Tablinum | Schwarzes Flüstern

  • Nachdem Tiberius Verus einfach einmal reingegangen war, lotste ihn eine ganze Schar von Sklaven in ein Tablinum. Ein einzelner hätte das wohl nicht vollbracht.
    Parallel dazu wurde der Consul benachrichtigt, der seit der Enthüllung des widerrechtlich gesetzten Brandzeichens in Bezug auf Tiberius nicht nur hochgradig misstrauisch reagierte, sondern ihn deswegen auch herbeordert hatte. Allerdings wurde das Vorhaben des Vortages noch nicht umgesetzt, denn schneller als gedacht fand der Trecenarius am frühem Morgen und von allein den Weg in die Villa Claudia.


    Liktor Faustus und Leibwächter Marco folgten Menecrates auf dem Fuß, als er auf das Tablinum zusteuerte. Sein Blick suchte den Trecenarius, während seine Brauen eine Falte über der Nasenwurzel produzierten.
    "Die Zustellung der Vorladung können wir uns jetzt sparen." Es klang nicht freundlich, obwohl der Umstand, dass Tiberius von selbst kam, eigentlich Anlass zur Genugtuung geben könnte.

  • Wenn Blicke töten könnten, würde Tiberius Verus gewiss tot umfallen, als Marco ihn erblickte. Der Custos empfand großen Hass auf den Mann, der Morrigan zu einer Marionette machte, sodass er sich nur bedingt in seinen Emotionen zügeln konnte. Er würde den kleinsten Fingerzeig seines Herrn überdimensional umsetzen, sollte der Schwarze sich danebenbenehmen. Ob weitere Sklaven und vermutlich Liktoren dazustoßen würden, hing davon ab, wie viele seinesgleichen der Offizier mitschleppen würde.

  • Ich bewunderte geradezu Marco, dem es bestimmt große Mühe kostete sich so zu beherrschen. Ich dagegen, völlig unerfahren in irgendwelche Kampffertigkeiten, dafür aber emotional nicht mehr zu bremsen, geriet zum ersten Mal in meinem Leben außer Kontrolle. Wie eine Maus stürzte ich mich auf den Kater um diesen nieder zu prügeln.
    „Was hast du mit ihr angestellt und Warum nur?“
    Nicht nur meine Wut und mein Hass auf diesen Mann kam zum Vorschein, als ich ihn so anbrüllte. Nein, auch Verzweiflung. Verzweiflung darüber, dass in meinem Rom so etwas möglich war. Das es hier Menschen gab die zu solchen Tun fähig waren und im Dienste Roms standen. Was hatte diese kleine Sklavin Rom getan?

  • Wenn Licht flüchtete, die Dunkelheit gewann, sang ein Schatten jenes Lied. Ein Lied, der Wiederholung, welches kein Vergessen schenkte. Verus konnte nicht vergessen aber musste zu dieser Melodie tanzen, wie einjeder in seinem Dienste, diesen Reigen vollführte. Verus wusste nicht einmal mehr, was wirklich von Bedeutung war. Er wusste nicht einmal, welche Aspekt seiner Person wichtig war. Der Mann war inzwischen so viele Personen gewesen, die nicht immer zusammen passten. Sie widersprachen sich sogar. Er war der grausame Soldat, der tapfere Henker, der mitfühlende Zuhörer oder auch der objektive Richter gewesen. Verus hatte längst die Verbindung zur Welt verloren, so dass er sich nicht einmal vor seinem eigenen Tode fürchtete. Eine gewisse Todessehnsucht spiegelte sich sogar in seinen kalten Augen. Er forderte den Tod fast heraus aber auch dieser schien sich vor ihm zu fürchten. Mit seinen Leibwächtern trat der Mann der Prätorianer auf, wollte auf den Konsul warten und seine Geschäfte erledigen. Eigentlich war sein Auftrag ein anderer aber es schien, dass sich die Situation überworfen hatte. Der hasserfüllte Blick des Sklaven und die Fragen des Liktoren, welche eher einem klagenden Gebrüll ähnelten, trafen den erst eine Sekunde später verstehenden Soldaten. Auch der Konsul war mit den beiden Herren aufgetreten. Die beiden Leibwächter sicherten Verus ab, doch dieser unterband eine Zuspitzung der Situation mit einer kühlen Geste, so denn die beiden Prätorianer hinter ihren Offizier zurücktraten. Keine emotionale Reaktion zeigte sich in Verus Gesicht, dessen Augen leer auf den Konsul fielen. "Genug," sagte der Trecenarius mit sachlicher Stimme und nahm sich selbst eine Forderung heraus. "Gebrüll und Zorn sind hinderlich bei der Aufklärung," erklärte der Mann ohne sich wirklich an dieser Sache emotional zu beteiligen. Er wollte sich einfach nicht in diesen Konflikt hinein ziehen lassen, weil Verus längst gelernt hatte, dass Zorn an der Welt nichts ändern würde. "Ich denke, dass der Konsul mich gerne sachlich aufklären kann, um welchen Vorfall oder Dringlichkeit es sich in dieser Sache handelt," ebnete Verus wieder den Weg in die kalte Bösartigkeit der Prätorianer. Hingegen schien er den Liktor zu ignorieren, dessen Gebrüll ihn nicht wirklich beschäftigen wollte. Er war aus Sicht des Trecenarius, einerseits nicht wichtig genug, und seinerseits zu sehr emotional gebunden, was eine Bearbeitung seiner Person derzeit unnötig machte, da es wohl um diese Morrigan Angelegenheit ging. Diese Angelegenheit war schon lange eine neue Devise. Verus würde nicht einmal mehr die Gründe verbergen. Wenn der Konsul wirklich wissen wollte, was vor sich ging, musste er nur seine eigene Rolle verstehen. "Auch wir haben eine Angelegenheit mit uns gebracht, Konsul. Quid pro quo," sagte der Trecenarius und zeigte wieder das Haifisch-Lächeln mitsamt seinen leeren Augen. Die Prätorianer hatten stets die Kontrolle, zumindest über ihre eigene kleine Welt, die sie wie Höllenfürsten dirigierten.

  • Sie steuerten aus verschiedenen Richtungen das Atrium an. Der Hausherr etwas später, denn er musste erst benachrichtig werden. Als er eintraf und noch bevor er etwas sagen konnte, sprudelte die Empörung aus Faustus heraus.


    "Quid pro quo?", wiederholte Menecrates fragend und gleichzeitig entrüstet. "Für einen solchen Handel benötigt es die Freiwilligkeit und die ist von meiner Seite nicht gegeben. Mein Eigentum ist beschädigt worden und das, obwohl ich ausdrücklich klar gemacht habe, dass ich dies nicht wünsche! Ich werde dagegen klagen. Du erhältst hier und jetzt die Gelegenheit zur Stellungnahme."


