[Mare Nostrum] Die Fahrt der Astarte | Alexandria - Roma

  • Von Alexandria aus fuhr die Astarte gemächlich in Richtung Westen. Der Nachthimmel war wolkenlos und gewährte deshalb einen ungetrübten Blick auf die funkelnden Sterne. Da der Mond jedoch bloß als Sichel am Firmament hing war es nicht allzu hell, besonders da Fackeln und Öllampen an Bord brannten und dadurch eine nächtliche Weitsicht schon einmal von Haus aus sehr stark eingeschränkt war. Hinter ihnen konnte man am Horizont auch immer noch den orangen Feuerschein des Pharos ausmachen. Eine leichte Ostbrise blähte die Segel des phönizischen Handelsschiffs und Nasica stand immer noch an Deck, um all diese Sinneseindrücke in sich aufzunehmen. Rund um ihn herum kehrte langsam Ruhe ein nach den hektischen Betrieblichkeiten des Aufbruchs. Die Segel waren gesetzt, die Ladung verstaut und die Dienst habenden Männer auf ihren Posten. Jetzt galt es nur noch den Kurs zu halten und dem Wind die restliche Arbeit zu überlassen. Die Männer die für den Rest der Nacht nicht mehr benötigt wurden gingen einer nach dem anderen unter Deck, wo sie ihre Würfelspiele auspackten, um um eine oder zwei Amphoren Wein zu spielen. Nasica war jetzt alleine vorne am Bug. Hier gab es keine Fackeln und so konnte er viel weiter in die Nacht hinaus sehen. Die dunklen Schemen der Küste links von ihnen mochte diesen Eindruck zwar ein wenig begrenzen, jedoch bekam Nasica erstmals ein Gefühl für die Größe der Welt. So weit das Auge reichte nichts als offener Raum, über ihm der Himmel und unter ihm das Meer. Nasica selbst kam sich winzig im Vergleich dazu vor, einem Floh gleich, der einen großen See überqueren wollte. Erst jetzt konnte er die Erzählungen der Seeleute aus dem Alexandriner Hafen besser nachvollziehen, wenn die von den Stürmen auf offener See erzählten, die sie mitgemacht hatten. Selbst jetzt bei ruhiger Fahrt glaubte Nasica die unglaubliche Macht des Ozeans zu spüren dem ein Wimpernschlag wohl mehr Mühe machte, als ihre unbedeutende Nussschale zu zerschmettern. Sie befanden sich ungeschützt im Herrschaftsbereich von Neptunus, jederzeit konnte sich der große Gott dazu entschließen sie mit einer gewaltigen Flutwelle auszulöschen. Zum Glück war Neptun nicht sein griechisches Pedant Poseidon, der ja berüchtigt für seine Zornesausbrüche war in Folge derer er Erdbeben verursachte und mit seinem Dreizack aufs Wasser schlug, um die See für Sterbliche gefährlich zu machen. Doch wer von beiden herrschte jetzt wirklich über das Meer? Neptun, oder Poseidon? Nasica hoffte ja doch, dass es der wesentlich besonnenere Neptun war, sonst könnten sie noch ein Problem bekommen, wenn sie etwas falsch machten, oder den Gott aus Versehen mit irgendwas beleidigten. Beim Gedanken an einen wütenden Meeresgott, der jederzeit ihr Schiff mit einer Sturmflut auf den Meeresgrund reissen konnte wurde Nasica plötzlich mulmig zumute und die nächtliche See wirkte überhaupt nicht mehr schön und faszinierend, sondern eher bedrohlich. Bildete er es sich ein, oder war der Wind stärker geworden? Besser wohl, wenn er schön langsam unter Deck ging.


    Kaum war seine Welt von allen Seiten durch Holz wieder begrenzt, fühlte er sich schon wieder wesentlich besser. Ganz in der Nähe hörte er das Lachen und Gröllen von einigen Männern, die zusammensaßen und gerade darum würfelten wer beim nächsten Landgang einen Lupanarbesuch von den anderen spendiert bekam. Nasica grinste, ging aber nicht zu ihnen. Solcherlei Art von Zeitvertreib (und Preis) waren nichts für ihn. Ob er noch ein wenig lesen sollte? Eine Öllampe hatte er ja, deshalb machte er es sich mit einer Decke in seinem kleinen Verschlag gemütlich und begann eine der Papyri zu sich herzuziehen. Wie es der Zufall so wollte war es eine aus dem Tanach und erzählte von einem Mann namens Noah. Beim Lesen dieses Namens klingelte etwas bei ihm. Moment! Hatte ihm Ezra ben Abraham nicht erzählt, dass das genau der Mann im Buch war, der ein großes Boot gebaut hatte, um ein Paar von allen Tieren vor einer großen Flut zu retten? Eine Bootsgeschichte, besser als das konnte ja nichts im Moment passen! So begann er gespannt zu lesen alles andere um sich herum vergessend.

  • Am nächsten Morgen wachte Nasica sehr früh auf. Die leicht zerknitterte Schriftrolle unter ihm sagte aus, dass er gestern wohl während des Lesens eingeschlafen sein musste. Wie spät es wohl war? Er spitzte seine Ohren. Alles rund um ihm war still, abgesehen vom monotonen Rauschen des Meeres. Da er zum ersten Mal eine Reise per Schiff unternahm, konnte er die ungefähre Tageszeit auch nicht wirklich anhand des Lichts in seinem Verschlag abschätzen, besser, wenn er einmal aufs Deck hochstieg.
    Oben angekommen riss er vor Staunen seine Augen auf. Oh wie war das schön! Der ganze Himmel war wolkenlos und in ein blaßes blau-rosa getaucht, besonders im Osten. Es war bereits hell, aber die Sonne war noch nicht aufgegangen und rund um sie herum, so weit das Auge reichte, die spiegelglatte See (und natürlich die üblichen Schemen der afrikanischen Küste zu ihrer linken). Dieses sich ihm bietende Bild gefiel ihm direkt noch besser als das nächtliche von gestern. An Deck waren die Matrosen schon emsig bei der Arbeit, während sich Nasica im Heck der Astarte über die Reling beugte mit dem Blick nach Osten. Nicht mehr lange und die ersten Sonnenstrahlen würden über den Horizont steigen, bestimmt ein ganz magischer Moment, den er um keinen Preis verpassen wollte. Kapitän Methusastartos hatte sich wohl von seinem gestrigen Anfall wieder beruhigt, denn er trat jetzt seinerseits zu Nasica, um ihm Gesellschaft zu leisten. Sein wissendes Schmunzeln verriet schon, dass ihm der Grund bekannt war warum Nasica dort stand, wo er nun einmal stand. "Die ersten paar Sonnenaufgänge auf dem Meer wird man nie vergessen und du wirst auch nie wieder schönere erleben, glaub es mir." Nasica drehte sich zu ihm um.
    "Kannst du dich denn noch an deinen ersten erinnern?"
    "Dumme Frage, natürlich weiß ich das. Es war das erste Mal gewesen, dass mich mein Vater als kleiner Junge aufs offene Meer mitgenommen hatte während einer Handelsreise nach Zypern. Zuvor hatte ich ihn natürlich schon oft auf der Linie Sidon - Tyros begleitet, aber das war Nord-Süd-Küstenschiffahrt, also keine besonders schöne Stelle, um Melkarts Strahlen zu bewundern."
    "Von wem?"
    "Oh, verzeih mir, ich meine unseren Gott Melkart, der der Herr der Sonne ist und auch der Stadtgott von Tyros und Schutzherr der Schifffahrt und der Kolonisation."
    Ein typisch phönizischer Gott also, dachte sich Nasica im stillen.
    "Dann muss dieser Melkart ein sehr wichtiger Gott für dich sein, oder? Wo du als Händler ja ständig auf dem Meer unterwegs bist."
    Methusastartos stimmte nur zögerlich zu und begann dabei an seinem Anhänger herumzunesteln, den er um den Hals trug. "Wichtig ja, aber nicht am allerwichtigsten. Ich bin immerhin aus Sidon, unsere Stadtgottheit ist Eschmun." Zur Unterstreichung seiner Worte zeigte er ihm jetzt seinen Anhänger genauer. Es war eine durchstochene phönizische Silbermünze die das Abbild einer jugendlichen Figur mit einem, von einer Schlange umwundenen, Stab zeigte.
    Als Nasicas Blick darauf fiel, kam ihm die Darstellung merkwürdig vertraut vor. "Ist das nicht Asklepios, der griechische Gott der Heilkunst?"
    Der Phönizier schüttelte den Kopf. "Nein, das ist Eschmun, aber es stimmt, dass er einiges mit Asklepios gemeinsam hat. Auch er ist ein heilkundiger Gott, außerdem auch ein Fruchtbarkeitsgott, da er jedes Jahr von Neuem stirbt, um dann wiedergeboren zu werden."
    "Wie meinst du das? Das lässt mich wiederum an Persephone denken, die jedes Jahr für einige Monate zu ihrem Gatten in den Hades hinabsteigen muss. Während dieser Zeit ist alles kalt und tot auf der Erde, bis zum Frühling, wenn Demeters Tochter wieder aus der Unterwelt zurückkehrt."
    Methusastartos lachte. "Nein, das ist bei Eschmun ganz anders. Er war ein sterblicher Jüngling aus Be'erot gewesen, der die Liebe der Himmelskönigin Astarte auf sich gezogen hatte. Um ihren Werbungen endlich zu entgehen verstümmelte sich Eschmun und starb an seinen Wunden. Doch Astarte hauchte ihm neues Leben ein und nicht nur das. Eschmun kam zurück...und das als Gott."
    Nasica nickte als Antwort, sagte aber nichts. Er hatte das aufbrausende Temperament des Phöniziers gestern ja schon einmal kennenlernen dürfen, als er unabsichtlich seine Handelsroute beleidigt hatte, was würde da erst bei einer falschen oder unbedachten Bemerkung über seine Götter passieren? Einerseits fand er es sehr interessant näheres über die Götter der Phönizier zu erfahren, andererseits hörten die sich aber auch wie ein großer zusammengerührter Mix aus griechischen Gottheitten an. Fruchtbarkeitsgötter, die einen Zyklus durchliefen, Heilsgötter mit Schlangenstäben und wolllüstige Liebesgöttinnen...konnten zwei verschiedene Pantheons wirklich so ähnlich sein? Oder waren überhaupt die Mythologien des Mittelmeerraums enger miteinander verwoben, als er bislang gedacht hatte? Er erinnerte sich da nur allzu schnell an diese große Flut, von der er kürzlich sowohl bei Noah, als auch beim älteren Gilgamesch gelesen hatte. Jetzt wo er gedanklich schon beim Tanach war, fiel ihm auch auf, dass "Eschmun" lautlich gar nicht soo weit von dem von Ezra ben Abraham erwähnten "HaSchem" war, woran man wieder einmal erkannte, dass beide Götter aus derselben Ecke der Welt stammen, wo ja auch die Phönizier und die Hebräer verwandte Völker waren. Und Nasica war sich im klaren, dass er mit dem folgenden Gedanken einen nun wirklich SEHR weiten Bogen schlug...aber eine Göttin, die aus Liebe einen Toten zurückholte erinnerte ihn doch auch sehr an Isis und Osiris (wo er als Alexandriner natürlich weit besser mit der ägyptischen Götterwelt vertraut war, als mit der phönizischen). Ob es auch hierbei irgendeine Art von Zusammenhang gab? Ägypten war ja geographisch gesehen auch ziehmlich nahe an Judäa und Syrien.


