wie die Faune so wild herumzutollen und jedem Passanten einen Streich ihrer Peitschen mitzugeben. Es waren wirklich zwei fesche Burschen. In jeder Beziehung. Und bei so viel nackter Haut konnte man ja nur schwer wegschauen.
    So abgelenkt merkte sie erst nicht, dass sich ihr ein junger Mann mit einer Blume näherte. Erst, als er schon neben ihr stand und ihr diese unter die Nase hielt, schreckte sie hoch und sah lächelnd an.
    “Und, hast du deinen Namen auch schon in den Topf getan, Schönheit?“
    Er war etwas jünger als Axilla und hatte etwas verschlagenes in seinem Blick. Etwas, das Axilla sehr gut kannte und zuordnen konnte. Etwas, das sie manchmal ein wenig mehr vermisste.
    Sie schaute sich um, was er meinte. Ein großer Korb war aufgestellt worden, wo junge, noch unverheiratete Mädchen ihren Namen auf einen Zettel schrieben und in den Korb taten. Junge, unverheiratete Männer würden diese ziehen und für einen tag wären die beiden so aneinander gebunden. Ein Spaß, vor allem beim einfachen Volk, bei dem aber längst nicht jeder Familienvater seine Töchter mitmachen ließ. Aber es machten immernoch genug mit.
    “Nein, ich darf nicht.“ Axilla lächelte bei ihrer Antwort.
    “Oh, wieso? Schlägt dein Vater dich sonst? Ich würde bestimmt deinen Namen ziehen. Verrätst du ihn mir?“
    Axilla sah den Burschen an. Die Erwähnung ihres Vaters brachte sie ganz kurz aus dem Takt, vor allem die Vorstellung, dieser hätte sie schlagen können. Er hatte sie nie geschlagen. “Ähm, nein. Nein, ich bin verwitwet, und das machen nur Jungfrauen.“
    “So jung und schon Witwe? Macht nichts. Eigentlich ist es sogar besser, wenn du mich fragst. Du hast doch dann sicher einige Erfahrung...?“ Er hielt ihr noch immer die Blume hin, und einen kurzen Augenblick überlegte Axilla, ob sie diese einfach nehmen sollte. Natürlich wusste sie, auf was der Bursche anspielte und was es bedeuten würde, würde sie seine Blume annehmen. Aber selbst wenn, es war ein heiliges Fest, ein freies Fest eines freien, urtümlichen Gottes. Eines Fruchtbarkeitsgottes. Es wäre nichts anrüchiges dabei. Und dennoch beschlich Axilla ein sehr ungutes Gefühl, und sie sah sich kurz zweifelnd um.
    Wie ein weißes Leuchtfeuer stachen die Gewänder der Vestalinnen aus der Menge, und Axilla erkannte einer der Frauen an der schieren Größe. Es konnte kaum eine andere sein. “Sicher, sicher. Aber du entschuldigst mich. Ich muss eine Freundin begrüßen gehen. Viel Glück bei der Verlosung“ Sie schenkte ihm noch ein bezauberndes Lächeln, ehe sie sich schleunigst auf den Weg in Richtung der beiden weißgewandeten Frauen machte. Was auch immer die hier bei den Lupercalien wollten. Schwanger werden vermutlich nicht. Aber vielleicht ein wenig gucken?

  • Lartia Restituta


    ”Ah. Das sind ganz besonders Hübsche”, machte Restituta mit einem Lächeln um ihre Lippen. Romana blickte sie eingedenk des entblössten männlichen Fleisches vor ihr scheel an. “Restituta, jetzt mach mal halblang! Wir sind Vestalinnen und keine...“ Die Lartierin unterbrach sie hastig. “Ich meine die Opfertiere. Wovon denkst du, dass ich rede?“ Restituta lachte daraufhin, und zögerlich, aber doch, stimmte auch Romana mit ein. Es war kein großartiger Witz, aber immerhin eine leichte Auflockerung der Atmosphäre. Natürlich konnte man sich stundenlang Gedanken machen über den Tod und die Schnelligkeit des Dahinscheidens, aber Romana hatte schon Härteres überlebt als der Tod eines Kindes, zu dem sie persönlich keinen allzu großen Bezug gehabt hatte. Nein, der Tod einer echten Schwester, einer biologischen schwester, hätte sie härter getroffen. Hatte sie härter getroffen, denn Romana hatte schon zwei Schwestern, die von dannen geschieden waren.