    Eine Erläuterung, um welche Beschädigung und welches Eigentum es sich handelte, sparte sich der Consul. Ihre gemeinsame Geschichte währte mittlerweile lange und wenn es nicht um den Sklavenaufstand ging, dann entweder um die Kaiserfamilie oder Morrigan. Sein gesamtes Leben hatte Menecrates noch nicht so viel Kontakt zu den Praetorianern gehabt wie seit gut zwei Jahren. Vielleicht hatte er bis jetzt auch seinen Standpunkt noch nicht deutlich genug gemacht. Das lag aber sicherlich nicht an ihm, denn Klarheit musste zwangsläufig seit der öffentlichen Versklavung herrschen, sondern es lag anscheinend an der Dickfelligkeit der Garde. Oder war es nur die Dickfelligkeit eines Einzelnen? Des Tiberiers?


    Sein Blick fixierte Tiberius.

  • Jetzt wurde die Sachlage klar. Es ging um den Morrigan Fall. Verus zog gelassen beide Schultern hoch, ließ sich nicht von der offenen Drohung beeindrucken. Er selbst hatte schon genug Furchtbares erlebt, um einfach einzubrechen. Selbst eine Niederlage vor Gericht, sofern überhaupt möglich, war keine wirkliche Niederlage. Denn Verus war längst damit beschäftigt, zu zerbrechen und seine Trümmerteile kreisten in seltsamer Form um ein sein einstiges Leben. Seine Träume und Albträume waren niemals mehr gut; und seine Intentionen durchsetzt von zäher Unendlichkeit. "Es gab einen Fehler in der Befehlskette," war die gelogene Stellungnahme des Trecenarius, die von eine Verlängerung der Schattenmacht der Prätorianer ihre Wirkung zeigte. "Da du diese Lage bereits ansprichst, kommen wir gleich zur Sache. Denn ich bin auch wegen dieser Sache zu dir gekommen," kehrte Verus die Aussage des Konsuls um. "Dein Eigentum ist beschädigt und wir entschuldigen uns dafür. Die entsprechenden Soldaten werden entsprechend bestraft," sagte der Prätorianer mit kalter und betont ruhiger Stimme. "Du erhälst fünf Talente in Gold als Entschädigungssumme und Geschenk," erklärte der Offizier und deutete eine verbeugende Geste an, die natürlich überzogen und falsch wirkte. Eine stolze Summe, die Morrigans Wert weit überstieg. Man konnte es als Bestechung sehen, denn diese Geldmenge in Gold war erstaunlich und umfasste den Gegenwert von knapp 1000 Bogenschützen oder der Ausstattung einer halben Domus. "Ich kann mich nur für dieses Versagen der Befehlskette entschuldigen," offenbarte Verus die falsche Reue der Prätorianer, die nicht mal wirklich ein Gefühl von Reue verstanden. Selbst Verus tat sich inzwischen schwer damit, da die Funktion immer mit dem Zweck verbunden war. Wenn der Konsul kein Narr war, würde er diese erstaunliche Summe annehmen und es auf diesen Vergleich ankommen lassen; wenn er das Gericht vorzog, würden die Prätorianer größer spielen und entsprechende Operationen auch gegen den Konsul etablieren müssen, um Schaden von Rom abzuwenden. Die Prätorianer dürften nicht schwächeln, da ansonsten ihre gesamte Macht zusammenbrechen würde. "Claudia Silana ist eine besondere Frau," ließ Verus nebenbei fallen. "Ich denke, dass dieses Gold gut in ihre Ausbildung investiert ist. Ein kluger Kopf braucht Förderung," deutete der Trecenerius doppelbödig an und grinste zynisch in die Richtung des Konsuls. Es war klar, was er mit dieser Aussage bezwecken wollte. "Sie ist ja leider noch nicht verheiratet," erhob er dezent seine Stimme, ohne das er laut wurde, sondern machte klar, dass die Prätorianer Silana im Blick hatten, um Menecrates offen zu zeigen, dass man wusste, wo er verwundbar war.

  • Ein Römer hohen Standes sollte seine Beherrschung nicht verlieren. Die Dreistigkeit, mit der Tiberius vorging, als er Morrigan auf offener Straße einkassierte und brandmarkte, ließ Menecrates jedoch seine gute Kinderstube vergessen, denn die Handlung richtete sich nicht ausschließlich gegen Morrigan, sondern in erster Linie gegen ihn.
    Die erste Aussage, es handele sich um einen Fehler in der Befehlskette, eignete sich nicht im geringsten, Menecrates zu besänftigen. Vielmehr erzeugte sie weiteres Unverständnis und Unmut. Da er jedoch zu Höflichkeit erzogen wurde, hörte er weiter zu, ohne ins Wort zu fallen. Erst die erfolgte zweifache Entschuldigung stoppte das innerliche Hochschaukeln und milderte die Verstimmung. Ihm folgte allerdings ein solcher Patzer, der Menecrates regelrecht wütend machte.


    "Was denkst du eigentlich, bringen wir unseren Kindern bei? Meine Enkelin hat sicherlich keinen Nachholbedarf, genauso wenig benötige ich finanzielle Unterstützung für die Ausbildung meiner Kindeskinder." An dieser Stelle verletzte Tiberius den Stolz des alten Claudiers. Keine gute Grundlage für weitere Verhandlungen.


    Trotz allem bevorzugte Menecrates den außergerichtlichen Vergleich. Als Praetor riet er dies allen Vorsprechern, warum sollte er bei sich eine Ausnahme machen.


    "Ich nehme stellvertretend für meine Sklavin ein Zehntel Talent Gold als Schmerzensgeld." Die Summe fand er angemessen, allerdings geltete sie ausschließlich Morrigans Ansprüche ab.


    "Die Frage bleibt, wie gedenkst du mich zu entschädigen?" Er ließ den Satz wirken, bevor er anfügte: "Mit ein oder zwei Entschuldigungen ist es nicht getan und ich bezweifle, dass die ausführenden Soldaten die passenden Adressanten für eine Strafe sind."