    Methusastartos holte Nasica aus seinen Gedanken, als er nach oben deutete und rief: "Sieh nur, Azizos der Morgenstern lächelt zu uns herab." Nasica blickte hoch. Recht lange würde dieser Azizos wohl nicht mehr zu sehen sein, denn schon kündete grelles Licht aus dem Osten den endlich stattfindenden Aufgang der Sonne an und der erste Tag auf Nasicas Fahrt nach Rom begann.


  • Der erste Reisetag verlief relativ ereignislos für Nasica. Da er sich mit dem nötigen Kleingeld als Passagier auf Methusastartos' Schiff eingemietet hatte, brauchte er auch nicht mitzuarbeiten und so hatte er ungewohnt viel Freizeit zur Verfügung. Von Mago, dem Navigator der Astarte, wusste er, dass sie in eineinhalb Tagen den Hafen von Paraetonion (bzw. von Paraetonium, wie es die Römer nannten) für einen kurzen Zwischenaufenthalt anlaufen würden. So nutzte Nasica also die Zeit bis dahin, um sich an das Reisen per Schiff zu gewöhnen und gleichzeitig die Leute an Bord näher kennenzulernen. Das erschien ihm als nützlich, wo er ja jetzt einen ganzen Monat mit ihnen verbringen würde. Da er aber auch nicht bei der Arbeit stören wollte, passte Nasica immer eine sich bietende Gelegenheit ab, um mit einem der Männer ins Gespräch zu kommen, ganz so, als ob es sich zufällig in jenem Moment ergeben hätte. Auf diese Art verging ein Großteil seines ersten Reisetages und gegen Abend kannte er schon einige Namen mehr. Da war zu einem natürlich einmal Methusastartos, der Besitzer und Kapitän der Astarte. Nasica erfuhr von einigen Matrosen, aber teils auch vom Kapitän selbst, dass Methusastartos in Sidon weitere Handelsschiffe besaß, die unter seinem Namen in alle Teile des östlichen Mittelmeeres fuhren. Die Astarte war das Flaggschiff seiner kleinen Handelsflotte und (im Unterschied zu seinen anderen Schiffen), rein nur mit Phöniziern bemannt. Ein weiteres wichtiges Mitglied der Mannschaft war Mago der Navigator. Er war ein 53-jähriger Mann mit grauem langen Bart und braungebrannter Haut. Mago stammte von einer uralten Seefahrerfamilie aus Byblos ab, wenn sich auch Nasica ziehmlich sicher war, dass das vermutlich jeder Phönizier mit einem Funken Vaterlandsstolz von sich behauptete. Aber dem Navigator der Astarte glaubte er es sofort. Gesteuert wurde das Schiff von Himilkon dem Haizahn. Diesen Beinamen sollte er sich (laut der Erzählung des Schiffsjungen Hanno) verdient haben, als einmal ein Hai aus dem Wasser gesprungen und versehentlich an Bord der Astarte gelandet war und das zum gewaltigen Schreck von Himilkon diesem direkt vor seine Füße. Im Rausch seines Adrenalins (und auch teils aus Ärger, dass er beim Steuern des Schiffs gestört worden war) soll Himilkon daraufhin fluchend auf die Schnauze des Fisches eingeschlagen haben, bis dieser einen Zahn verlor, den er seither an einer Lederschnur um den Hals trug.
    Beim Hören dieser Geschichte hatte Nasica doch kurz schlucken müssen. Merke: Niemals Himilkon erschrecken, oder ärgern, wenn man alle seine Zähne behalten wollte.
    Von den Matrosen war Nasica bislang am positivsten ein Mann namens Abdemon aufgefallen. Genauso wie Methusastartos kam er aus Sidon und war ein wahrer Berg von einem Mann. Einmal hatte Nasica wieder an der Reling gelehnt und aufs Meer gestarrt, als es plötzlich rund um ihm dunkel geworden war. Als er sich daraufhin umgedreht hatte, hatte er bemerkt, dass Abdemons Schatten diese Verfinsterung hervorrief, als der Matrose nachsehen hatte wollen, was ihr Passagier denn so konzentriert draußen auf den Wellen angeblickt hatte. Abdemon konnte brüllen wie ein römischer Centurio, aber Tieren fügte er kein Leid zu. Gegen Abend nämlich hatte eine Maus Nasica in seinem Verschlag besucht und als der Matrose auf die erschreckten Rufe des Valeriers hin herbeigeeilt kam, tötete er sie nicht (wie Nasica das eigentlich erwartet hatte), sondern packte sie mit seiner Faust und trottete von dannen. Später zeigte er ihm, dass er das Mäuschen in einen kleinen Holzkäfig gesperrt hatte. "Ich nenne sie Aschera, sie wird uns Glück bringen"
    Nach einem verwirrten Blick auf Hanno hatte der Schiffsjunge ihm mitgeteilt, dass Abdemon das immer mit der ersten von ihm an Bord gefangenen Maus einer neuen Fahrt zu tun pflegte. Seeleute und ihr Aberglauben...


    Am frühen Morgen des nächsten Tages erwachte Nasica ganz aufgeregt. Heute würden sie ihren ersten Zwischenstopp unternehmen! Doch bis es soweit war musste er sich noch eine ganze Weile gedulden, denn die Umrisse der Stadt tauchten erst am späten Nachmittag auf. Überhaupt nicht neugierig stand Nasica am vorderst möglichen Punkt des Schiffs, um ja auch als Erster möglichst viele erste Details der Stadt zu sehen, sofern das auf diese Entfernung hin denn möglich war. Mago trat an seine Seite mit einem belustigten Blick auf ihren Passagier. "Na Jungchen, schon wieder so große Sehnsucht nach Festland unter den Füßen?" Nasica schüttelte den Kopf, dabei unabllässig die Siedlung vor ihnen fixiert haltend. "Nein gar nicht, ich bin nur so aufgeregt auf neue Abenteuer an neuen Orten, fern der Heimat!" Belustigt blickte ihn Mago an. "Erwarte da nur nicht zu viel, Jungchen. Du wirst schon bald merken, dass das gar nicht einmal so sehr abenteuerlustig ist die meiste Zeit und im Grunde ein Hafen dem anderen gleicht. Überall die gleichen Gebäude und die selben Berufe anzutreffen."
    "Das mag sein, aber die Leute und die Geschichte der Stadt sind immer wieder anders! Sie formen den Charackter einer Stadt!"
    Mago zuckte mit den Achseln. "Na wenn du meinst..." Eigentlich wollte er sich umdrehen und wieder zu seinen Navigationsinstrumenten zurückkehren, jedoch hielt ihn Nasica noch mit einer Frage zurück. "Diese Stadt dort vorne zum Beispiel! Was weißt du über sie?" Mago stoppte und drehte sich nochmal zu ihm um. Nach einem kurzen Blick zur Küste antwortete er: "Das ist Paraetonion, Juwel der Libyschen Wüste und ein uralter wichtiger Warenumschlagplatz."
    "Wie alt?" Mago brummte. "Mein Vater erzählte mir, dass schon die alten Pharaonen vor eintausend Jahren diesen Ort als Zwischenstation genutzt hatten auf dem Weg vom Nildelta in die Ägäis, oder besser gesagt nach Kreta, das die alten Ägypter Kefitu nannten. Man erzählt sich auch, dass Alexander der Große von hier aus losgezogen sein soll, als er auf dem Weg zum Orakel des Ammon in der Oase Sekhetam gewesen war, die du vielleicht eher unter ihrem griechischen Namen Ammonion kennen wirst."
    "Wahnsinn! Woher weißt du das alles?" Magos Erzählungen machten die Stadt ja gleich nochmal um die Hälfte für ihn interessanter, als Paraetonium es sowieso schon gewesen war! Der alte Navigator lächelte. "Schon seit meiner Tage als junger Knabe befuhr ich die ägyptischen und libyschen Gewässer zusammen mit meinem Vater über die Kyrenaika hinaus bis nach Karthago. Da schnappt man schon einiges auf, wenn man oft genug die immergleichen Orte besucht."
    Nasicas Augen glänzten und er konnte es kaum erwarten vor Anker zu gehen.

  • Von Paraetonium aus befuhr die Astarte wieder ihren Kurs weiter nach Westen. Ihr nächstes Ziel war der zwei Tagesreisen entfernte Hafen Petras Megas.
    Nasica lag noch genauso auf seinem Lager dar, wie gestern. Heute Morgen hatte ihm Mago seinen Kopfverband gewechselt und ausgekocht. Außerdem hatte er gemeint, dass das jetzt 3x täglich zu geschehen hatte, bis sich Nasicas Wunde soweit erholt hätte, dass sie an der Luft trocknen konnte. Das sei angeblich das beste. "Wäre irgend etwas heilförderndes nicht noch besser, als bloß Luft und Verbandszeug? Eine ordentliche Heilpaste vielleicht?" Doch Mago hatte nur gelacht und den Kopf geschüttelt. Salben und dergleichen waren für geschlossene Wunden vorgesehen. Doch was genau "geschlossene Wunden" sein sollten blieb er ihm als Antwort schuldig. Auf jeden Fall schmerzte sein Ohr noch immer wie der Tartaros, besser gesagt der Rest, der noch davon übrig war. Da er den ganzen Tag über nichts anderes zu tun hatte, als an die hölzerne Decke seines Quartiers zu starren, hatte Nasica genug Zeit dafür, um ausgiebig über diesen Verlust nachzudenken. Das schlimmste war ja, dass er nicht einmal lesen konnte. Seine Schriftrollen lagen auf der Höhe seiner Füße, ausgeschlossen da ran zu kommen ohne allzu sehr den Kopf zu bewegen. Je ruhiger er lag, desto erträglicher waren die Schmerzen. Nicht, dass die in seinem Ohr nicht schon gereicht hätten, Mago zwang ihn auch so viel Knoblauch und Zwiebeln zu essen wie nur möglich. "Das hilft gegen die Schmerzen und beugt hoffentlich einer Entzündung vor. Denn du darfst eine fürchterlich schlimme Leidenszeit erwarten, sollte sich das Ohr wirklich entzünden und das ist wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit." pflegte der Navigator für gewöhnlich zu sagen, wenn sich Nasica wegen dieser Pflegemaßnahme wieder einmal beschwerte. Einmal dachte er er hörte wohl nicht recht, als Mago tatsächlich die Frechheit besessen und zusätzlich zum üblichen Sermon erwähnt hatte, dass Zwiebeln gut gegen Ohrenschmerzen seien. Ha ha...vielleicht bei gewöhnlichen Schmerzen, aber nicht, wenn die halbe Ohrmuschel fehlte! Wirklich sehr komisch..