    Doch bevor Romana noch länger daran denken konnte, begannen die Opfer. Die Opfer, die die Claudierin sehr, sehr interessant fand. Wie immer. Sie reckte ihren Kopf ein wenig, um mehr davon erhaschen zu können. Das Fest des Lupercus war ein solch quintessentiell römisches Fest, eine solch in die römische Religion eingeritzte Tradition, noch aus den Zeiten, da Roms Gedeih und Verderb von der Hirtenzucht abhing, dass Romana es naturgemäß liebte. Es bezeugte, dass den Römern doch noch etwas an der alten Religion lag – nicht nur an jenen lächerlichen, abstrusen Kulten, die aus Griechenland importiert worden waren. Oder, noch schlimmer, aus dem fernen Osten. Mit Magna Mater musste sie sich als Vestalin arrangieren, auch wenn sie den Kult absurd fand. Nun ja, er war notwendig. Ganz im Gegensatz aber zum Kult eines Mithras oder Serapis oder Ahura Mazda. Oder, am Schlimmsten, der Kult dieses Christus... schon allein der Gedanke daran konnte sie auf Hundertachtzig bringen. Nicht daran denken, befahl sie sich, sich stattdessen auf das Kultspektakel fokussierend.


    Roter Hund. Eigentlich ein putziges Tier. Aber sterben, das musste er, gnadenlos und unerbittlich. Romana gefiel es, das Blut rinnen zu sehen zur Ehre des Gottes, dessen Ehrentag es heute war. Auch wenn Romana, als erfahrene Opferherrin, das Tier vorher bis zur Besinnungslosigkeit mit diversen Rauschkräutern vollgepumpt hätte, damit ja nichts schiefgehen konnte. Aber gut, es ging auch so nichts schief.


    Restituta neben ihr seufzte, als den Kerlen die Felle angelegt wurden. Romana stieß sie in die Seite. Ein protestierendes Maunzen bekam sie als Antwort. Ja, dachte sich Romana, mecker du nur, das ändert nichts daran, dass du zumindest in den nächsten 2 Dekaden nie näher an einen nackten Mann herankommen wirst wie zur Lupercalia! Sie trat einen Schritt zur seite und zerrte Restituta hinter sich her. Wieder wollte ihre Mitvestalin protestieren, Romana aber redete hinein. “Willst du schwanger werden? Fruchtbarkeit ist wirklich das Wenigste, was wir brauchen“, mahnte sie. Restituta gab Romana einen vorwurfsvollen Blick. “Solange ich mir keinen Typen ins Bett hole, nützt mir auch die größte Fruchtbarkeit nichts! Komm einmal vom Teppich, Frau Oberlehrerin! Mich rumzerren wie eine Sklavin... also echt...“ Die Claudia hob beschwichtigend ihre Hände. “Ist ja gut, tut mir Leid!“ “Ach, schon in Ordnung. Ich weiß ja, dass du es nicht so meinst...“ Restituta und Romana blickten sich ein paar Sekunden mit einem verkrampften Grinsen an, da bemerkte die Claudierin etwas in ihren Augenwinkeln. Die kannte sie doch. Das war doch... ihr Augenmerk löste sich von Restituta, und wanderte hin zur kleinen Plebejerin, die auf sie zukam. Ja, es war schon einige Zeit her gewesen, doch Axilla hatte sich überhaupt nicht verändert, einmal äußerlich nicht, während sich zumindest Romana um einiges älter vorkam als damals, wie sie und die Iunia durch den Viehmarkt gewandelt waren. Nun ja, sie war in der Zwischenzeit vollwertige Vestapriesterin geworden... und Axilla, wenn ihr durch die Acta Diurna gespeistes Gedächtnis sie nicht im Stich ließ, Witwe. Herrje, soviel Zeit. Sie verging wie im Fluge.