  • Scheinbar verfehlte die Drohung ihre Wirkung. Verus musste seine Strategie ändern, was ihm zwar gelang aber sie kostete einiges, so dass der Prätorianer innerlich grummelte. Es bedeutete nämlich, dass er seine Machtposition zugunsten eines neuen Handels aufgeben musste. Zwar verloren die Prätorianer nicht wirklich aber er selbst würde sich demütigen müssen. Und Verus demütigte sich ungerne, da er sich inzwischen an diese Position gewöhnt hatte. Doch in dieser Sekunde erkannte der kluge Mann, der Verus nun mal war, dass er sich schändlich verraten hatte. Demütig würde er seine Aufgabe erfüllen müssen, damit dem Geschäft kein Schaden entstandt. Man dürfte sich selbst nicht aus der Gleichung ausschließen, sondern musste sich selbst auch als Objekt begreifen. Auch der Trecenarius war nur eine Funktion von vielen. Verus nickte einem imaginären Vorgesetzten zu, ganz an Menecrates vorbei, so dass er sein eigenes Urteil jetzt akzeptierte. Wenigstens war dieses Kuriosum heilsam für Verus, der endlich einen emotionalen Konsul erblicken, der mehr Menschlichkeit zeigte als Verus in den letzten Monaten. Die Erinnerung an diesen Gesten, wenn auch wütender Natur, war etwas, was der Prätorianer vermisste. Er würde so gerne wieder etwas fühlen, was nicht so taub und abgemildert war. Verus Leben war ferngesteuert und leblos. "Gut, das Geld wird bereitgestellt," war die knappe Antwort, die die vergangene Drohung schlicht umgang. Ohne lange nachzudenken, kam Verus die alte Sitte der concordia in den Sinn, die üblich in Streitfallen war, die nicht gerichtsfähiger Natur waren oder zumindest außerhalb der sella geregelt werden sollten. "Ich kann dir von Bürger zu Bürger den alten Eintrachtseid der concordia in deren Tempel anbieten, wo wir uns beide zum Frieden und achtsamen Handlungen verpflichten. Ich würde dort als Trecenarius einen Eid in deinem Beisein ablegen, der uns vor den Göttern eine Friedenspflicht bindet, die du ebenfalls durch einen Eid mir gegenüber bestätigst. Es würde eine Geste des Friedens und Vertrauens sein, die gleichsam einer öffentlichen Entschuldigung ist, da wir jenes Konkordium bilden," sagte Verus und meinte dies durchaus ernst, da diese Eide wirklich eine große Sache waren und auch eine gewisse Politik verbanden. Rom baute auf seine Religion und seine Eide. Eidfähigkeit war ein entscheidender Faktor im Vertragswesen und auch wenn Verus nicht wirklich glaubte, war er sehr wohl an seiner Eidfähigkeit interessierte, da ein Eid nicht achtlos gebrochen werden konnte, ohne diese Fähigkeit zu verlieren. Ein Soldat wäre ohne Eidesfähigkeit nicht dienstfähig. Insofern war dies ein wirkliches ernsts Entschuldigungsangebot, auch wenn Menecrates in concordischer Sitte dem Trecenarius entsprechend entgegenkommen musste, um den Frieden nicht zu gefährden. Also schloss dieser für sich auch Handlungen gegen den Tiberius aus. Concordia verlangte gelebte Eintracht, wenn der Eid gesprochen war. Auch wenn diese Eintracht nicht im Sinne einer dauerhaften Harmonie und Freundschaft zu sehen war, sondern viel mehr in einem geordneten Frieden zweier Bürger.

  • Welche Form der Entschädigung Menecrates für angemessen hielt, konnte er nicht auf Anhieb sagen. Sie musste ihn überzeugen, so viel stand fest. Er wusste allerdings, dass der soeben vernommene Vorschlag für ihn bisher nicht in der Auswahl stand. Entsprechend Zeit nahm er sich, darüber nachzudenken. Sein Blick ging zu Faustus und richtete sich anschließend wieder auf Tiberius. Dann atmete er einmal durch und legte langsam ein paar Schritte im Atrium zurück - weg von den Personen. Das Nachdenken hinderte ihn daran, seinen Groll zu pflegen. Seit er denken konnte, vermochte er es nicht, zwei Dinge gleichzeitig zu tun.
    Er wog ab. Was gewann er, wenn er sich auf den Vorschlag einließ? Eine Waffenruhe, die im Angesicht der Concordia geschlossen wurde. Das bedeutete, in Zukunft blieben Morrigan und das restliche Personal verschont. Seine Familie sah er nie in Gefahr, aber auch diese würde von der Waffenruhe profitieren sowie auch seine eigene Person. Rückwirkend brachte Tiberius' Vorschlag nichts.
    Geld oder andere materielle Dinge brauchte Menecrates nicht. Vor allem aber sicherten sie die Zukunft nicht ab. Rückwirkend konnten sie als Entschädigung gelten. Wie es aussah, musste sich Menecrates zwischen Zukunft und Vergangenheit entscheiden. Eine Entschädigung stand gegen ein Versprechen ... zukünftig Friede und keine Entschädigung oder eine Entschädigung für den bisherigen Krieg und die Zukunft blieb offen.


    Er drehte sich den Männern zu, weil er einen Entschluss gefasst hatte.
    "Ich bin mit deinem Vorschlag einverstanden - unter zwei Bedingungen." Er achtete auf die Reaktion, bevor er fortfuhr. "Bedingung eins: Die Ableistung des gemeinschaftlichen Eides wird nach meinem Consulat sein. Bedingung zwei: Angesichts der begangenen Dreistigkeit, möchte ich außer dem Schwur für die Zukunft eine Gegenleistung für das Vergangene. Du verpflichtest dich mir gegenüber zur Informationslieferung über Vorgänge, die mich tangieren, aber nur in dem Maße, wie sie für dich vertretbar sind. Das klingt schwammig, das ist es auch, aber so fühle ich mich annähernd gut."

  • Es wurde immer schwerer, frei zu atmen, wenn man von einer Krankheit geplagt wurde, für die es keine Heilung gab. Wie ein Geschwür war die Kälte in seinem Herzen, welche einem Krebs gleich wuchs, und einen Krieg nicht nur gegen ihn selbst, sondern auch jeden anderen führte. Es war kein Wahnsinn aber auch kein Sinn in diesem Etwas, welches sich seiner bemächtigt hatte und nicht mehr weichen wollte. Es war hier. Genau jetzt in diesem Gedanken, als Menecrates mit ihm sprach. Die Melodie seines Lebens war ein dumpfer Ton, der monoton in sich selbst gefangen war. Verus war nicht selbstsüchtig aber auch nicht frei von Eigennutz. In seiner Welt war ein gewisser berechneter Eigenutz niemals falsch. Dennoch wurde es immer schwerer, wenn man ein Teil jener bösen Kraft war, welche Rom bis ins Mark beherrschen wollte. Sein Herz lief davon, doch wurde es durch das Fleisch seiner gepeinigten Existenz gehalten.


    Im wilden Herzschlag im kalten Angesicht seiner Augen, blickte Verus zum Konsul und zog ihn hinab in diesen Abgrund, der kein Ende hatte; sondern stets nach einem ewigen Sturz verlangte. Sprang' man einmal hinein, gab es kein Zurück zu einem Leben, sondern nur ein Vorwärt in ein Etwas. Seine Augenlider zuckten, wollten mit aller Macht des ungesunde in sich selbst davonwaschen aber scheiterten am Widerstand des Krieges. Er hatte so viele Leben genommen, nicht nur im bewaffneten Konflikt, sondern auch hier in Rom, so dass sein eigenes Leben längst zerbrach und er seine Macht nur errichtet hatte, um zu stürzen. Er selbst war die Krankheit in dieser Welt, die er so sehr verachtete aber nicht entfliehen konnte. Die Prätorianer waren ein kombiniertes Geschwür, ein Leviathan alter und neuer Mächte, welches allein seiner Macht diente. Rom war befallen von einer Idee, die nicht einmal ein Kaiser brechen konnte.