    Gegen Abend des zweiten Tages kam Hanno der Schiffsjunge an Nasicas Lager. Eine Weile lang stand er nur bei seinen Füßen, ehe der Valerier ihn ansprach: "Na, hast du denn sonst keine Arbeit?" Einen Moment betrachtete Hanno ihn noch, dann fragte er: "Die Männer sagen dein Pferd hätte dir ins Ohr gebissen, stimmt das?" Nasica musste lächeln wegen des kleinen Lügenmärchens, das die anderen Matrosen im aufgetischt hatten. "Nein nicht ganz, ein Mann war das." Hannos Augen wurden groß. "Was, echt? War es ein böser Mann?" Um mehr zu erfahren setzte sich der Schiffsjunge jetzt auf den Boden neben seinem Lager. "Hm, ja kann man so sagen. Es war ein Betrüger, der es auf mein Gold abgesehen hatte.", "Wo ist das denn passiert?" Nach zwei Tagen der Ruhe und der Erholung konnte Nasica wieder einigermaßen sprechen, ohne bei jeder Kieferbewegung schmerzhaft zusammenzuzucken wegen seines Ohrs. "Der Scharlatan hatte mich in der Stadt angesprochen und mich weit nach draußen in die Ruine eines Königspalastes geführt. Dort warteten schon seine beiden Komplizen auf mich, die mich ausrauben wollten."
    "Bei Azizos! Drei Männer wollten dich ermorden, wie hast du das nur überlebt?"
    Nasica verzog das Gesicht. "Ich weiß es nicht, Hanno, ehrlich. Ich habe einfach reagiert und gemacht, was mir im Moment am besten erschien, anscheinend hatte ich mit manchem gar nicht so falsch gelegen" scherzte er lahm. "Wie kam es, dass du dein Ohr verloren hast?"
    "Das hat der eine aus der Stadt gemacht. Wir beide lagen am Boden und kämpften um einen Speer, den er kurze Zeit zuvor noch nach mir geschleudert hatte. Ich brach ihm die Nase und dafür biss er mir ins Ohr." Nasica hatte das Gefühl, dass die Geschichte so erzählt irgendwie zu phantastisch klang, als dass sie wirklich wahr wäre. Doch der Umstand, dass er hier ans Krankenlager gefesselt war und nur noch eineinhalb Ohren besaß, sollte eventuelle Zweifler doch überzeugen können.
    "Und dann bist du irgendwie entkommen und auf einem ihrer Pferde geflohen?"
    "Genauso war es, ja."
    "Du bist wirklich ein Held, Marcus!"
    Nasica musste darüber lächeln. "Unsinn, bin ich nicht. Ich bin nur in eine dumme Lage geraten und habe zugesehen, da wieder rauszukommen, das hätte vermutlich jeder so gemacht."
    Hannos Gesichtsausdruck sprach dafür, dass er wohl nicht so dachte. "Wurdest du von ihnen nicht verfolgt? Oder hattest du das schnellste Pferd?"
    Das war jetzt die Stelle, die ihm selbst immer noch sehr unangenehm war. "Ich hatte mit dem Speer die beiden anderen Pferde verletzt, damit sie mir nicht auf ihnen folgen könnten, wenn ich auf dem dritten flüchten würde, aber ich glaube das wäre gar nicht nötig gewesen, schade um die schönen Tiere."
    Hanno schien das gar nicht so sehr etwas auszumachen, viel mehr interessierte ihn etwas anderes. "Wieso war es nicht mehr nötig?"
    "Nun, der aus der Stadt lag noch besiegt am Boden nach der Sache mit dem Speer, einen hat das Pferd erwischt und den anderen... ich glaube den anderen habe ich getötet." Die letzten Worte hatte Nasica nur noch geflüstert. Zu schrecklich war der Gedanke, dass er ein Menschenleben genommen hatte. Auch wenn es während eines Kampfes geschehen war und er nur sein eigenes Leben verteidigt hatte, so blieb es doch die Tatsache, dass wegen ihm seit zwei Tagen schon die Welt um einen Menschen ärmer war. Dies versuchte Nasica so gut es ging zu verdrängen, denn er hatte Angst, dass er daran irgendwann zerbrechen könnte. Überdies hatte er jetzt genug von all diesen Räubergeschichten. "Hanno, ich würde gern ein wenig im Gilgamesch-Epos weiterlesen. Ich kann aber nichts sehen bei diesem Licht, wenn ich die Schriftrolle über meinen Kopf halte, außerdem ist das eine sehr unbequeme Pose. Kannst du mir bitte ein wenig daraus vorlesen? Die Schriftrollen sind in diesem kleinen Holzkasten neben dir."
    Hanno machte plötzlich eine betretene Miene, sah einmal kurz zum Schriftrollenbehälter und anschließend auf seine Füße. Nasica merkte, das irgend etwas nicht stimmte. "Hanno was ist denn?"
    Der Schiffsjunge murmelte irgendwas, doch Nasica verstand ihn nicht. Er bat ihn um eine Wiederholung, doch auch die war zu leiste. Beim dritten Versuch dann blickte Hanno endlich von seinen Zehen auf und sagte: "Ich kann nicht lesen. Tut mir leid."
    "Du kannst nicht lesen. So ist das also." wiederholte der Valerier.
    "Der Kapitän sagt ich brauch es nicht zu lernen, weil Schiffsjungen später mal Matrosen werden und die müssen Kisten schleppen und Segel setzen können, aber keine Lieferverträge lesen." Na das war ja ein schönes Stück!
    "Jeder hat das Recht darauf Lesen und Schreiben zu lernen, auch du, Hanno! Die schönsten Geschichten sind auf Papyri festgehalten, so wie ich sie auf meiner Reise mitgenommen habe, sie sind die geistige Nahrung die wir genauso wie die feste brauchen, sonst verkümmern wir, auch wenn wir jeden Tag tonnenweise Essen in uns reinschaufeln mögen!"
    "Ja schon, aber wie soll das gehen?"
    "Weißt du was? Ich werde es dir beibringen!"
    "Was?!" Hanno schien mehr als überrascht, dass ihr Passagier wirklich dazu bereit sein mochte.
    "Aber.. aber haben wir dafür nicht viel zu wenig Zeit? Du verlässt uns ja bald wieder! Wie soll das gehen?"
    "Ach, mach dir darüber keinen Kopf. Immerhin verbringen wir ja noch einen ganzen Monat miteinander, mehr als genug Zeit also, um es dich zu lehren. Du wirst sehen, wenn ich in dreißig Tagen von Bord gehe, beherrscht du die Grundlagen so weit, dass du später auch alleine weitermachen kannst, versprochen! Wir fangen gleich morgen an!"
    Hanno strahlte über diese Neuigkeit.

  • Kurz nach Paraetonium hatte die Astarte das Gebiet von Zyges verlassen und segelte entlang der Küsten der Landschaft der Marmarica, oder auch Marmarike, wie dieser Küstenabschnitt auf Griechisch hieß. Die Marmarica umfasste alles Land zwischen Ägypten und der Kyrenaika und gehörte vom politischen Standpunkt aus schon zur römischen Provinz Creta et Cyrene. Das Land war größenteils Sandwüste, enthielt aber auch einige niedrige Gebirge. Nach Süden hin wurde es von der Oase Ammonion und den Baskikischen Bergen (Bascici Montes) begrenzt, einer westlichen Fortsetzung des Asyphus-Gebirgszugs. An ihren Küsten siedelten neben Römern, Ägyptern und Griechen die einheimischen Volksstämme der sesshaften Adyrmachidae und westlich von ihnen die nomadisch lebenden Giligammae, während tiefer im Landesinneren unter anderem die Nasamones, die Augilae, die Psylli und die Bassachitae zwischen den Dünen der Libyschen Wüste umherzogen. Die Nasamonen hatten früher einst im Südwesten der Kyrenaika, bis hinein in das Gebiet der Großen Syrte gelebt, bis sie von den Römern in ihr heutiges östliches Territorium vertrieben worden waren. Von den Augiliern hieß es, dass sie mit ihren Tieren jedes Jahr während der Erntezeit zur Oase Augila (an der Grenze zur Kyrenaika) zogen, um Datteln zu pflücken. Die Bassachitae lebten im Süden der Marmarica bei den Baskikischen Bergen, während von den Psylliern nur bekannt war, dass sie Schlangenbisse durch Aussaugen des Gifts mit dem Mund heilten.


    All das hatte Nasica bei den großen Autoren schon über dieses interessante Land gelesen und es wurmte ihn über die Maßen, dass ihm wegen dieser blöden Verletzung jetzt die Chance versagt blieb wenigstens die angefahrenen Küstenorte erkunden zu können. Mochten andere bloß einen uninteressanten Haufen Sand in dieser Gegend erblicken, so hätte Nasica bei seinen Landgängen gerne die Zusammensetzung der Bevölkerung näher studiert, inwieweit sich z.B. das einheimische Element gegenüber der griechisch-römischen Zuwanderer behaupten konnte und wie stark der ägyptische Einfluss noch bemerkbar war so weit westlich von Alexandria. Doch alles was er jetzt von der Marmarica zu Gesicht bekommen würde, wäre die Decke seines Verschlags an Bord der Astarte, kein erfreulicher Gedanke für eine Forscherseele wie er es nun einmal war.
    Im Moment saß Hanno als willkommene Ablenkung bei ihm für seine erste Leselektion. Jetzt ärgerte sich Nasica schon ein wenig, dass er sein Schreibzeug und leere Papyrusrollen zuhause gelassen hatte, den an Bord gab es sonst keine Schreibmöglichkeiten außer die Vorräte von Kapitän Methusastartos und der gab diese nie und nimmer dafür her, dass ein einfacher Schiffsjunge "Schreiben" lernte, anstatt an Bord mit zu arbeiten. So mussten sie sich deshalb für den Anfang mit der Genesis des Tanachs zufrieden geben. Das war ein einfacher Text und leicht zu verstehen für einen Anfänger. "Vergiss auf jeden Fall nicht leere Schriftrollen, Schreibzeug und vielleicht auch Wachstafeln zu kaufen, wenn wir in Petras Megas sind. Das Geld hierfür gebe ich dir mit." Hanno nickte.
    Gerade hatte er sich durch die ersten paar Absätze ihres Lesestoffs gequält. Dabei hatte er sich jedoch eher das Aussehen der einzelnen Wörter gemerkt, als wirklich die Bedeutung der einzelnen Buchstaben zu begreifen. Das käme später dann, wenn sie etwas zum Schreiben hier hätten. Eigentlich wäre es klüger gewesen, wenn Nasica Hanno die lateinische Schrift beigebracht hätte, wo ja Rom fast die ganze bekannte Welt beherrschte, doch der Junge verstand kein Latein und sprach nur Griechisch und Phönizisch, eben die beiden wichtigsten Handelssprachen im östlichen Mittelmeer. Außerdem hatte Nasica gar keine lateinische Texte bei der Hand, da seine Bücher von Ezra ben Abraham beide auf Griechisch verfasst waren. Beim Gedanken an Petras Megas ergriff wieder etwas Schwermut Nasicas Gemüt. "Wann sagte der Kapitän, dass wir ankommen werden?"
    "Bald schon, aber wir werden nur wenige Stunden bleiben und dann gleich weiterfahren, sobald alles erledigt ist."
    Wieder musste sich Nasica zusammenreißen, um nicht als Zeichen des Verstehens zu nicken. Es war nicht leicht derartige Automatismen des Körpers zu unterdrücken, wenn man seinen Kopf ja möglichst ruhig halten sollte. "Verstehe. Gut Hanno, du weißt ja um was ich dich gebeten habe, bitte vergiss es nicht. Außerdem wäre da noch etwas."
    "Was denn, Marcus?"
    "Ich kann leider selbst nicht hoch an Deck, um den Hafen zu sehen, die Schmerzen wären zu schlimm, deshalb musst du für die nächste Zeit meine Augen und Ohren sein. Ich bitte dich, schau dir genau die Leute und die Häuser an und beschreib sie mir, wenn du wieder da bist. Beobachte die Leute dabei was sie machen, ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du das für mich tun könntest."
    Hanno blickte ihn kurze Zeit an.
    "Gerne Marcus. Allzu lange wird das nicht möglich sein bei meiner Mitarbeit wegen der Ladung, aber ich sehe zu was sich machen lässt."
    "Danke, mein Freund."