    “Axilla! Du hier? Wir haben ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr voneinander gehört! Es freut mich wirklich, dich mal wieder zu sehen!“ In einer erfreuten Geste breitete sie die Arme aus.

  • Zwar stand neben Romana noch eine andere Vestalin, aber im Moment war Axilla das gleich. Zum einen wollte sie die Claudia gerne begrüßen, und zum anderen war es ihr gerade recht, wenn da noch ein wandelndes Bettlaken in ihrer Nähe war, um so übereifrig Interessierte wie den Burschen gerade eben abzuschrecken. Vestalinnen waren da geradezu perfekte Verhütungsmittel, denn aufgrund ihrer gezwungenen Jungfräulichkeit versuchten die Männer nicht einmal, sie anzuflirten. Und dieser Effekt breitete sich hoffentlich auch auf in der Nähe stehende Iunierinnen aus, denn Axilla wollte im Moment nicht in Versuchung geführt werden. Es war schon so schwer genug, anständig zu bleiben, vor allem, wenn junge, fesche Burschen nackt an einem vorbeirannten und alles ringsum in Feierlaune ausbrach.
    Dass Romana die Hände so ausbreitete, irritierte Axilla einen Moment lang. Sie stockte kurz in ihrer Bewegung, als sie auf die große Claudia zu trat. Kurz war sie sich nicht sicher, ob Romana sie umarmen wollte, oder einfach nur begrüßen. Da Umarmungen in der Öffentlichkeit aber einen ehrenrührigen Anschein erweckten, vermutlich nur letzteres. Dennoch war sich Axilla kurz nicht ganz sicher. Vor allem, da sie selbst so körperlich war, dass sie einen guten Freund auch in der Öffentlichkeit umarmt hätte.
    “Salve Romana! Ja, es ist wirklich lang her. Und die Frage könnt ich dir genauso stellen. Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich dich ausgerechnet bei den Lupercalia treffe.“ Inzwischen war sie heran und sie sah sich einmal hektisch um, ob der Bursche ihr gefolgt war, aber sie konnte ihn nicht sehen.
    “Du musst entschuldigen, aber ich muss euch grade mal als Deckung missbrauchen. Ihr könnt ihn auch nicht sehen, oder?“ Dass die beiden gar nicht wissen konnten, vor wem Axilla da jetzt geflüchtet war, bedachte die Iunia nicht. Statt dessen atmete sie lieber elreichtert durch, dass sie den Burschen offenbar losgeworden war. “Puuuh. Ne, offenbar hab ich ihn abgeschüttelt.“


    Jetzt konnte sie die Claudia erstmal richtig begrüßen, und wie üblich erfolgte das durch ein ehrliches und aufrechtes Strahlen. “Aber jetzt sag, was führt dich her? Wolltest du auch das Fest ein wenig mitfeiern?“

  • Nein, als eine Umarmung war die Geste durchaus nicht gedacht, sondern vielmehr als Begrüßung – auf eine seltsame Art und Weise war dies eine quintessentiell vestalische Begrüßungsgeste, Romana hatte sie irgendwie von ihrer früheren Mentorin und noch immer fast Mutterfigurgleichen Papiria Occia übernommen. Gleichsam hätte sich Romana auch einer Umarmung nicht widersetzt. Das Problem aber war – dies war die Öffentlichkeit. Romana, als Vestalin, Patrizierin aus altem Geschlecht und eine Frau, die im Ruf stand, erzkonservativ-traditionelle Tugenden hochzuhalten, hatte durchaus eine Reputation zu verlieren, wenn sie in der Öffentlichkeit sich allzu körperlichen Emotionalitäten hingab. Natürlich waren dies Argumente, die auf kalter Logik aufgebaut waren, und über den Haufen geworfen sehen sich konnten, wenn Romana Anlass dazu hatte, sich von ihrem patrizischen Temperament reiten zu lassen. Doch die Tatsache, dass hier noch eine Vestalin war, stellte einen Faktor dar, der die Vernunft obsiegen ließ. Trotzdem, die ehrliche und tiefe Freude konnte man Romana ansehen.