    Auch der Kaiser war befallen von dieser Idee. Verus war längst klar, dass es kein Entkommen gab. Sein Sturz war unaufhaltsam, selbst wenn er stets gewann und sich nicht mehr lossagte, so war dort stets etwas, was ihn hinab riss und ihn daran erinnern musste, wer in dieser Stadt eines der vielen Monster war. Verus war sich seiner selbst in diesem Augenblick überdrüssig, da der Konsul die furchtbaren Erinnerungen weckte, die nicht mehr weichen wollten. Unberechenbar schien Verus Reaktion, so dass seine Augenlider ihr Zucken unterbrachen und die Unsicherheit in ihrer gebrochenen Macht in eine neue Wunderwaffe an Selbstsicherheit verwandelt wurde. Nichts konnte ihn besiegen. Selbst der Tod, die Macht eines Kaisers, fürchtete er nicht mehr, da er sich selbst mehr fürchtete als die weltliche Macht. Ein Tod konnte eine Erlösung sein und wenn man einmal die Angst vor dem Tod verloren hatte, war die Welt nur ein leerer Ort, der seine Ende irgendwann finden musste. Insgeheim hoffte Verus sogar auf einen gnadenvollen Tod, da er selbst zu feige war, um ohne Wunsch und Befehl sein Leben zu beenden. Dennoch würde er es tun, wenn es verlangt wurde. Dies war der Widerspruch in ihm, der Irrsinn, der nicht begraben werden konnte. All die Opfer in seinem Leben waren wertlos, brachten ihm stets neue Ketten, die ihn nun selbstsicher in grausamer Gewissheit zurückließen.


    Eine Selbstscherheit, die sogar ihren Sturz akzeptieren konnte, ohne noch daran zu zerbrechen. Denn Verus war längst zerbrochen und als Monster zusammengesetzt worden. Brav führte er seine Weisungen aus, tapfer agierte er mit seiner Macht aber fand nicht mehr in diese Gesellschaft zurück. Dinge, die er zu vergessen drohte, waren Mitgefühl und Hoffnung. Zynismus war der letzte Rest an Menschlichkeit, der Antwort auf ein verlorenes Leben sein konnte. Verus sog Luft durch seine Nase ein, um seine Planungen zu überdenken.


    Doch schnell wurde ihm klar, dass dies einem Bündnis mit dem Konsul gleichkam und er folglich auch durch die Prätorianer bedient werden konnte. Informationen aus seinem eigenen Mund konnten den Konsul beeinflussen. Eine gute Sache. "Ich bin einverstanden," war die knappe Antwort, die aus den Augen heraus mehr verlangte als ein paar Worte. Das teuflische Funkeln verwandelte sich eine traurige Leere. "Ich kann gleich damit beginnen," sagte der Trecenarius nüchtern und machte eine Geste mit seiner linken Hand. "Jemand hat den orator publicus bestochen, um äußerst positive Nachrichten und Lobgesänge über dich zu verbreiten. Gleichsam wertete dieser orator deinen persönlichen Gegner Aurelius Lupus erheblich ab. Wenn du diesen Mann nicht bezahlt hast, will jemand euch beide anstacheln und aufhetzen, um einen politischen Gewinn daraus zu ziehen," offenbarte Verus ein erworbenes Geheimnis der Prätorianer mit einer Schlussfolgerung, die auch einer gewissen Manipulation diente. Verus konnte nicht mehr ohne Lügen und Manipulation. Lügen machten so vieles leichter, da sie kontrollierbar waren. Dennoch war dies keine Lüge, sondern eine erfahrene Tatsache, die Verus bewusst offenbarte. Das Monster roch Beute, fern oder nah.

  • Menecrates nickte nochmals zur Bekräftigung und staunte nicht schlecht, als der Trecenarius postwendend Gebrauch von der gerade getroffenen Einigung machte. Er durchlebte dabei ein Wechselbad der Gefühle. Zuerst zeigte er sich beeindruckt, weil Tiberius den Eindruck erweckte, sich tatsächlich an das Versprechen halten zu wollen, was gleichzeitig bedeutete, dass Menecrates samt Familie und Hausstand fortan in Frieden leben konnte.
    Es folgte die Wirkung des Wortlauts, die dem Consul zunächst ein Grinsen auf das Gesicht zauberte. Der Auskunft zufolge gab es Personen, die seine Arbeit wertschätzten, was er keineswegs abwegig fand. Allerdings schienen dieselben Personen gleichzeitig wenig vom Aedil zu halten. Er fand die Tatsache zunächst interessant, bis ihm der Gedanke kam, dass ihm diese wohlwollenden Äußerungen durchaus auf die Füße fallen konnten. An dieser Stelle wurde er wieder ernst.


    "Danke, Tiberius. Das ist ein wirklich guter Anfang." Er kam nicht auf die Idee, sich zu verteidigen, so absurd erschien ihm die Annahme, jemand könnte ihn als Drahtzieher vermuten. Er dachte kurz nach, dann fügte er an: "Die Interpretation ist mir in Zukunft nicht wichtig, die Fakten alleine wären genug. Aktuell wüsste ich aber schon recht gern, wer hinter dieser Aktion steckt und es muss irgendjemand dahinterstecken, denn ICH war es nicht. Ebenso wenig wird es Aurelius gewesen sein, denn wer stellt sich schon gerne selbst schlecht hin? Obwohl... so abwegig ist das wiederum nicht, nur zu Aurelius passt das nicht. Der liebt den Glanz.


    Kannst du für mich Hintergründe herausfinden?"

  • "Konsul," nickte Verus ab und verstand, was der Claudius nicht mal wirklich verborgen mit dieser neuen Zusammenarbeit bezwecken wollte. Einst hatte der Konsul gegen die Prätorianer gestanden und sich nun - dank der Umstände - auf die Seite der Machenschaften gestellt. Eine Ironie lag darin, dass der ehrbare Claudius Menecrates mit der schmutzigen Arbeit der Prätorianer in Zusammenarbeit geriet. Verus sah dies als erstaunlichen Sieg an und fühlte eine bösartige Glückseligkeit. Damit war sicher, dass zumindest in weiten Teilen die Prätorianer einen erheblichen Einfluss genossen und über diesen Einfluss konnte er zusehens seine Agenda gegen die verdammungswürdigen Christen umsetzen. Brennen sollten sie, wie alle Staatsfeinde! Reinigendes Feuer hatte Verus immer fasziniert, so dass - trotz seiner eigenen schmerzhaften Erfahrung mit brennendem Öl - dies als beste Waffe im Umgang mit den feindlichen Ideologien sah. Feuer machte sichtbar, was ansonsten unsichtbar war. Die Christen sollten sichtbar untergehen. Ein Genuss lag darin, dass all die Arbeit am Ende die Stärke Roms wiederherstellen würde. Diese verteufelte Schwäche, die Rom befallen hatte, würde dann in der Angst und dem Terror seiner Prätorianer abfallen. Man würde Rom reinigen und endlich eine neue Stabilität erschaffen, wenn alle feindlichen und lauten Elemente zum Schweigen gebracht waren. Sie wollten keinen Krieg und doch brachte Verus ihnen einen Krieg. Einen Krieg, den er auch gegen sich selbst führte. "Das kann und werde ich," versicherte der Trecenarius mit gewissenhafter Absicht, den Konsul mit in den Abgrund hinab zu reißen. Paranoia als wahnhafte Angst war ansteckend.