    Eine Weile blieb Hanno noch bei Nasica, dann jedoch musste er nach oben, um mitzuhelfen, als die Astarte in Petras Megas gelandet war, um neue Waren und Vorräte aufzunehmen und einen anderen Teil abzustoßen. Nasica blickte wieder zu der ihm inzwischen gut bekannten Decke und langweilte sich zu Tode. Man mochte kaum glauben welche Schikanen einen so eine Ohrverletzung antun konnte. Arme und Beine unverletzt und trotzdem musste man die meiste Zeit wie ein Gelähmter still liegen, da jede Bewegung die immer noch frische Wunde höllisch aufschmerzen ließ. Mago hatte gemeint das würde noch etwas länger so andauern (neben seiner üblichen düsteren Prophezeiungen einer üblen Entzündung), doch in ein paar Tagen hätte sich sein Ohr schon wieder so weit erholt, dass er zumindest aufstehen und herumlaufen konnte.
    Nach vier Stunden im Hafen setzte die Astarte wieder Segel und fuhr weiter. Hanno kam gegen Abend zu Nasica und brachte ihm das gewünschte Schreibmaterial. Er erzählte ihm seine Eindrücke von Petras Megas und auch eine sehr interessante kleine Geschichte um eine Karawane, die er dort auf der Suche nach Papyrus angetroffen hatte.

  • Den ganzen nächsten Tag über kreuzten die Phönizier mitsamt ihres römischen Gastes ohne besondere Zwischenfälle weiter entlang der marmaricanischen Küste. Das höchste der Gefühle war vielleicht gewesen, als Nasica durch ein ohrenbetäubendes Gebrüll an Deck direkt über ihm aus seinem kleinen Vormittagsschläfchen hochgeschreckt worden war. Später am Abend erfuhr er dann aus Hannos Bericht, dass sich wohl eine tollkühne Möwe Abdemons Kopf als Latrine ausgesucht gehabt hatte, Nasica lachte herzhaft darüber. Die dabei gleich wieder auftretenden Schmerzen an seiner linken Schläfe nahm er dafür in Kauf. Das Gesicht des Schiffsjungen war es dann gewesen, das ihn wieder zum Verstummen brachte. Hanno schien etwas auf dem Herzen zu liegen. "Was ist denn?" fragte Nasica.
    Hanno ließ noch einige Momente verstreichen. "Kapitän Methusastartos wünscht nicht, dass ich so oft bei dir bin, Marcus", erzählte er dann seinen Füßen.
    "Wieso das denn?"
    "Er meint ich wäre zum arbeiten und nicht zum faulenzen an Bord, außerdem würdest du Ruhe brauchen. Angeblich würde ich meine Pflichten vernachlässigen, doch das stimmt ja gar nicht!" Vermutlich hatte Methusastartos Angst, dass Nasica ihm irgendwelche Flausen in den Kopf setzte, denn es stimmte, dass Hanno bislang immer nur abends zu ihm gekommen war, oder früh am Morgen. Sein einziger Besuch untertags war bislang der kurz vor ihrer Ankunft in Petras Megas gestern gewesen. "Weißt du was? Wenn es mir wieder möglich ist, werde ich ein Wörtchen mit dem Kapitän sprechen, dann werden wir ja sehen wieso er Probleme damit hat." Hannos Gesichtsausdruck zeigte Freude, doch auch eine Spur von Unglauben darüber, dass Nasica den Phönizier wirklich umstimmen könnte. "Nun gut, am besten du gehst jetzt dann wieder, wir sind für heute sowieso fertig. Morgen musst du wieder fit sein, vergiss nicht, ich freue mich dann schon wieder auf deinen Bericht." Der Schiffsjunge lächelte, verabschiedete sich und ging dann. Die darauf folgende Nacht verbrachte Nasica größtenteils wach. Die Schmerzen waren wieder schrecklich nervtötend gewesen und ließen ihn kein Auge zu machen.


    Im Laufe des nächsten Vormittags kam Mago der Navigator wieder zu Nasica für den regelmäßigen Verbandswechsel. Mago war so etwas wie seine persönliche Krankenschwester geworden und er schien auch sonst der Medicus an Bord zu sein, wenn sich jemand aus der Mannschaft etwas getan hatte. Am meisten geschah das seinen Worten nach einem Matrosen namens Gisco, einem wahren Tollpatsch. Der hatte es während eines seiner Unfälle auch schon einmal geschafft gehabt bei einem Sturz vom Mast das Hauptsegel der Astarte von oben nach unten der Länge nach aufzuschlitzen und das ganze mit nichts weiter als einem gebrochenen Arm zu überleben. Es war wirklich ein Wunder, dass der Kerl bei all seinen Stolpertritten noch lebte. Unter den Matrosen gab es den geflügelten Satz, dass die Astarte erst an jenem Tag sinken würde, wenn Gisco entweder durch einen Unfall endlich starb, oder sonstwie aus der Schiffsbesatzung austrat. Doch solange er überlebte konnte ihnen nichts geschehen, er war ihr Glücksbringer und Götterliebling. "Normalerweise wäre mit Gisco schon längst wieder irgendeine komische Geschichte passiert, ein Wunder dass es immer noch ruhig um ihn ist, obwohl wir schon seit fast sechs Tagen auf See sind. Vermutlich haben die Götter ihn für dieses Mal verschont, weil du dafür einen Unfall erlitten hast." meinte Mago mehr zu sich selbst als zu Nasica, nachdem er sein Meisterwerk wieder einmal vollbracht gehabt hatte und ein frischer sauberer Verband auf dem valerischen Haupte ruhte. Nur mit Mühe brachte es Nasica fertig keine spöttische Bemerkung von sich zu geben. Unfall, dass er nicht lachte! Einen absichtlichen Angriff auf seine Hörgeräte konnte man schwer als Unfall bezeichnen. Die nächsten Stunden dann war Nasica wieder mit unseligem Nichtstun gepeinigt. Ihm blieb nichts anderes übrig, als seinen Gedanken nachzuhängen. Wie es wohl Penelope zuhause in Alexandria ging? Jetzt war es ja bald schon eine Woche her, dass sie sich das letzte Mal gesehen hatten, ob sie ihn schon sehr vermisste? Für Nasica selbst konnte diese Reise auf jeden Fall nicht schnell genug vorbei gehen, um sie wieder in seine Arme schließen zu können. Jede zurückgelegte Seemeile brachte ihn näher an Rom und damit auch schneller wieder zu seiner geliebten Penelope. Bei seiner Rückreise musste er unbedingt Wert darauf legen eine Passage auf dem schnellstmöglichen Schiff mit direktem Kurs von Ostia nach Alexandria zu buchen, damit er nicht wieder einen ganzen Monat auf dem Meer herumschippern müsste. Zehn bis zwanzig Tage maximal und die eingesparten zehn Tage würde er dann im Bett mit seinem Mädchen verbringen, das war der Plan.


    Vom kurzen Zwischenaufenthalt in Petras Mikros bekam Nasica gar nichts mit, da er um die Mittagszeit herum schlief. Als er gegen Abend erwachte, befand sich die Astarte schon auf dem Weg nach Chersonesus Magna, ihrer letzten Etappe in afrikanischen Gewässern.
    Hanno kam nach dem abendlichen Verbandswechsel ebenfalls vorbei und erzählte Nasica von all den Beobachtungen, die er im letzten Hafen gemacht hatte. Dieses Mal war es weniger spannend gewesen und Karawanen waren auch nicht vorgekommen.


  • Das nächste Ziel auf ihrer Handelsfahrt war das einen halben Tag von Petras Mikros entfernte Chersonesus Magna, direkt an der Grenze von der Marmarica zur Kyrenaika. Als am frühen Morgen Mago der Navigator wieder einmal Nasicas Verbände wechselte, hatte er gemeint die Wunde heile gut und schon bald könnten sie es ganz bleiben lassen mit dem verbinden. Auch, dass sich die Wunde bislang noch nicht entzunden hatte erstaunte ihn über die Maße. Zur Sicherheit (und zu Nasicas großem Leid) verdoppelte er aber trotzdem die täglichen Knoblauch- und Zwiebelrationen für seinen Patienten. Das Zeug war roh kaum hinunter zu bekommen, aber anscheinend half es wirklich bei der Schmerzlinderung und der Entzündungshemmung. Um sich auf andere Gedanken zu bringen fragte Nasica, ob sie auch nach Kyrene, dem großen Zentrum der Pentapolis in der Kyrenaika, segeln würden, was dem alten Phönizier ein Lachen entlockte. "Erstens verlassen wir nach Chersonesus Magna die libysche Küste und setzen Kurs auf Kreta und zweitens kannst du nicht einfach nach Kyrene segeln, Jungchen, Kyrene liegt nämlich gute 11 Meilen* im Landesinneren auf einer Hochebene. Höchstens zu ihrem Hafenort Apollonia. Also selbst wenn wir nach Apollonia fahren würden, Kyrene selbst würdest du nie zu Gesicht bekommen." Eine niederschmetternde Antwort für den Valerier. Eigentlich hatte er schon fest damit gerechnet, dass Kapitän Methusastartos auch diesen wichtigen Hafen ansteuern würde, wo er ja immer wieder betonte wie wichtig ihm sein unterwegs gemachter Profit wäre, doch er hatte scheinbar andere Pläne. Oder hatte Nasica selbst sein Urteil darüber aufgrund einer falschen Annahme gefällt? Wirklich schade, da blieb es ihm schon versagt die Küstenorte der Marmarica zu sehen und jetzt würde er auch noch die Kyrenaika verpassen, wo er schon mal in der Gegend war. Als Alexandriner hatte er natürlich schon viel von den fünf großen griechischen Poleis Libyens, Kyrene, Ptolemais, Taucheira, Euhesperides und Barka, gehört und wäre deshalb umso mehr an ihnen interessiert gewesen. Doch sei's drum, wenigstens könnte er später dann Griechenland ein wenig besser kennenlernen, denn laut Mago sollte er sich dann wieder -unter Schonung- problemlos bewegen können. In gut einer Woche wären sie schon in Athen und Nasica wollte zusehen, dass er sich bis dahin nicht wieder verletzte, denn diese Stadt wollte er unbedingt sehen!