    Endlich mal eine vernünftige Frau von Schrot und Korn (wie sie, so dachte sich Romana), und nicht nur die immer wieder selben Gesichter, denen man im Atrium Vestae über den Weg stolperte.


    Romana, die mit ihren wallenden weißen Gewändern tatsächlich nicht unbedingt knisternde Erotik versprühte, fühlte sich bemüssigt, auf die Frage zur Lupercalia zu antworten. Sie setzte schon zu einer Antwort an, da wurde sie von Axilla unterbrochen, und sie kam auch danach nicht mehr dazu, noch etwas zu dieser Sache zu sagen.


    Denn jetzt musste sie lachen, herzhaft und in einer hellen Stimmlage, die sich sehr deutlich von ihrem üblichen Alt unterschied. “Deckung! Du kannst dich ja zwischen mich und Restituta stellen, und wir hüllen dich dann ein... ach ja, Verzeihung. Das hier, Restituta, ist Iunia Axilla, eine“ Wie sollte sie sie nennen? Eine alte Bekannte? Eine Gesinnungsgleiche? Eine Kumpelin? Eine Freundin? “Freundin von mir. Axilla, das ist Lartia Restituta, eine meiner Mitvestalinnen.“ Restituta lächelte der Iunierin zu. “Es freut mich sehr“, machte die Lartierin, ebenfalls aus altem römischem Adel, und wie Romana hatte sie etruskische Wurzeln, die aber bei ihr, die in Rom geboren und aufgewachsen war, weniger ausgeprägt waren als bei Romana, die sich aufgrund ihrer Kindheit in Clusium durchaus als Etrurierin empfand, zumindest zu einem gewissen Ausmaß – dies war auch der Grund, warum ihre manchmal stattfindenden xenophoben Meckereien niemals Etrurien betrafen.


    “Aber gut, dass du ihm entkommen bist – Lustmolche gibt es so viele auf der Welt, doch gut, dass es noch anständige Frauen gibt, die solchen Leuten etwas gegenübersetzen.“ Denn dass Axilla eine anständige Frau war, das stand außer Frage für Romana. Sie hob sich wohltuend von den Schicksen ab, die sich an jeden heranschmissen.


    Die Frage von vorhin hörte sie dann plötzlich, sah sich wieder mit ihr konfrontiert. Die Antwort war klar. “Nun, diese Frage ist leicht zu beantworten. Ich mag die Lupercalia. Es ist einfach eine so urrömische Feier, dass es... nun, dass es eine Wonne ist. Frei von orientalischem Unfug, der sich hier in Rom breit macht. Unbelastet von Kulten, die sich gegen Rom richten, unbefleckt von modernem Schwachsinn.“ In ihren Augen glühte es auf. Wenn die Augen die Spiegel der Seele waren, war Romanas Seele entflammt. Und das war sie auch; die Bewahrung der alten Religio Romana (nicht zuletzt ihre Namensvetterin) war ihr ein Herzensanliegen. Doch die Fackel des Fanatismus währte nicht lange, wie ein verbrennendes Hölzchen erlosch es wieder, als Romana wieder in ihr inneres Äquilibrium zurückfand. Ihr fiel was ein. Axillas Mann war ja gestorben! Hatte sie damals ein Kondolenzkärtchen geschickt? Mist, es fiel ihr gar nicht mehr ein, ob sie das nicht verschludert hatte. Sie beschloss, es nicht zu erwähnen, und doch musste für einen Augenblick ein banger Ausdruck in ihr Gesicht getreten sein, der klar im Kontrast zu Romanas eben noch lodernden Emotionen stand.