  • Etwas war anders. Die Last der Geheimnisse wog nicht mehr so schwer, wie an sonstigen Tagen. Die Lügen war verbraucht, so dass Verus in fester Absicht der Wahrheit zum letzten Verbündeten in dieser Stadt kam. Vielleicht war es Verzweifelung, die den gescheiterten Mann zum älteren Senator brachte. Verus fühlte sich verloren in den Intrigen, die er zum Teil selbst gesponnen hatte. Der Gedanke an einen wünschenswerten Tod war präsent. Er zeigte sich in jedem Atemzug, der hoffnungslos aus seiner Nase gepeitscht wurde. Verus nahm die Kapuze zurück, blickte sich im Raum um. Menecrates fehlte noch. Der einstige Konsul war noch nicht eingetroffen. Verus fühlte jenen Schmerz in seinen Gliedern, der wie Kälte kroch. Die Zeit arbeitete gegen ihn, wie jede Person in dieser Stadt gegen ihn zu arbeiten schien; leider auch seine Familie. Er hatte seinem Bruder die Villa überlassen, ihn ausbezahlt und war geflohen. Das Leid seines Namens war eng mit einem Fluch verbunden, dass ein Tiberius stets kämpfen musste. Verus verlor stets, selbst wenn er siegte. In Gedanken versuchte er zu verstehen, was er eigentlich hier wollte. Seit dem Tag des gescheiterten Versuchs, Rom erneut unter die Kontrolle der Prätorianer zu bringen, war alles anders. In seiner Panik und Paranoia wollte Verus entkommen, auch seiner Familie, die ihm zunehmend feindlich erschien. Die ganze Stadt erschien ihm unkontrollierbar und dem Kaiser vertraute er schon lange nicht mehr. Im Grunde vertraute die gebrochene Seele keinem mehr. Seit Germanien war dort nur noch Zweifel und Angst. Einst vergessen, dann verdammt und nun verflucht, kämpfte der einsame Mann um einen letzten Funken Hoffnung, selbst darum Luna und seine kleine Familie lieben zu können. Doch seine Liebe war verloren in dieser furchtbaren Pein, dass er diese Stadt hasste und all ihre falschen Träume. Die Gedanken waren schnell, huschten von einem Blickpunkt zum nächsten, rastlos und ziellos. Im letzten Gespräch mit seinem alten Kameraden Iulius Licinus war Verus klar geworden, dass er in dieser römischen Welt nichts mehr verloren hatte aber auch keine andere Welt kannte. Er hatte alles für diese Träume geopfert, die andere lebten aber ihm verweigert waren. Der Prätorianer hasste diese Ignoranten und Selbstgerechten in ihren großen Häusern. Und vorallem verabscheute er seinen eigenen Namen, der ihm diese Last aufgebürdet hatte. Der Verrat war viel älter als er selbst. Durus hatte die Familie verflucht. Niemand würde kommen, um ihn zu befreien, weil er seine Ketten liebte. Und genau dieser Fluch gab ihm jenen Sinn in seinem Leben: zu kämpfen. Der geborene Verrat lag in der Hoffnung, die stets enttäuscht wurde. Verus wollte mehr als dies und doch hinderte ihn sein Herz daran, den endgültigen Schritt gegen diese Stadt und den Kaiser zu gehen. Er liebte Luna, so sehr, dass er vor ihr floh, damit sie nicht sehen konnte, was aus ihm geworden war. Sie sollte nicht erleben, dass er seinen Tod wünschte; nach all dem, was der Krieg aus ihm gemacht hatte aber erst Rom nahm ihm jene Hoffnung. Aufrecht kriechend wollte er von einem alten Mann eine Antwort, ob Rom zu retten war oder ob alles verloren war. Er wollte eine Erklärung, eine Antwort auf diese Frage, die nicht nur über sein Leben entscheiden sollte. Verus brauchte endlich Antworten und keine Geheimnisse mehr. Die Prätorianer kannten nur Herrschaft, Grausamkeit und Hass. Sie kämpften für etwas Dunkles aber Verus wollte ein einziges Licht sehen, bevor sein eigenes Licht vergehen sollte. Mit menschlichen Augen, die gefüllt mit würdevollem Glanz strahlten, blickte er wartend zum Eingang des Raumes; geduldig wartend, bereit alle seine Geheimnisse zu brechen, um Erlösung in diesem einem Licht zu finden. Er war bereit mit dem letzten aufrechten Senator ein ehrliches Gespräch zu führen. Der trecenarius war bereit die Siegel seines eigenen Unterganges zu brechen.

  • Sim-Off:

    Spielt das vor oder nach dem Officium? Beides hast du annähernd zeitgleich gestartet.


    Menecrates wusste nicht, wer ihn zu sprechen wünschte. Sein Custos überbrachte nur den geäußerten Gesprächswunsch von einem Mann, der ihm auf seltsame Weise bekannt vorkam und vermutlich in irgendeiner Verbindung zur Familie stand. Der Claudier stellte auf dem Weg zum Tablinum einige Überlegungen an, sah aber bald die Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens ein. In wenigen Schritten würde er den Mann in Augenschein nehmen können und alle Fragen würden sich klären.


    Er betrat mit einer gehörigen Portion Neugier den Raum und stockte, als er Verus erkannte. Anschließend trat er ruhigen Schrittes auf den Besucher zu. Sein Blick studierte dessen Gesichtszüge, weil sich Fragen in ihm auftaten, die er nicht einmal formulieren konnte.


    "Tiberius!" Die Anrede war nur zum Teil korrekt, hatte sich aber während der Zeit der Ermittlungskommission eingebürgert. "Ich begrüße dich in meinem Haus." Den Tonfall klang weder distanziert noch übermäßig vertraut. Menecrates fragte sich, welches Anliegen Tiberius mitbrachte. In dessen Person vereinigten sich Extreme: herausragendes Mitglied der Kommission, Widersacher in Bezug auf Morrigans Bestrafungen, kaltherzig und berechnend bei gleichzeitiger Verlässlichkeit und einer nennenswert guten römischen Grundhaltung.


    Zwischen ihnen herrschte ein Waffenstillstand oder sogar mehr. Die einstige Feindschaft wurde durch eine besondere Form von Vertrautheit abgelöst. Andererseits hatte sich Tiberius aus dem Staub gemacht, als Menecrates ihn für die Umsetzung der Kommissionsergebnisse brauchte.


    Er wusste nicht, was er vom Auftauchen des Tiberiers halten sollte. Außerdem verunsicherte ihn etwas Fremdes in dessen Erscheinung. Es mochte die Körperhaltung sein, vielleicht auch die Kleidung. Innerlich schüttelte Menecrates den Kopf. Beides traf nicht zu und endlich dämmerte es ihm: Der gewohnt kalte Ausdruck der Augen fehlte. Der Claudier blickte genauer hin, neigte sogar um eine Nuance den Kopf, als wolle er im Antlitz lesen. Er nickte kaum merklich, obwohl er noch ahnungslos war, aber das Menschliche im Blick des Tiberius löste etwas in ihm aus.