    Der Vormittag hielt aber auch noch anderes für Nasica bereit, denn der Kapitän höchstselbst gab sich die Ehre eines Besuchs an seinem Krankenlager. "Wie geht es dir, Marcus Valerius Nasica?" wollte er zunächst wissen. "Soweit so gut. Gibt es denn einen Grund für deinen Besuch?" Er konnte es sich zwar schon denken, aber besser, wenn der Phönizier es aussprach.
    "Es ist wegen Hanno, ich möchte nicht, dass er weiter hier zu dir herunter kommt und unnötige Sachen lernt."
    "Was heißt hier unnötig? Lesen und Schreiben sind essentielle Fertigkeiten für einen jeden Menschen!"
    "Aber nicht für einen Schiffsjungen meiner Mannschaft!"
    "Er ist aber genauso ein Mensch und hat ein Recht darauf!"
    "Ich sagte Nein! Er soll das Deck schrubben und das Wasser aus dem Kielraum pumpen und nicht seinen Kopf in den Wolken haben! Das führt doch zu nichts!"
    "Er tut ja niemanden was, wenn er sich weiterbildet!"
    "Doch, Marcus Valerius Nasica, sich selbst! Er ist Schiffsjunge! Er wird es nie zu etwas anderem bringen als Matrose, also setze ihm keine Träume vor, die am Ende sowieso nur zerbrechen werden!"
    "Das mache ich doch gar nicht! Ich bringe ihm lediglich..."
    "NEIN!! Nein, nein und nochmals nein! Bleibe Hanno fern, denn sollte ich ihn wieder hier bei dir erwischen fliegst du von Bord! Egal in welchem Hafen wir dann sind und wie du weiterkommst! Mit der Leserei ist Schluss!"
    Mit hochrotem Kopf beendete Methusastartos ihr kleines Schreiduell und zog sich zurück, während Nasica jedes laut geäußerte Wort wegen seiner Schmerzen auch schon wieder bereute. Wieso musste der Kieferknochen auch nur so eng mit den Ohren verbunden sein.
    Der Kapitän machte ihn allmählich wirklich wütend. Was war so schlimm daran, dass Hanno Lesen und Schreiben lernte? Hatte er Angst, dass er dann seine Anstellung quittieren und die Astarte verlassen würde? Methusastartos würde doch bestimmt schnell einen anderen armen Schlucker finden, der für ihn den Kielraum wasserfrei hielt! Es war zum Haare ausreißen mit dem Kerl. Der Phönizier hatte es wirklich geschafft Nasica so sehr zu missfallen wie schon lange nicht mehr jemand anderes, die drei Ganoven aus Paraetonium jetzt einmal ausgenommen. Methusastartos konnte froh sein, dass er, Nasica, immer noch mehr oder weniger außer Gefecht war, sonst hätte er ihm ordentlich die Meinung gegeigt! Den Rest des Tages verbrachte Nasica mit dunklen Gewitterwolken über dem Kopf. Vom Landgang in Chersonesus Magna am frühen Nachmittag bekam er wie schon zuletzt in Petras Mikros nichts mit, wo er ja nicht einmal an Deck konnte, was seine schlechte Laune noch umso mehr anheizte. So hatte er sich eine Reise nach Rom nicht vorgestellt, so viel war sicher! Die Astarte blieb fünf Stunden im Hafen, ehe sie wieder Segel setzte und Kurs auf Kreta nahm. Vale, Libya.


    Kurz nach Sonnenuntergang schreckte Nasica aufgrund eines Geräuschs aus dem Schlaf. Es war dunkel in seinem Verschlag, jedoch konnte er die Umrisse Hannos neben seinem Lager erkennen. "Hanno, was machst du hier?" "Ich habe gewartet bis der Kapitän in seine Kajüte gegangen ist. Ich sollte dir ja von meinen Landgängen berichten?" Diese Worte ließen ihn dann doch ein wenig mehr Zuneigung für den Schiffsjungen verspüren.
    "Das ist sehr nett von dir, aber ich denke es ist besser, wenn du für eine Weile von mir weg bleibst, denn..."
    "Ich habe den Kapitän heute gehört."
    "Was?"
    "Ich habe gehört was er gesagt hat. Wir alle haben das, ihr ward ja nicht gerade leise."
    Er wusste nicht warum, aber das ließ ein leichtes Gefühl der Resignation in Nasica aufkommen.
    "Tut mir leid, Hanno. Ich wollte wirklich nur..."
    "Schon in Ordnung Marcus, danke jedenfalls. Wir können ja nachts üben, wenn die anderen schlafen und was meine Erlebnisse in Chersonesus Magna angeht..."
    "Heute nicht mehr, Hanno. Besser du gehst jetzt. Wenn der Kapitän, oder jemand anders dich hier vorfindet wird das nur Ärger geben, also geh bitte, ja?"
    Den empörten Blick darüber konnte Nasica selbst im dunkeln gut erkennen.
    "Aber Marcus! Ich möchte Lesen lernen und ich verspreche ich werde leise sein und wenn wir..."
    "Besser nicht, zumindest nicht die erste Zeit. Geh jetzt bitte, ich will dir keinen Ärger bereiten."
    Hanno warf noch einen letzten enttäuschten Blick auf Nasica, dann stampfte er auf und lief davon.


    Sim-Off:

    * = 17km

  • Das Libysche Meer (Mare Libycum) war der große südliche Teil des Mittelmeers und reichte von Ost nach West von der Kleinen Syrte bis nach Alexandria und von Nord nach Süd von Kreta und der Südostspitze Siziliens bis zu den Küsten Afrikas. Auf ihrem Nordkurs in die Ägäis war die Astarte jetzt dabei dieses Meer zur Gänze zu durchqueren, nachdem es schon dessen ganzen südwestlichen Rand befahren hatte bei der Reise entlang der libyschen Küste. Doch damit war es jetzt vorbei. Vor ihnen lagen zwei Tage, wo sie nichts als den offenen Ozean auf viele hundert Meilen rund um sich haben würden. Davon hatte schon Mago während des Verbandswechsels unablässig geschwärmt an dem Abend des Tages, an dem sie den Hafen von Chersonesus Magna verlassen hatten und jetzt unentwegt von der Küste weggesteuert waren. Mago wurde nicht müde zu behaupten, dass eine Seefahrt erst dann wirklich begann, wenn kein Stückchen Land mehr am Horizont zu sehen wäre, sondern nur noch Yams* nasses Reich. Immer wieder ein erhebender Anblick, doch leider nichts für Nasica, wo der ja noch liegen bleiben musste.


    Der erste Sonnenaufgang auf offener See glich einem kleinen Volksfest auf der Astarte. Überall strahlende Gesichter und die Matrosen sangen während der Arbeit phönizische und sogar griechische Seemanslieder. Selbst Methusastartos, Mister Griesgram persönlich, konnte sich ein Dauergrinsen nicht verkneifen und jedermann an Bord war guter Dinge.. jedermann bis auf zwei. Im Kielraum bediente ein trauriger kleiner Junge die Entwässerungspumpe, während unter Deck in einem hölzernen Verschlag ein frustrierter Passagier zum x-ten Mal die Maserungen von seiner Decke zählte. Was würde er nicht darum geben jetzt oben bei den anderen sein zu können und sich den Wind um die Ohren wehen zu lassen. Währenddessen hörte er die Mannschaft voller Begeisterung ein neues Lied anstimmen. Genervt verdrehte Nasica die Augen. "Euer Ernst?" murmelte er in den leeren Raum.
    "Tut mir leid, ich kann auch gern wieder gehen."
    Erschrocken fuhr Nasica in die Höhe und zuckte gleichzeitig zusammen vor Schmerzen. Mittlerweile konnte er sich zwar schon wieder halbwegs aufsetzen und den Kopf bewegen, doch das war ein wenig zu viel des Guten gewesen. "Abdemon! Was machst du denn hier?" Er sah, dass der Riese etwas unterm Arm geklemmt hatte. Er holte das Etwas hervor und hielt es in die Höhe, damit es Nasica näher in Augenschein nehmen konnte. Es war ein Senet-Spielbrett. "Ich dachte vielleicht freust du dich über ein wenig Abwechslung, ich wär gerade frei." Ein dankbares Lächeln stahl sich auf Nasicas Antlitz. "Abdemon, dich schicken die Götter! Ja! Gerne, ich freue mich über eine Partie Senet!" Abdemon hockte sich nieder und begann das Spiel aufzubauen. "Ah, die klassische Variante." bemerkte Nasica, als er sah, dass jeder von ihnen sieben Spielsteine bekam anstatt fünf, so wie das seit dem ägyptischen Neuen Reich modern geworden war. "Natürlich, was denkst du denn? Wenn schon, dann ordentlich!" Senet war ein beliebtes Spiel aus Ägypten. Es gab sieben bzw. fünf spulenförmige und sieben bzw. fünf kegelförmige Spielfiguren. Jeder Spieler bewegte sie auf einem rechteckigen Feld von drei Zehnerreihen s-förmig vom Start bis zum Ziel. Letzteres war es alle seine Steine vom Spielfeld zu nehmen indem man sie einmal durch das ganze Spielfeld brachte, unterwegs warteten jedoch auch Spezialfelder. Gewürfelt wurde mittels vier in die Luft geworfene plättchenförmige Stäbchen mit einer markierten und einer unmarkierten Seite. Gezählt wurden alle offen darliegenden unmarkierte Seiten. Die beiden begannen ihr Spiel und Abdemon machte den ersten Wurf. Eine Drei. Danach war Nasica an der Reihe und schaffte gleich am Anfang einen Wurf, bei dem alle vier Stäbchen die unmarkierte Seite oben hatten. Abdemon schnaubte amüsiert. "Was für ein Glückskind! Sowohl im Spiel, wie auch im Leben."
    Jetzt war es an Nasica zu schnauben, wenn auch eher auf eine sarkastische Weise. "Glück würde ich das nicht nennen, so wie es mir gerade geht."
    Abdemon würfelte und bewegte seine Figur weiter vorwärts. "Du kommst aus einer wohlhabenden Familie, hast eine glänzende Zukunft vor dir und nicht zu vergessen hast du erst kürzlich ganz alleine drei Banditen das Handwerk gelegt, wie würdest du das sonst nennen, hm?" "Ach das.." Lächelnd bewegte Nasica seine Figur nach vorne und tauschte sie mit einer von Abdemons aus. "He! Das war aber nicht nett. Aber ja du siehst ich habe Recht. Wie sieht es mit den Mädchen aus? Hast du eines zuhause?" Nasica lächelte breiter beim Gedanken an seine Penelope und Wärme umfing sein Herz. "Ja, das habe ich."
    Abdemon kam mit einer Figur auf das 15. Feld, das mit einem Ankh und zwei Lotusblüten markiert war, dem Haus der Wiedergeburt. "Ha! Das heißt dann noch ein Wurf für mich." Alle Stäbchen zeigten die markierte Seite. "Oh, schade. Naja kann man nichts machen. Dein Mädchen, ist sie hübsch?" Nasica warf für seinen Zug und erhielt eine Zwei. "Ja, sie ist die schönste Frau von ganz Alexandria und wenn ich erst ein erfolgreicher Mann bin nehme ich sie zur Frau!" Er und Penelope würden eine Familie sein, am besten mit vier Kindern, das war sein Traum. Die Tage im Museion und in der Großen Bibliothek zubringen und abends dann den kleinen Marcus Minor in die Arme schließen, das wärs. "Was ist mit dir? Hast du Familie?" Der Matrose schüttelte den Kopf. "Das Seemannsleben eignet sich nicht dafür. Jeden Tag wo anders und jederzeit könnte der Kahn absaufen auf dem man gerade Dienst tut. Das will man keiner liebenden Gemahlin antun." Ein kaum merkbarer Schatten in Abdemons Gesicht verriet, dass es wohl Zeiten gab, wo er es bedauerte niemanden zu haben und niemals von einem strahlenden kleinen Geschöpf "Vater" genannt zu werden. Der Phönizier war wieder am Zug. "Da war einmal ein Mädchen das ich geliebt habe. In Syrakus war das. Verdammmich ich hätte das Seemannsleben wirklich fast für sie an den Nagel gehängt." Es war deutlich zu spüren, dass Abdemon diese Geschichte gerne erzählen wollte. Nasica warf eine Eins und fragte: "Wie kam das?"
    Abdemon zog seinen Spielstein bis zu Feld 26, dem "Schönen Haus" vor. "Na also, schon mal den ersten da durch! Hoffentlich jetzt nicht auf das Wasserfeld. Also, die Astarte war kurze Zeit zuvor in einen schweren Sturm geraten und an der sizilianischen Küste gestrandet. Noch nie sowas erlebt vorher, kannst du dir nicht ausmalen. Das Schiff war mehr oder weniger Schrott, genauso wie die Hälfte von der Mannschaft. Hätte mich auch fast erwischt, konnte aber irgendwie davonkommen. Trotzdem lag ich hinterher halbtot am Strand. Ein Hirte fand uns und das Wrack und holte Hilfe aus Syrakus. Ich kam bei einem reichen Händler unter. Seine Tochter, Phaisyle, pflegte mich gesund. So eine Frau wie sie haste noch nicht gesehen das kann ich dir sagen." Das war vermutlich das gleiche was auch Nasica über Penelope sagen würde, hätte Abdemon ihn gefragt, doch das behielt er lieber für sich. Besser er warf seine Stäbchen und versuchte den Vorsprung des Phöniziers aufzuholen.
    Abdemon schien in Gedanken zu sein. "Eine Anmut wie Aschera und ein Lächeln bei dem man nicht Nein sagen konnte, das war meine Phaisyle. Gibt wohl niemanden mit dem ich mich je so gut unterhalten konnte wie mit ihr. Auch wenn sie Griechin war, sie verstand mich."
    "Ja, Griechinnen verstehen sich darauf in die Herzen der Männer zu blicken." Abdemon grunzte. "Ich sehe du hast auch so eine. Ja Griechinnen können schon was. Als unser Schiff wiederhergestellt und wir wieder auf dem Damm waren, wollte ich am letzten Abend vor unserer Abfahrt zu Phaisyle und sie um ihre Hand bitten, kennst du sicher. Aber ich war noch gar nicht ganz bei ihrem Haus, da hörte ich sie mit ihrem Vater reden draußen im Hof..." Der traurige Gesichtsaudruck sagte Nasica schon was wohl geschehen sein mochte. "Sie hatte schon jemand anderes, oder?" Abdemon nickte und warf eine Vier.
    "Ja, sie war ganz aus dem Häuschen, denn irgend so ein reiches Muttersöhnchen hatte ihr am gleichen Tag den Hof gemacht und ihr Vater hatte zugesagt." Abdemon seufzte, als er Nasica bei seinem Zug zusah. "Tja so ist das mit der Liebe, mal gewinnt man, mal verliert man. Ich denke, dass ich an jenem Tag mein Herz auf Sizilien zurückgelassen habe, als wir in See stachen. So eine wie sie findest du nicht nochmal, meine Hand drauf."
    Abdemon war wieder am Zug, während Nasica an Penelope dachte. Was sie wohl mit ihren Tagen ohne ihn anfing? Seine Sehnsucht fühlte sich in jenem Moment unendlich groß an. Penelope oh Penelope, wann kann ich dich wiedersehen? Denkst du an mich?