    [SIZE=7]EDIT: Tippfehler[/SIZE]

  • Oh, sie hatte ganz vergessen, sich der anderen Vestalin vorzustellen! Na, egal, jetzt war es schon zu spät, der Fehler passiert, und Axilla tat einfach so, als hätte sie es gar nicht bemerkt. “Salve, Lartia“ grüßte sie einfach noch aus der Halbdeckung heraus, ohne sich selbst ausgiebigst vorzustellen – das wär jetzt doch albern gewesen, und ihren Cognomen kannte die Vestalin ja dank Romana – und schaute noch kurz nach dem jungen Burschen, der sie zu einem Stelldichein überreden hatte wollen. Was sie eigentlich nicht ganz so schlimm gefunden hätte, wie Romana es nun kommentierte, aber das konnte sie ja schlecht sagen.
    Überhaupt war das Thema nicht so ganz angebracht, immerhin war Romana Vestalin. Da wär es gemein gewesen, ihr vorzuschwärmen, wie schön das ja eigentlich wäre und dass sie ja eigentlich auch Lust hätte, es aber eher Angst war, die sie gerade hatte flüchten lassen. Sie konnte ja nicht mit einem Wildfremden... wer weiß, am Ende schnitt der ihr noch in einer dunklen Seitengasse die Kehle durch oder sowas. Und irgendwo wusste Axilla ja auch, dass sich das nicht gehörte. Nicht auszudenken, sie würde schwanger werden, ohne verheiratet zu sein! Und nochmal konnte sie nicht den Weg gehen, den sie in einer ähnlichen Situation schon gegangen war. Aber darüber konnte sie mit Romana alles nicht reden, weil die Vestalin ja sowieso da nicht auf eigene Erfahrung bauen konnte. Außerdem wäre es gemein, fand Axilla, und sie mochte Romana ja und wollte nicht gemein sein. Also erwiderte sie den 'Lustmolch' nur mit einem schiefen Grinsen und hörte sich die weitere Erklärung von Romanas Hiersein an.
    Urrömisch und nicht verseucht von fremdländischen Kulten.... uff. “Also, ich bin hier wegen der Feier. Jetzt war es so lange kalt und ungastlich, da kann man das Erste der Feste, die den Frühling einleiten, schon feiern.“ Axilla war es eigentlich egal, ob etwas nun besonders römisch war oder nicht. Sie hatte auch Alexandria toll gefunden, die Kulte und Bräuche geheimnisvoll. Und die waren ganz und gar nicht römisch gewesen. Allein schon der Kult um Serapis und Isis, der in Alexandria ja besonders ausgeprägt war, war absolut unrömisch. Axilla hatte gehört, in Memphis gäbe es sogar noch den alten Apis-Kult, die einen lebenden Stier anbeteten. Mehr noch, dieser Stier war sogar immer mit Zwillings-Mädchen verheiratet, die dann bei dem Tier in einem Tempel lebten, bis der Stier starb. Ägypter waren da schon sehr komische Leute. Aber Axilla, die sowieso sehr unreligiös im eigentlichen Sinne war, hatte das eher fasziniert als echauffiert.
    “Und ich hab es noch nie gesehen. Aber... verstanden hab ich's nicht, muss ich zugeben.“ Axilla zuckte leicht die Schultern. Von dem Gefühlsumschwung bei Romana bemerkte sie nichts, sie war zu sehr gefangen von dem Treiben einige Schritte weiter, wo die ersten Kärtchen von Jünglingen gezogen wurden und sich so die ersten Lupercalienpaare bildeten. Was die jungen Mädchen, die wie die Hühner zusammensaßen, mit kicherndem Glucksen kommentiert wurde, und wann immer eine aus ihren Reihen nun ausgelost wurde, mit einem fröhlichen Aufschrei quittiert wurde.

  • Restituta neigte ihren Kopf kurz, nicht wie zur Verbeugung, sondern um mit einem Nicken anzudeuten, dass sie die Begrüßung gehört hatte. Unterdessen verlor sie aber nicht ihr Lächeln. Eine Fruendin von Romana, dachte sie, konnte ja nicht schlimm sein. Nicht aber, dass sie sich selber in die Konversation einmischte—von natur aus war sie zurückhaltend und ein wenig schüchtern, sodass sie sich auch brav im Hintergrund hielt.