    "Lass uns setzen", schlug er vor. Er fragte nicht erst nach den Bedürfnissen seines Gastes, sondern winkte einen Sklaven herbei.
    "Eine schnelle Mahlzeit, Getränke und keinerlei Störung."


    Er wählte anschließend einen Platz und blickte Verus abwartend an. Er signalisiere Zuhörbereitschaft, sofern der Tiberier ihm etwas mitteilen wollte. Sie befanden sich in einem geschichtsträchtigen Raum. Auch damals wurde Gewichtiges besprochen.

  • Sim-Off:

    Nach dem Officium ;)


    Die Zeit verstrich langsam. Kaum möglich war eine Unterscheidung zwischen Stillstand und Bewegung. Verus blickte auf seine zitternden Hände herab, deren Fingerspitzen milde zuckten. Es war wieder dieses Gefühl, welches hier war. Eine Art Geist, die ihm Kälte ins Gesicht wehte. Ein Gefühl der Undurchdringbarkeit und Unvollständigkeit erfasste ihn. Der Claudius trat endlich auf. Verus ließ schnell seine Hände sinken, um den Hausherren angemessen zu begrüßen. Doch geisterhafte Geier kreiste noch immer über dem Bewusstsein des Mannes, der im Krieg zuhause war. "Vielen Dank," antwortete Verus müde, auf Gnade hoffend, als seine Augen sich mit den Augen des mächtigen Claudius abglichen. Er war eine standhafte aber auch fürsorgliche Gestalt eines alten Römers, welcher ein ganzes Leben verlebt hatte aber noch im mit Ehre im Leben stand, trotz Intrigen und Widersacher. Ein Vorbild für den gescheiterten trecenarius. Es kostete Überwindung gewohnte Rituale und Sicherheiten aufzugeben. Die Stille breitete sich aus, während seine Augen einen Vater suchten, den er niemals gekannt hatte. Es war dieser Gedanke, der ihn schweigen ließ. Claudius war mehr Vater als sein eigener grausamer Vater jemals gewesen war. Verus hatte mehr vom Claudius gelernt, als in seinem Elternhaus. Traurig war dieses Wunder, dass ein Mann, der im Krieg alles verloren hatte, erst an diesem Ort so etwas fühlte. Das Herz schmerzte, während es in einem Satz kräftig schlug und sich gegen die geierhafte Kälte wehrte. Angst wandelte sich in Unsicherheit. Die Geheimnisse zu brechen war ein Verrat an den Schatten und konnte seinen sofortigen Tod bedeuten aber er konnte auch nicht mehr so weitermachen, wenn er wusste, dass der Kaiser, selbst Rom, ihn verraten hatten. Verus wollte diesen Verlust nicht aber in dieser feurigen Hölle der kalten Vernunft war ein Moment der Wahrheit ein wertvoller Schatz.


    "Ja," antwortete Verus fast gebrochen, da seine sonst so starke Stimme versagte. Endlich versagte nicht nur seine Stimme. Endlich brach diese Intrigenwelt zusammen. Versagen war etwas schönes, wenn der Sieg Untergang bedeutete. Verus nahm in einer hektischen Bewegung platz und blickte besorgt zu Menecrates. Es dauerte einen Moment, bevor Verus in der sanften Melodie jenes Rauschens in seinen Ohren, eine Eröffnung finden konnte. All der Tod, die gefallenen Kameraden, trieben Verus an, endlich mit dieser Stadt zu brechen und den Tisch zu reinigen, der seine Macht ausmachte. Verus wollte diese bösartige Macht nicht mehr. "Ich werde dir nun Geheimnisse anvertrauen und dich in Kenntnisse einweihen, die mich seit jenem Tag belasten, als ich dieses Amt antrat. Ich weiß, dass viele Geheimnisse dich erschrecken werden und sogar erzürnen könnten. Ich weiß, dass ich damit mein Leben als trecenarius gefährde und sicherlich bald Rom verlassen werde...," erklärte der gescheiterte Mann in der festen Absicht wenigstens sein Gewissen zurück zu gewinnen.


    "... um in Parthien auf einer Mission zu fallen. Mein Todesurteil ist längst in unseren dunklen Reihen beschlossen. Niemand wird offen meinen Tod fordern aber der Befehl ist mein Todesurteil. Diese Parthien Mission wird mich in meine Vertrauten in den Tod führen. Einen bedeutungslosen und verschwendeten Tod ohne Ehre, fern der Heimat und ohne jeden Sinn," gestand Verus reumütig und besann sich darauf, was er zurücklassen musste. "Ich werde diesen Tod freiwillig wählen, um dieser Schande zu entkommen, die diese Stadt längst zum Ideal erhoben hat. Ich habe keine Wahl und der Eid verpflichtet mich," fasste Verus mit schweren Worten ab, die behäbig aus seinem Munde brachen, wie eine brüchige Melodie von Trauer, Resignation und Wut; ganz leise gehalten durch Atemzüge. "Ich möchte dich einweihen, damit du verstehst, was in dieser Stadt vor sich geht. Damit du verstehen und handeln kannst, wenn ich nicht mehr bin. Ich vertraue dir. Du bist vielleicht der letzte Mann von Ehre in einer Stadt der Gier und Korruption, falschen Träumen und Illusionen. Ich konnte nicht ehrlich zu dir sein, obwohl du es verdient hättest," erhob Verus seine Stimme etwas fester und blickte Menecrates mit glasigen Augen an. Dieser Mann bewegte Verus.

  • Tiberius schlug ungewohnte Töne an. Umso ernster nahm Menecrates ihn. Er wandte den Blick ab, als Tiberius Unerfreuliches ankündigte. Er tat dies nicht, um Abneigung oder Verachtung auszudrücken, sondern um das Sprechen zu erleichtern. Ein Geständnis ging leichter über die Lippen, wenn man dem anderen dabei nicht in die Augen sehen musste. Allerdings begann das Geständnis mit etwas, das Menecrates nicht fassen konnte. Daher suchte er doch den Blickkontakt, als Tiberius von seinem nahen Tod wie von einer Tatsache berichtete. Er verstand nicht, aber er unterbrach auch nicht, damit der Redefluss nicht versiegte.


    Als eine Pause entstand, lehnte sich Menecrates zurück, verschränkte die Arme und ließ das Gehörte Revue passieren. Vor allem der letzte Satz klang nach. Tiberius räumte Unehrlichkeit ihm gegenüber ein - wohl sogar im großen Rahmen - obwohl er eigenständig erkannte, dass in Menecrates' Welt Unaufrichtigkeit keinen Platz fand.
    Er fragte trotz erheblichem Interesse nicht nach den Einzelheiten, nur eine der gemachten Aussagen konnte er nicht unkommentiert stehenlassen.