    Sim-Off:

    * = Yam ist eine phönizische Meeresgottheit

  • Nasicas Wunde heilte gut. Am zweiten Tag ihrer Fahrt über das Libysche Meer kam Mago zu Nasica herunter und verkündete, dass sie von jetzt an den Verband weglassen könnten. Die Götter mochten ihn lieben, denn ihm, Mago, ging das einfach nicht ein, dass sich Nasicas Ohr nicht entzunden hatte. Damit hatte er sich viel Kummer und Leid erspart. Beim jetzigen Stadium des Heilprozesses erwartete er aber auch nicht mehr wirklich, dass das noch passierte. Nasica sollte heute noch liegen bleiben. Am Abend dann, wenn sie die Insel Cauda erreicht hätten dürfte er endlich aufstehen und herumgehen, aber wirklich erst dann. Die Aussicht endlich seinen Verschlag verlassen zu dürfen erfüllte Nasica mit großer Freude. Endlich wieder frische Luft! Schon begann er sich vor seinem inneren Auge auszumalen, wie er die nächsten drei Nächte an Deck unterm Sternenzelt verbrachte. Doch er hatte die leise Vermutung, dass Kapitän Methusastartos etwas dagegen haben könnte. Dass er noch liegen bleiben sollte war für ihn in Ordnung. Nasica würde auf der Fahrt von Griechenland nach Sizilien noch zur Genüge die Gelegenheit bekommen die offene See ohne jedes Land bewundern zu dürfen. Ihm war als ob sich dieser Tag besonders lange hinziehen wollte. Jede Minute erschien ihm wie fünf und die Sonne wollte einfach nicht untergehen. Zum Glück konnte er inzwischen wieder selbstständig sitzen und sich so zumindest ein wenig mit Lesen ablenken, aber der Gedanke an einen neuerlichen Landgang ließ ihn nicht los. Er freute sich darauf schon bald wieder Erde zwischen seinen Zehen zu spüren und den Duft von Bäumen zu riechen, die sich im Wind wogten. Endlich erscholl gegen Abend der Ruf "Land in Sicht!" und Mago kam zu Nasica herunter, um ihm ein letztes Mal den Verband abzunehmen und ihm die frohe Botschaft mitzuteilen, dass sie Cauda erreicht hätten. "Brauchst du Hilfe beim Aufstehen?" fragte ihn der Navigator, doch Nasica schüttelte den Kopf. Das wollte er alleine machen. Außerdem war er ja am Ohr verletzt und nicht in den Beinen, wieso sollte er nicht laufen können? Doch seine ersten Gehversuche fielen doch wackeliger aus als er das erwartet hatte. Seine Glieder waren noch sehr steif nach fast einer Woche der Inaktivität. Zur Sicherheit stützte ihn Mago ein wenig und so stieg Nasica vorsichtig hoch an Deck. Das Gefühl des ersten neuen Windes in seinem Gesicht war magisch und wie sehr freute er sich den orangen Abendhimmel endlich wieder zu erblicken! Er steuerte gleich auf die Reling zu, um einen ersten Blick auf das näher kommende Eiland zu werfen, das ihnen heute als Nachtlager dienen sollte.


    Die Insel Cauda (auf griechisch auch Claudos) lag 23 römische Meilen* südlich von Kreta und war gleichzeitig auch die südlichste Insel ganz Europas. Sie maß in der Länge ungefähr 6 Meilen** und in der Breite 3 Meilen*** und erschien, verglichen mit anderen griechischen Inseln oder auch mit großen Teilen Kretas, ausgesprochen grün. Ganze Wälder von Phönizischem Wacholder und Kalabrischen Kiefern bedeckten das Eiland, an den Küsten fand sich auch da und dort Großfrüchtiger Wacholder. Bewohnt wurde Cauda von Menschen in mehreren kleinen Dörfern.
    Doch bevor die Astarte anlanden konnte geschah noch einmal ein kleines Unglück. Ein lautes Scheppern unter Deck ließ die Phönizier und Nasica aufschrecken. Als sie nachsehen gingen bemerkten sie Gisco, den Pechvogel, der inmitten eines großen Amphorenscherbenhaufens lag, inmitten einer großen Lake ägyptischen Garums. Der Fischgestank war fürchterlich, genauso wie das darauf folgende Gebrüll von Methusastartos angesichts des Verlusts von 55 Amphoren Garum für einen Kunden in Lilybaeum. Nasica war heilfroh, dass er dieses Mal nicht wieder Zentrum des methusastartischen Grolls war. Mago nickte vielsagend. "Gisco hatte seinen Unfall für diese Fahrt, jetzt sollte uns nichts mehr passieren. Zum Glück waren es dieses Mal nur Amphoren und nicht wieder der Kreuzmast." Als sie später in einem kleinen Hafen ankerten, um die Nacht auf der Insel zu verbringen, durften alle von Bord gehen, alle bis auf die Wachmannschaft und Gisco, der die von ihm überall vergoßene Fischsauce wieder wegschrubben durfte. Besser wohl, man kam ihm die nächsten Tage nicht zu nahe, wenn man Wert auf seinen Geruchssinn legte. Auf Cauda gab es nichts zu ver- oder entladen, worüber sich die Matrosen sehr freuten. So konnten sie gleich direkt in die Tavernen und Lupanare der Insel strömen und ihren Bedürfnissen nach Wein und Frauen frönen. Nasica nutzte den Abend für einen kleinen Spaziergang in der näheren Umgebung. Er hatte sich in einem kleinen Gasthof im Hafen eingemietet und freute sich schon darauf endlich einmal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen, selbst wenn es nur für eine Nacht war.


    Sim-Off:

    * = 35km
    ** = 9km
    *** = 5km

  • Die Nacht war unruhig für Nasica. Er träumte davon wie er durch ein uraltes Labyrinth lief, das den großen Steinquadern und der Wandbemalung nach minoisch sein musste. Überall war ein irres Lachen zu hören und hinter ihm verfolgten den Römer zwei schattenhafte Gestalten mit überdimensionierten blutroten Karikaturen von Messern. Nasica lief so schnell er konnte, doch die Gestalten kamen immer näher. Er bog um eine Ecke und fand sich vor einer Sackgasse wieder. Er wollte umdrehen und einen anderen Weg nehmen, doch da waren die Messergestalten schon vor ihm und stachen zu. Nasica schrie und fiel rückwärts. Er fiel und fiel einen schwarz-violetten Mahlstrom hinab, bis er endlich auf einem hölzernen Untergrund aufschlug. Der Traum-Nasica rappelte sich auf und fand sich auf einer griechischen Trireme wieder, die durch einen vernebelten fliederfarbenen Ozean pflügte. In der Ferne wurden die Schemen einer Küstenlinie erkennbar und zuerst ganz leise doch schnell immer lauter war ein sanfter Gesang hörbar. Der Traum-Nasica ging ganz zum Bug, um zu sehen was da vor ihm lag, während das Schiff sich wie von Geisterhand bewegt ständig dem Strand näherte. Endlich lief es auf Grund und Traum-Nasica sprang an Land. Vor ihm tauchte im Nebel eine weibliche Schattengestalt auf. Sie schien lange offene Haare zu haben und ihre Augen leuchteten weiß. Sie schien Nasica magisch anzuziehen. Der Gesang wurde währenddessen immer noch lauter. Vor dem Frauenschatten mit den weißen Augen angekommen war die Melodie jetzt so ohrenbetäubend, dass es kaum noch auszuhalten war. Traum-Nasica wollte etwas zu der Gestalt sagen, doch kein Ton entwich seinem Mund. Die Ohren schmerzten ihm schon sehr, warum konnte dieses Gejaule keine Ruhe geben! Plötzlich öffnete sich inmitten des Schwarz ein riesiger fratzenhafter Mund an der Frau und sie kreischte wie eine Chimaira, ehe sie ihren spitzbezahnten Schlund weit aufriss und Traum-Nasica in einem einzigen Stück verschlang.