    Romana hingegen war von der Präsenz her deutlich auffälliger, nicht nur, weil sie alleine durch ihre Größe alle anderen Vestalinnen überschattete. Ihren Freunden und Freundinnen zeigte sich die Vestalin, die andernorts auch durchaus eine überstrenge und fanatische Patrizierin sein konnte, von der Sonnenseite. Freilich war sie schon seit vielleicht 10 Jahren Vestalin, aber trotzdem musste sie sich selber gegenüber zugeben, dass der Gedanke, dass die Einigung mit Männern ihr verschlossen blieb, zwiespältige Gefühle in ihr auslöste. Einerseits gefiel ihr das Leben als Vestalin, und sie wusste, wäre sie nicht Vestalin geworden, wäre sie vielleicht als Heimchen bei irgendeinem alten patrizischen Senator gelandet. Andererseits... einmal einen Mann nahe bei sich spüren. Einmal... ach, sie sollte mit dem Nachdenken aufhören. Eine Claudia träumte nicht, eine Claudia stellte sich den Realitäten! Und die Realität war, dass sich eine solch passable und untadelige Römerin, wie Romana es zu sein anstrebte, sich den Gedanken an ein erfülltes Sexleben abschminken konnte. Egal, ob Vestalin oder nicht. Adel verpflichtete schließlich. Und ohnehin war Romana viel zu konservativ in ihrer Ausrichtung, reaktionär in ihren Gedanken, altmodisch in ihren Vorstellungen, als dass solche Gefühle sich bei ihr länger halten konnten als ein paar Sekunden, bevor sie von einer wahren Flutwelle an nüchterner Rationalität erstickt wurden. Die Rationalität sagte ihr, Vesta würde es ungerne sehen. Und sie sagte ihr, für so etwas würde sie sterben. Und dann gab es noch eine kleine hässliche Stimme in ihr, die ihr einflüsterte, sie sei ein viel zu großer Trampel, um einen mann zu finden, der je etwas an ihr finden würde.


    Wenn Axilla Romanas offenherzig getragenen Rassismus befremdlich fand, ließ sie es sich nicht anmerken, sondern lächelte nur, was Romana in ihren engstirnigen politisch-religiösen Ideen auch nur bestärkte. “Ganz genau, liebe Axilla, ganz genau. Unsere Vorfahren haben es absolut perfekt eingerichtet, dass dieses Fest heute gefeiert wird. Denn hast du jemals schon eine verregnete Lupercalia gesehen? Nein.“ Sie lächelte warmherzig. “Du warst noch niemals auf einer Lupercalia?“, fragte sie dann zusätzlich, denn so hatte sie Axillas Satz verstanden. “Merkwürdig. Feiern die keine Lupercalia in... ach ja, natürlich feiern die bei euch in Hispania keine Lupercalia. Es gibt ja keine Luperci in den Provinzen.“ Sie lachte, leicht peinlich berührt. “Nun, dann schau es dir an. Schau es dir gut an. Präge dir ein, wie wir in Rom Feste zu feiern verstehen.“


    Sie reckte ihren Hals, um zu sehen, wohin Axilla schaute. Kurz verzog Romana missbilligend ihre Lippen, als sie sah, wie die jungen Dinger da ganz unverschämt herumturtelten. Aber nun ja. “Heute ist ja die Lupercalia. Da dürfen sie das“, murmelte sie zu sich selber. “Unsere Vorfahren werden schon gewusst haben, wozu dies gut war...“ Sie blickte wieder zu Axilla, lächelte, und zuckte die Schultern. “Ich muss gestehen, das höchste und erhabenste Fest, welches man hier in Rom sieht, ist die Lupercalia nicht. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, die Vestalia ist äußerst interessant.“ Für verheiratete Frauen, natürlich.