    "Jeder hat eine Wahl und zwar immer! Bei großer Schuld ist der Tod sogar die bequemere Variante. Viel schwerer ist es, sich Anerkennung und Vertrauen erneut zu erarbeiten, nachdem man es verspielt hat." Obwohl die Aussage als Ausweg verstanden werden konnte und auch sollte, klang eine gewisse Strenge mit. Menecrates legte bei sich, aber auch anderen hohe Maßstäbe an. Sich aufgeben war keine der verfügbaren Optionen. Er stellte außerdem fest, dass ihn allein die Ankündigung der Unwahrheiten betroffen machte. Dabei überraschten sie ihn nicht. Er wusste immer, worauf er sich bei Tiberius einließ, aber im Zuge des Schulterschlusses fiel ihm ein Rückblick schwer.
    Gleichzeitig lebte und agierte Menecrates nach Prinzipien. Gleich, was ein Dieb, ein Schuft, ein Verräter oder dergleichen getan hatte - gab er sein Vergehen zu, wog dies schwerer als die Verfehlung. Menecrates wollte mit Wahrheiten umgeben sein, daher verzieh er auch gemachte Fehler, wenn es Einsicht und somit Grund zur Hoffnung gab.


    "Gerade hast du übrigens eine Wahl getroffen und den schwereren Weg gewählt. Du hättest mit Lügen ins Grab gehen können, stattdessen bist du hier und lieferst dich meinem Urteil aus." Vergebung konnte durch Reue und Offenheit erreicht werden. Auf dem richtigen Weg befand sich Tiberius bereits.

  • Vertrauen - etwas das Verus nicht mehr kannte. Nicht mehr verstand. Sein Grundvertrauen in diese Welt war erschüttert und war durch eine berechnende Kaltherzigkeit ersetzt worden, welche ohne Sicherheiten und Abhängigkeiten nicht agieren wollte. Doch diese Kaltherzigkeit funktionierte nicht mehr. Etwas brannte erneut. Kein Feuer, doch etwas anderes. "Ich kann nicht mehr fliehen," sagte der gebrochene Geheimdienstchef, der am liebsten in den Tod geflohen wäre. Ein schneller Tod und diese Welt würde ihn nicht mehr belasten aber etwas hielt ihn hier; nicht seine geliebte Luna und sein geheim geborener Sohn. Er vermisste seine kleine Familie, während seine Gedanken trauervoll herabbrachen und kaum in Worte zu fassen waren. Menecrates ermöglichte ihm einen letzten Kampf um seine Seele.


    "Ich erwarte kein Urteil, denn ein Urteil ist in meiner Schattenwelt ohnehin nicht von Wert, sondern viel mehr erwarte ich von dir, dass du mir zuhörst und ich dich vor Schaden bewahren kann. Du verdienst mehr als die Lügen der Netzwerke und Meuchelmörder. Was ich mir aber wahrlich wünsche, ist das wir uns mit Achtung begegnen, in unserem gemeinsamen Kampf dieses - unser- Rom zu erretten vor diesem kläglichen Theaterstück," meinte der Mann, der sich gerade auslieferte und sicherlich mehr verriet als nur seine Geheimnisse. "Mein Amt verpflichtete mich zu Geheimnissen, Lug und Betrug im Umgang mit jedem in diesem Imperium, um einer höheren Sache zu dienen aber was ist, wenn selbst diese höhere Sache vergiftet ist?" Verus beugte sich vor und machte eine streichende Geste. "Ich habe immer an Rom geglaubt aber kann dir nun Wahrheiten aus dem Kern dieses Staates berichten, die mich zweifeln ließen, ob mein Kampf ehrenhaft und sinnvoll ist. Wir kämpfen auf verlorenem Posten, Claudius. Unsere Werte sind längst Vergangenheit. Das Gift der Korruption und Ignoranz reicht weit hinauf, bis zum Kaiser selbst. Er ist umgeben von Schlangen und Schönrednern," gab Verus nun sein wahres Bild preis und hoffte darauf, dass Menecrates verstand und die richtigen Fragen stellte.


    "Ohne die Augusta würde vieles in diesem Reich zusammenbrechen. Merkwürdigerweise schützt eine Frau die Interessen des Imperiums, auch gegenüber diesem schwachen Kaiser, der sich allzu oft Gewäsch und Schattenspiele seiner Beamten verlässt, die mehr ihren eigenen Interessen dienen, als denen des Reiches. Hast du dich nie gefragt, warum die Stadtkohorten und Vigiles so kaputt gespart sind? Weil das beschiedene Geld in den Beuteln der Beamten versickert. Ich habe Beweise, viele Beweise," offenbarte der Mann eine tiefsitzende Gier in einer Stadt, die auf Machthunger gegründet war.


    "Nicht nur das bedroht Rom, sondern auch weitreichende Verbindungen der Duccius bis hinauf in den Kern der kaiserlichen Verwaltung. Germanen breiten sich aus und öffnen die Grenzen ihren verbrüderten Horden. Ich selbst als Statorum habe regelmäßig Überfälle erlebt, die durch den Statthalter geduldet wurden, weil sich Teile seiner Administration so bereichern konnten. Er trieb Schutzgelder ein. Germanische Sitten haben sich breit gemacht und noch immer wird ein Duccius in Rom hofiert und gefördert, damit dieses Netz niemals versiegen möge. Auch zeigt sich ein weitreichender Einfluss von gierigen Frauen, die über schwache Männer Einfluss nehmen, um ihren falschen Prunk zu erhalten und ihre Pseudorealität von Sicherheit, während am Rande die Parther zum Krieg rüsten könnten und die Dakier noch lange nicht befriedet sind. Ich habe in Dakien gekämpft und ich weiß, dass dort viele auf Rache sinnen. Das Imperium ist nachhaltig bedroht," erklärte der wütende Mann weiter aber überschlug sich nicht im Tonfall, sondern sprach ruhig und betonend.


    "Gab es jemals eine wirkliche Untersuchung? Nein. Auch unsere Kommission kratzte nur an der Oberfläche. Meine Agenten fanden viele Hinweise, dass der Kaiser bewusst Probleme ausblendet, weil seine Macht auch auf diese alten Netzwerke baut, die nicht nur mit diesen Frauen durchsetzt sind, sondern auch mit Seilschaften von korrupten Beamten. Merkwürdigerweise koalieren diese beiden Gruppen recht gut und führen in diesem Staat ein Schattenregime. Durch meine Ermittlungsarbeiten um Sergia Fausta und Iulius Dives konnte ich einiges aufdecken und sogar Namen vieler Verräter benennen, die nicht ihrem Eid, sondern ihrer Goldtruhe dienen. Ich bin entsetzt und enttäuscht, dass sich dieses Imperium verkümmern ließ und noch immer in seiner Trägheit gefangen ist, während sich offen Christen ausbreiten und sich selbst Senatoren zum Christengott bekennen. Meine Schatten verfolgten ein paar Senatoren zu diesen Messen und sahen, wie sie zum Gott beteten. Sie spucken auf Rom. So viele missachten unsere Traditionen und Ordnung. Es scheint keinen mehr zu kümmern," bezeugte der trecenarius mit zerschlagenem Blick.


    "Ich habe die Wahrheit sehen müssen, dass diese Stadt längst an die Dekadenz, Trägheit und Ignoranz verloren ist. Die Prätorianer ließen auch dich beschatten, weil du nah an die Wahrheit herangekommen bist. Ich kann nicht sagen, ob er der Augustus diesen Auftrag gab oder einer seiner Beamten aber der Befehl ereilte uns," gab er betont zu und verschwieg, dass er selbst diesen Befehl einst gegeben hatte, um Material für eine Zusammenarbeit zu finden.