    Nasica fuhr schreiend und in Schweiß gebadet aus dem Schlaf hoch. Sein Herz raste. Was war das eben gewesen? Immer noch keuchend setzte er sich etwas mehr auf und wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. Alles hatte so real gewirkt. Was war es nochmal gewesen? Irgendeine Verfolgungsjagd, die an Paraetonium erinnern mochte und dann noch etwas mit einem Schiff und einer Frau, aber die Einzelheiten seines Alptraumes waren schon dabei ihm wie Sand durch die Finger zu rieseln. Träume pflegten dies an sich zu haben. Nasica versuchte die Details festzuhalten und sich in Erinnerung zu rufen, um sie hernach genauer analysieren zu können, doch je mehr er es versuchte, desto schneller entglitt ihm alles. Plötzlich wurde da seine Tür aufgerissen und der Wirt stand im Nachtgewande und mit einer Öllampe und einem Knüppel im Rahmen. "Was ist passiert, gab es einen Einbruch? Wo ist er!" Nasica winkte ab, nachdem er sich von diesem weiteren Schreck erholt hatte. "Es ist nichts, ich hatte bloß einen Alptraum. Du kannst wieder schlafen gehen." Der Wirt war gar nicht erfreut darüber, dass ihn so eine Lappalie aus dem Schlaf gerissen hatte. Er deutete mit dem Knüppel auf Valerius und sagte: "Morgen bist du hier weg, verstanden?", dann verließ er Nasicas Kammer. Dieser lächelte gezwungen. Natürlich wäre er morgen weg, immerhin würde die Astarte dann ja ihre Fahrt wiederaufnehmen. Er atmete noch einmal tief durch und rollte sich dann wieder auf die Seite. Doch Nasica tat sich schwer mit dem erneuten Einschlafen, so sehr er es auch versuchte. So gingen seine Gedanken auf Wanderschaft und er dachte an all die bislang erlebten Ereignisse auf dieser Reise und er konnte auch nicht umhin Vermutungen über die Zukunft anzustellen was ihn wohl noch alles erwarten mochte. Bislang waren sie ja nur in kleinen Nestern am Rande der Zivilisation gewesen, was wäre erst, wenn sie an den wirklich wichtigen Orten wären, wie Kreta, Athen, oder Sizilien? Da mochten noch ganz andere Dinge geschehen, doch die Zeit würde es schon zeigen. Momentan konnte er nichts weiter tun als auf das Morgenrot zu warten. Zum Glück hatte der Junge für die letzten Stunden vor Sonnenaufgang dann doch noch einmal etwas Schlaf gefunden, sodass er am nächsten Morgen genug ausgeruht war, um den heutigen Tag zu bestreiten.


    Nachdem Nasica alles gepackt hatte (viel hatte er ja sowieso nicht vom Schiff mitgenommen), ging er hinunter und bezahlte sein Zimmer. Bei der Entgegennahme der Münzen blickte ihn der Wirt immer noch verstimmt an, doch Nasica war es egal. Er würde ihn ja sowieso nie wieder sehen. Er ging zurück zur Astarte und stellte seinen Sack ab. "Wann fahren wir los?" Gisco schlurfte gerade von rechts nach links und blickte ihn träge an (er stank immer noch ganz schlimm nach fermentiertem Fisch). "Zu Mittag, das hat der Kapitän zu mir jedenfalls gesagt." Mittag erst? Dann hatte er ja noch ein paar Stunden, was sollte er da nur anfangen mit der Zeit? Schade, aber da konnte man wohl nichts machen. So also ging Nasica schnell unter Deck, um seine Sachen in seinen Verschlag zu bringen und ging dann wieder von Bord. Vermutlich war es wohl das klügste, einfach ein wenig zu spazieren. Nach den vielen Tagen auf See, wo er zum Herumliegen und Nichtstun verdammt gewesen war, wohl die beste Entscheidung. Heute konnte er ja auch ein wenig weiter weggehen, als gestern Abend. So schlenderte Nasica über die Wiesen nahe beim Dorf und durch die weiter abgelegenen Haine, bis ihm da etwas zu Ohren kam. Was war das? Es klang regelmäßig, aber er war noch zu weit entfernt, um es genau identifizieren zu können. Der Junge ging ein paar Schritte in die Richtung aus der die Geräusche kamen und schnell wurde ihm klar, dass das eine Melodie war, die er da hörte. Jemand sang in seiner Nähe! Der Stimme nach musste es eine junge Frau sein. Das war es wert näher betrachtet zu werden!
    Neugierig folgte Nasica den Klängen der Stimme, ehe er zu einer kleinen Lichtung kam, rundum umstellt von einigen Kalabrischen Kiefern. Aus einem Gebüsch heraus sah er jetzt, dass wirklich eine junge Frau dort stand und sang, während sie Wasser aus einem uralten Brunnen holte, der dort in der Mitte der Lichtung stand. "Ooh" machte Nasica ganz leise. Dort vorne stand wohl das schönste Geschöpf, das die Götter jemals gemacht hatten. Das Mädchen war wahrlich makelos! Langes braunes Haar, das von einem weißen Stirnband gerafft und teils zum Zopf gebunden war und weiße kurze Frauengewänder griechischen Stils. Nasica war ganz hingerissen von ihrer äußeren Erscheinung. Er lehnte sich etwas weiter vor, um die Schönheit etwas besser begutachten zu können, wobei ganz leise ein oder zwei kleine Zweige raschelten. Anscheinend hatte die junge Frau das gehört (wobei Nasica nicht einmal selbst es kaum wahrgenommen hatte), denn sie drehte sich plötzlich um und sah in seine Richtung. Dann lächelte sie und fragte mit glockenheller Stimme: "Ja wer hockt denn da im Gebüsch verborgen? Komm raus und zeige dich, ich beisse nicht, versprochen." Nasica spürte einen kalten Schauer. Woher wusste sie, dass er da war?!


    Doch er war entdeckt, weshalb es wohl keinen Sinn machte sich länger zu verstecken, so stand Nasica auf und kam zur Frau beim Brunnen hin. Sie schien im Angesicht eines fremden Mannes überhaupt keine Angst, oder Scheu zu zeigen. Leise summend wandte sie sich wieder dem Brunnen zu, um erneut Wasser aus seinen Tiefen zu schöpfen. "Sieh an ein Jüngling. Chaire Fremder, wer bist du und wo kommst du her?" Das Mädchen hatte ihn auf Griechisch angesprochen. "Ich, ähm.. ich bin Marcus, ich komme aus Alexandria." Er hatte einen kurzen Moment gebraucht, ehe er seine Stimme gefunden hatte, so gebannt war er von ihrem Anblick gewesen. Natürlich hatte Nasica ihr der Höflichkeit halber ebenfalls auf Griechisch geantwortet. "Alexandria? Was für ein trolliger Name, wo liegt das?" Nasica wollte seinen Ohren nicht trauen. Hatte ihm die Schönheit gerade ernsthaft gesagt, dass sie noch nie von Alexandria gehört hatte? "Alexandria liegt in Ägypten."
    "Ah, dann kommst du ja von weit her. Willkommen auf Claudos! Ich bin Polykas. Was führt dich auf unsere schöne Insel?" Jetzt lag es an Nasica sich zu wundern. Polykas? Komischer Name, nie gehört. Aber vielleicht war er ja ein ganz moderner griechischer Name. "Ich bin auf dem Weg nach Rom und fahre deshalb mit einem phönizischen Handelsschiff mit, um dahin zu gelangen." Jetzt hatte die Schöne auch die letzte Amphore mit Wasser gefüllt und wandte sich ihm vollends zu. Ihre Augen waren noch magischer wie der Rest ihres Körpers, Nasica wünschte sich direkt für immer in sie blicken zu dürfen. "Hm eine Schiffsreise, ja, da erlebt man vieles. Möchtest du mir nicht von deinen Abenteuern erzählen? Es gibt nicht allzu viel Abwechslung hier auf unserer kleinen Insel weißt du und ich freue mich daher immer, wenn da jemand kommt, der mir von der Welt da draußen hinter dem Horizont erzählt. Komm, setz dich hier neben mich", ermunterte Polykas den römischen Inselgast und legte ihre Hand neben sich auf den Brunnenrand, damit sich Nasica dort niederlassen würde. Er folgte ihrer Einladung. "Nun bislang ist da eigentlich noch nicht so viel passiert, außer dieses eine Mal am Anfang unserer Reise, als..." und er erzählte der schönen Polykas von seinen Erlebnissen in Paraetonium. Wie er zuerst den Hafen und dann die Stadt erkundet und dann auf die Wahrsagerin Shukura getroffen war, gefolgt von Phaeton, der ihn weitab zwischen die Ruinen eines ehemaligen Königspalastes gelockt hatte, um ihn auszurauben und wie Nasica aus all dem wieder herausgekommen war. Am Ende seiner Geschichte machte Polykas ein sehr beeindrucktes Gesicht. "Du bist wirklich mutig, Fremder und du hast da ein ganz schön aufregendes Abenteuer erlebt." hauchte sie. Nasica wurde leicht rot vor Verlegenheit. "Ach, es war kaum der Rede wert. Abenteuer gehören dazu zum Reisen und verleihen ihm erst die richtige Würze. Ich bin jung ich freue mich darüber Neues zu entdecken und neue Orte zu sehen."
    Polykas drückte leicht seine Hand und lächelte. "Das glaube ich dir gerne. Wie schade, dass ich wohl diese Insel niemals verlassen und die Welt sehen werde. Doch.. was hast du bislang hier auf Claudos erlebt?"
    Da musste er nicht lange überlegen. Nasica zuckte mit den Achseln. "Nichts besonderes und ich denke auch nicht, dass sich noch etwas interessantes ergeben wird. Mein Schiff legt in ein paar Stunden wieder von hier ab und fährt dann weiter nach Kreta."
    Mit einem wissenden Gesichtsausdruck tippte sich Polykas mit dem Finger auf den Mund und fragte: "Kennst du den alten Namen von Claudos?"
    "Was? Hm, nein. Warum? Wie heißt er denn?"
    "Er lautet Ogygia."
    "Ogygia? Warte mal nein, du meinst doch nicht etwa..."
    Nasica blieb der Mund offen und seine Augen wurden ganz groß vor Überraschung.
    "Du willst mir doch nicht im Ernst erzählen, dass du von DEM Ogygia sprichst? Jener Insel auf der Odysseus sieben Jahre lang gefangen gehalten worden war von der Nymphe Kal-..."
    "Oh ja, dieses Ogygia. In diesem Moment stehst du genau auf dieser Insel."