  • Axilla hütete sich, Romana zu verbessern. Ganz sicher hatte es an den Lupercalien schonmal geregnet. Bestimmt sogar oft. Und wenn sie sich den Himmel so anschaute, würde sie keine Wetten auf das heutige Wetter annehmen, denn die letzten Tage hatte es auch immer wieder kalte Schauer gegeben. Und die Wolken heute sahen soviel anders nicht aus als die von gestern. Aber man wollte ja nicht streiten, und da Axilla noch nie bei den Lupercalien dabei war, hatte sie sowieso keine Beweise. Aber sie glaubte nicht, dass die Götter sich extra die Mühe machten, das Wetter zu ändern, nur weil ein fest war. Irgendeine Gottheit hatte andauernd einen heiligen Tag oder sonstiges, und wenn da die ganzen Windgötter jedes Mal Rücksicht zu nehmen hatten, müssten die Götter ja nur am streiten sein.
    “Vor allem gibt es in Hispania kein Lupercal.“ Und ohne das konnte man schlecht dem Lupercus ein Staatsopfer darbringen.


    Dass Romana sie aufforderte, sich alles genau anzusehen, hatte schon etwas ulkiges an sich. Axilla warf schon einen sehr genauen Blick auf die in der Menge verschwindenden Luperci und deren durchtrainierten Hinterteile. Dazu eine Aufforderung von einer Vestalin zu bekommen hatte etwas urkomisches an sich. Axilla lag schon ein koketter, kleiner Spruch auf der Zunge, aber sie biss sich grade noch rechtzeitig darauf, bevor der seinen Weg nach draußen fand.
    “Ach, bei den Vestalia wird auch gesungen und getanzt?“ fragte Axilla etwas überrascht. Sie hatte gedacht, das sei ein altes, eingestaubtes Opferprozedere für verheiratete Frauen. Sie hatte ja noch nie daran teilgenommen und wusste nur das, was man so sagte. Und das, was man so sagte, klang bei weitem nicht so spaßig wie das, was man über die Lupercalien so erzählte.

  • “Ja. Klar.“ Romanas Grinsen war ein wenig verzogen. Ohne Lupercal keine Lupercale, ohne Lupercale keine Lupercalien. Nun ja, sie war jetzt doch wohl ein Stadtkind geworden auf ihre alten Tage. Ein richtiges Stadtkind, das dachte, Rom wäre die ganze Welt. Globale SPQR-Osmose. Wenig hatte sie noch von dem eher ländlich geprägten Mädchen, welches von Etrurien hierher nach Rom gekommen war, um Vestalin zu werden. Wie lang war das schon her? Jahre! Romana wollte gar nicht daran denken. Damals in Clusium, tja, da hatte es auch kein Lupercal gegeben. „Ein“ Lupercal zu sagen, war sowieso daneben, da es implizierte, es gäbe mehrere. Es gab nur ein einziges.


    Romana fiel gar nicht ein, dass so eine Aussage von einer wie ihr sehr seltsam klingen musste, denn egal, was hier passierte, es war römisch. Wäre dieses Fest orientalischen Ursprungs gewesen, und hätten die Halbnackten hier durch ihr Herumgerenne Serapis oder Baal gefeiert, dann hätte Romana über die bloße Tatsache, dass in Rom so etwas erlaubt wurde, gewütet, dass die Wände buchstäblich gewackelt wären.


    Doch alleine durch seine römischen Wurzeln erntete das Fest Romanas Zuspruch, denn für die Claudia war alles, was urrömisch war, automatisch hehr und achtbar. So wie dies auch für die Vestalia zutraf. Sie entgegnete die Frage Axillas mit einem erstaunten Blick. Wie immer, wenn sich Verwunderung in ihrem Blick widerspiegelte, blinzelte sie ziemlich stark, als ob sie etwas in den Augen hätte.


    “Nnn... nein. Bei der Vestalia kommen alle Matronen Roms zum Tempel der Vesta und opfern ihr Speisen. Und zwar vor der Repräsentierung der Vesta auf Erden, der Fla...“ Romana hielt in der Mitte des Wortes inne. Blickte hinauf. Blinzelte. Wandte sich an die Lartierin, die noch immer neben ihr stand. “Verfl...“, sie verbiss sich einen Fluch. Schnell wirbelte sie wieder zu Axilla hin. “Du, Axilla, das tut mir jetzt fürchterlich Leid! Ganz entsetzlich Leid! Aber ich glaube, ich habe jetzt gleich Feuerwache... und das kann ich nicht versäumen. Ich muss jetzt ganz schnell weg.“ Die Tatsache, dass es im alten Rom keine exakten Zeitmessgeräte gab, und Romana die Zeit nur anhand des Standes der Sonne erahnen konnte, musste in Kombination mit Romanas leicht panischer Reaktion davon zeugen, dass die zeitliche Knappheit überaus brisant war und Romana hier, im Gespräch mit der sympathischen Iunia, die Zeit komplett vergessen hatte. “Ich muss jetzt wirklich weg. Valete!“, verabschiedete sie sich.


    Restituta blickte Romana nach, wie diese hastig wegeilte, und seufzte dann. “Olle Schussel“, machte sie leise und mit einem recht vergnügten Lächeln, bevor sie sich Axilla zuwandte. “Nun denn, werte Iunia, ich hoffe, dir macht es nichts aus, wenn ich nun auch gehe, ich glaube, ich habe für heute genug Urrömisches gehabt.“ Ihr Grinsen wurde noch ein wenig breiter; Axilla war beileibe nicht die einzige, die sich wegen Romanas eingefahrener Ansichten wunderte. „Es war aber sehr nett, dich kennen gelernt zu haben,und vielleicht trifft man sich ja auch mal wieder.“ Sie nickte einmal freundlich. “Vale und einen schönen Tag noch.“ Dann wandte sich Lartia Restituta gemächlich um und suchte ihren Weg durch die sich schon lichtende Menschenmenge hinfort.

  • Wieder einmal stand ein Staatsopfer an. Es handelte sich um die Lupercalia, wo für Faunus eine Opferung stattfand, direkt beim Tempel des Vegetationsgottes. Schafe standen bereits im Tempel bereit, als die Vestalinnen auf der Tiberinsel eintrafen. Eine Menge junger Frauen erwartete sie ebenfalls bereits. Das Thema Fruchtbarkeit spielte heute eine große Rolle und begrenzte sich bei den Fürbitten nicht nur auf das liebe Vieh, sondern erstreckte sich auch auf einzelne junge Frauen, die gern schwanger werden wollten. Aber auch ältere Frauen zog es hierher und solche, die zwar jung an Jahren, aber ohne Kinderwunsch waren.


    Sie alle sahen die Vestalinnen in den Tempel hineingehen und verbrachten die Zeit des Voropfers in der kühlen Winterluft. Manch eine begann zu zittern, doch niemand wusste zu sagen, ob von der Kälte oder der Anspannung, denn sie konnte eine von jenen sein, die sich sehnlichst ein Kind wünschten.


    Rauch stieg nach oben. Er duftete für viele nach geröstetem Getreide. Die Schwaden erhoben sich, wurden vom Wind zerrissen und in teilweise andere Richtungen getrieben, je nachdem von wo die Böe kam. Der Duft nahm ab und nach Minuten des Wartens entströmte ein schwacher Bratenduft dem Tempel. Er zeigte der Menge draußen an, dass bereits der blutige Teil beendet und einzelne Fleischstücken angebraten wurden, damit sie von den Opfernden verspeist werden konnten.


    Wenig später wurde die Tempeltür aufgerissen und junge Gottesdiener stürzten hinaus. Die Menge begann zu kreischen und doch wollten sie ausdrücklich das Schauspiel, bei dem die nur dürftig bedeckten Männer mit den soeben gebastelten Peitschen auf sie zurasten. Immerhin trugen sie jetzt diese spärliche Bedeckung, während im Innern des Tempels keine Kleidung für sie vorgesehen war. Manch junge Frau freute sich darüber, einen Peitschenhieb erhalten zu haben, was außerhalb dieses Festes sicher niemand sich wünschen würde.

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