    Nasica war mehr als sprachlos. Er befand sich auf Ogygia! Das wovon Homer schon berichtet hatte! Bei allen Göttern! Was gab es nicht für Zufälle! "Wahnsinn! Doch warum erzählst du mir das?" Bestimmt steckte da noch mehr dahinter und Polykas ließ ihn auch gar nicht lange zappeln. "Du hattest mir ja gerade eben erzählt, dass du gerne neue Orte erkundest, wie diesen alten Ägypterpalast. Ich kenne womöglich eine weitere Stätte die dein Interesse wecken könnte. Bist du daran interessiert die Höhle des Odysseus zu sehen?" Er konnte selbst nicht ganz sagen warum, jedoch irgendwie spürte Nasica, wie seine Euphorie urplötzlich abflaute. "Was will ich sehen?" Polykas lächelte wieder als er sich scheinbar dumm stellte. "Von der Höhle des Odysseus spreche ich. Der in der er gewohnt hat Zeit seines Aufenthalts hier." "Ich kann mir kaum vorstellen, dass es diese Höhle wirklich geben soll, in der Odysseus sieben Jahre lang gehaust haben soll zusammen mit..." Nasica wurde vom glockenhellen Lachen der Schönen unterbrochen. "Ach, denkst du wirklich, dass ich dich belüge? Die Höhle gibt es wirklich, ihr Standort wurde bei uns von Generation zu Generation überliefert. Du scheinst dich doch für solche Dinge zu interessieren, komm! Ich führe dich hin." Polykas war aufgestanden und hielt ihm eine Hand entgegengestreckt und das mit einem Blick, der den härtesten Kerl dahinschmelzen lassen hätte. Auch Nasica erlag ihm für einen Moment, doch das flaue Gefühl von vorhin war immer noch da und steigerte sich jetzt schnell zu Misstrauen. Irgendetwas sagte ihm, dass es überhaupt keine gute Idee war mit Polykas mitzugehen, um die Höhle des Odysseus zu erkunden, irgendwie kam ihm das alles seltsam vertraut vor, ganz so, als ob er es erst vor kurzem schon einmal in anderer Form erlebt hätte, doch er kam nicht darauf wie er das eigentlich meinte. Es war, als ob der Gedanke ihm wie Sand durch die Finger rieseln würde, wann immer er versuchte sich genauer zu erinnern, doch feststand, dass er nicht mit Polykas mitgehen wollte, sämtliche Alarmglocken in ihm gaben ihm das zu verstehen, egal wie sehr er gleichzeitig jenen wunderbaren Ort sehen wollte, von dem fast alle anderen wohl denken mochten, dass er nur in Sagen und Legenden existierte. Polykas legte den Kopf schräg. "Kommst du?"
    Nasica machte eine Schritt zurück. Er fühlte sich mit einem Mal elend zumute. "Ich.. denke nicht, dass ich mit dir kommen werde. Nein, tut mir leid." dann drehte er sich um und spurtete los, weg von Polykas. Nasica lief, als wären die Furien persönlich hinter ihm her. Zwei Mal wäre er fast gestürzt, doch hatte er doch noch das Gleichgewicht halten können. Nur weg von dieser Frau und ihrer versprochenen Wunderhöhle!


    Nasica stoppte erst, als er wieder am Rande des kleinen Küstenorts angekommen war in dem die Astarte ankerte. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß und keuchend sog er frische Luft in seine Lungen. Ein Bauer kam des Weges und entdeckte den völlig fertigen jungen Römer. "Na was ist denn mit dir los, Junge! Siehst ja aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!" Der Bauer lachte auf und ging weiter. Nasica sah ihm nach, noch außer Stande ihm antworten zu können. Als er halbwegs wieder zu Atem gekommen war ging er zum Hafen und dort an Bord der Astarte, wo er die restliche Zeit warten wollte, bis sie von Cauda ablegen würden.
    Seine Begegnung mit Polykas dort oben am einsamen Brunnen würde er wohl nicht so schnell vergessen.


    Sim-Off:

    Anagramm


  • "Aua! Das tut weh!"
    "Jetzt halte doch still, Junge! Ich seh ja nichts, wenn du so zappelst!"
    Verärgert brummte Mago und versuchte mit beiden Händen Nasicas Kopf festzuhalten, um sich sein verletztes Ohr näher ansehen zu können.
    "Aber es schmerzt, wenn du dort herumdrückst!"
    "Tja! Selbst schuld, wenn du wie blöde durch die Gegend rennst! Ich hab dir gesagt du sollst dich noch mindestens bis Athen schonen!"
    Genervt zischte der Römer. Nach seinem kleinen Lauf über Stock und Stein, quer über die Insel Cauda, hatte sein Ohr wieder zu schmerzen begonnen und das stärker, als ihm lieb war. Wie konnte das eigentlich passieren, er war ja nirgends damit angekommen, so ganz verstand er diese Sache nicht. Fest stand nur, dass er im Moment wieder große Schmerzen hatte. Es war zwei Stunden nach Mittag und die Astarte pflügte durch das Wasser auf dem Weg nach Kreta. Genauergenommen nach Kydonia, denn Kreta selbst würde ja schon bald am Horizont auftauchen. Dann hieß es nur noch den Rest des Tages die Westspitze der Insel zu umrunden und dann wären sie gegen Abend hin auch schon da.
    Mago seufzte. "Das Ohr scheint so weit in Ordnung zu sein. Besser du schonst dich für den Rest dieses Tages, also Marsch, unter Deck und hingelegt!"
    Nasica machte ein langes Gesicht. "Schon wieder?"
    "Ja, "schon wieder"! Ich kann nichts dafür, wenn du nicht selber auf dich aufpassen kannst, also runter mit dir! In Kydonia kannst du dann wieder von Bord." Genervt machte er sich auf den Weg. Nasica sah es schon kommen, wenn das so weiterging, würde er den ganzen verdammten Rest dieser verdammten Reise auf dem Rücken liegend unter Deck verbringen! Er befolgte Magos Anweisung nur, weil er wusste, dass der alte Navigator im Grunde Recht hatte, egal wie brummig er gerade auf ihn war. Sein Ohr befand sich einfach noch nicht in der Verfassung, dass Nasica aufsprang und wie der Wind herumlief, das war ihm ja auch vor ihrer Landung noch extra gesagt worden. Das alles war nur die Schuld von dieser Polykas, jawohl!


    Ein Knarzen weckte Nasicas Aufmerksamkeit, nachdem er eine Weile still auf seinem Lager gelegen hatte. Er blickte auf und sah Abdemon vor sich. "Was gibt es?" fragte Nasica formlos. Abdemon kratzte sich am Kopf und grinste verlegen. "Ich wollte bloß nachsehen wie es dir so geht. Alles in Ordnung?" Eigentlich war ihm gerade nicht so sehr nach reden. Um es etwas gemütlicher zu haben legte Nasica sich wieder hin und blickte hoch zur Holzdecke, während er dem Matrosen antwortete: "Jaa schon.. mein Ohr schmerzt nur wieder."
    "Das hörte ich schon. Hast du denn irgendwas besonderes gemacht, dass es dir wieder weh tut?"
    Nasica lächelte gequält. Sollte er wirklich die Wahrheit erzählen? Dass er vor einer Frau weggelaufen war, bloß wegen eines unguten Gefühls? Man konnte ihn sehr schnell für feige, oder schwach, oder unmännlich für sowas halten, in Rom mochte so etwas bestimmt undenkbar sein, dass ein Mann vor einer schwachen, unbewaffneten Frau davonrannte, als wäre sie ein Rudel Wölfe! Doch Abdemon war kein Römer und besaß daher auch nicht deren Mentalität (ja nicht einmal Nasica selbst so wirklich, viel eher die eines griechischen Alexandriners). Außerdem war er eine gute Seele, er konnte es wohl riskieren, ohne allzu sehr sein Gesicht zu verlieren. "Ich bin gerannt."
    "Gerannt?"
    "Ja, oder besser gesagt weggerannt."
    "Weggerannt? Wovor denn?"
    "Vor.. ... einer Frau"
    Es hatte einiges an Überwindung gekostet, doch er hatte den Satz doch noch herausbekommen. Abdemon zeigte zuerst ein verwundertes, dann ein grinsendes Gesicht. "Hat sie wohl nicht die Finger von dir lassen können, was?" Offenbar dachte er die Frau wäre eine Prostituierte, oder sonstige Geliebte gewesen.
    "Hm, nein, das war es nicht. Ich bin einfach so vor ihr weggelaufen."
    Abdemon bewies diplomatisches Geschick, als er anstatt einer Verurteilung bloß mit den Achseln zuckte und meinte: "Du wirst wohl schon deine Gründe dafür gehabt haben schätz ich mal."
    Nasica war ihm dankbar dafür, dass Abdemon ihn nicht auslachte. "Im Grunde ist ja auch nichts besonderes passiert. Ich traf sie auf einer Waldlichtung und sie bot mir an mir einen wundersamen Ort zu zeigen, doch ich wollte nicht. Ich fühlte mich von ihr bedroht, deshalb bin ich von dort weg. Diese Frau war eigenartig."
    Anstatt ihn näher über Details auszufragen lächelte der Matrose nur. "Willkommen in Griechenland, Kleiner, das läuft hier eben so."
    "Was?" Nasica war verwirrt.
    "Dieses Land ist uralt und in Griechenland ist alles meist ein wenig anders, als es auf dem ersten Blick zu sein scheint."
    "Willst du damit sagen diese Frau war vielleicht gar nicht..."
    "Ich will damit gar nichts sagen. Bitte pass einfach auf dich auf solange wir in diesen Gewässern kreuzen, ja? Du könntest dich sonst schneller verlieren, als dir lieb ist." unterbrach ihn der Matrose, damit Nasica gar nicht erst die Chance gehabt hatte seine Vermutung über Polykas auszusprechen. Nachdem Abdemon seinen Satz beendet hatte stand er auf, nickte ihm noch einmal zu und machte sich dann schnurstracks von dannen und ließ lauter Fragezeichen für Nasica zurück. Was sollte das denn gerade bedeutet haben???


    Den Rest des Nachmittags verbrachte Nasica liegend (und teils schlafend), ehe es endlich Abend wurde und er daher beschloss an Deck zu gehen, um zu sehen wie weit sie noch von ihrem Ziel entfernt waren. Als er sich wieder unter freiem Himmel befand, stachen ihm gleich die hohen kretischen Berge an der nahen Küste ins Auge, an denen die Astarte langsam ostwärts vorbeiglitt. Die Westspitze hatten sie also schon umrundet, ebenso wie die Rodopos-Halbinsel. Aufflackernde Feuerflecken an der Küste, südöstlich von ihnen, zeigten ihnen im jetzt schnell schwindenden Licht die nahe Präsenz eines Küstenorts an in dem die Leute die ersten Nachtbeleuchtungen entzündet hatten. Dieser Küstenort war Kydonia, das Tagesziel ihrer heutigen Etappe.

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