  • Immerhin, ein erster Erfolg konnte verzeichnet werden. Menecrates atmete auf, als Tiberius den Todesgedanken fallenließ. Die restliche Anspannung blieb, aber er hörte aufmerksam zu. Das erwartete Tiberius und es war nicht schwer zu erfüllen. Dessen Beweggrund, Menecrates zu schützen, bewirkte, dass sich etwas im Herzen des alten Senators auftat.
    Er nickte bedacht. "Achtung geht mit Wertschätzung und Aufrichtigkeit einher. Schaffen wir dies, ergibt sich Achtung von allein." Gegen das gemeinsame Ziel, Rom zu erhalten, oder wie Tíberius es formulierte, Rom zu retten, gab es nichts einzuwenden. Dafür trat Menecrates seit Jahrzehnten ein. Zu diesem Zweck diente er.


    Korruption gehörte nicht in sein Wunschbild, aber es gehörte zu Rom und er konnte wenig dagegen tun. "Korruption muss bekämpft werden, aber oftmals agiert sie im Geheimen, sodass wir sie nur schwer ausmachen können. Was aber jeder einzelne tun kann, ist das redliche Auftreten seinerseits. Mit Glück steckt man damit den einen oder anderen Nebenmann an." Er versprach sich selbst keinen durchschlagenden Erfolg davon, aber gesagt sollte es sein. "Halte mich nicht für naiv. Ich sehe durchaus über meinen Tellerrand."


    Tiberius sprach die Augusta an und ließ lobende Worte fallen. Gleichzeitig fielen Worte der Kritik gegenüber ihrem Ehemann. Menecrates hatte andere Erfahrungen gemacht, was daran lag, dass er über die Zeit deutlich mehr mit dem Kaiser als der Augusta zu tun hatte. Er wertschätzte den Kaiser, er mochte ihn sogar. Als in dieser Sache das Thema auf die Stadtkohorten kam, horchte er auf.
    "Das ist ja interessant! Mir fehlt in der Tat Geld. Wie ich mich auch drehe, nirgends gibt es Reserven und der Etat ist unverhältnismäßig knapp. Du sagst, du hast Beweise für Unterschlagungen seitens der Beamten? Ich habe Interesse daran, mehr zu erfahren!" Er straffte sich und wirkte kämpferisch.


    Das Nachfolgende konnte er nur schwer bewerten, weil er nicht wusste, ob die Schutzgelder im Auftrag des Kaisers oder aus eigenem Antrieb in Germanien eingetrieben wurden.
    "Germanien ist nicht mein Verantwortungsbereich. Ich hoffe auf dein Verständnis, dass mich die Belange hier mehr als nur ausreichend beschäftigen." Mehr ging nicht, mehr lag auch nicht in seinem Kompetenzbereich. Er tat die Information nicht leicht ab, sah sich aber außerstande, etwas dagegen zu unternehmen.


    Er hörte weiter zu und das besonders angestrengt. Es fiel ihm nicht leicht, Tiberius zu folgen. Beispiele hätten seine Vorstellungskraft unterstützt, vielleicht konnte Tiberius aber auch keine nennen. Längst war der letzte Satz gefallen, als Menecrates noch immer nachdachte. Er grübelte nicht über die Tatsache, dass er selbst beschattet wurde. Er wusste, weil er ohne Rücksicht auf Rang und Namen in Wunden kratzte, wenn er fand, sie eiterten, wurde er von manchen gehasst.


    "Berichte mir über Schlangen, die Schönredner und fehlgeleitete Senatoren. Zeichne mir Bilder der Korruption und Ignoranz. Ich für meinen Teil glaube nicht, dass der Kaiser Auftraggeber ist. Kennst du den Herd?"

  • Verus haderte. Er kämpfte mit sich und seinen Geheimnissen. Die Speculatores, als Diener des Pluto, hatten ihn vollkommen eingenommen und abhängig von jener Macht gemacht, die nur wenige in Rom besaßen. Verus gehörte - zu seinem Leidwesen- zu den Mächtigen dieser Stadt und konnte zum Kaisermacher werden, sofern sich eine Gelegenheit oder ein Umstand ergab. Dennoch war es noch nicht an dem. Verus wollte auch nicht zum gesehenen Verräter werden, obwohl er schon vieles verraten, was ihm einst Ideal gewesen war. Der Prätorianer war ein kadavergehorsamer Soldat gegeüber der politischen Macht; aber diese konnte sich ändern. Der Mantel der Schwarzen stand Verus zwar gut, er füllte ihn gut aus aber dessen Gewicht zog schwerlich an seinen Schultern. Seine Welt war düster, getrieben von kalter Heimtücke und verwerflicher Klugheit. Seine Ketten waren vereinzelt aber aus Blei und zogen ihn hinab in jenen Ozean, den viele Soldaten am Sterbebett fürchteten: ihrer eigenen unfähigen Schuld. Niemand konnte verstehen, was Verus und seine Männer gesehen hatten. Was sie getan hatten, um einem Rom zu dienen, was sie verachtete.


    Die Prätorianer waren nicht angesehen, beliebt oder ehrbar, sondern schlicht geeignete Soldaten im Kern des Staates, mit dem Zugriff auf den Kaiser und die Elite des Reiches. Ihre Brutalität war gerühmt, wie gefürchtet, unter Feinden, wie Verbündeten. Ihr Verrat und die geheimnisvolle Grausamkeit ihrer Mittel waren jedoch der Horror dieser Stadt. Pluto hatte in ihnen stets gute Diener. Viele Seelen hatten sie zu ihm geschickt, viele Stricke gezogen und gewunden, um dieser Stadt eine Macht zu schenken, die sie vielleicht nicht verdiente oder im Angesicht der Schuld des Krieges, gerade brauchte. Verus atmete ein und aus. Er war nah daran, jene Absolution zu greifen, die er so begehrte und einforderte. Aber Nähe war noch kein Erreichen eines Zieles, sondern immer noch Entfernung. Eine Entfernung, die schmerzvoller wurde, da der nahe Verlust drohte. Die Worte des Claudius durchschnitten den kümmerlichen Rest seiner Würde. Der Rythmus dieses Gespräch legte den Tiberius schnell offen und auch seine Verfehlungen. Er war handlungsunfähig in einem Gewirr aus Einzelinformationen und Seilschaften gieriger Opportunisten.


    "Ich kann dir Beweise beschaffen und werde dir zeitnah einen Bericht im Geheimen zukommen lassen. Dieses Wissen könnte nicht nur mich gefährden, sondern auch dich, Claudius," erklärte Verus wohlwissend um den Umstand, dass er nun das Machtgefüge angriff, welches die Prätorianer mit versorgte. "Wir werden gemeinsam stehen und gemeinsam Rom vor sich selbst retten," forderte der trecenarius mit Worten ein und hielt den ehemaligen Konsul wahrlich nicht für naiv. Dennoch wollte und musste Verus sich sicher sein, dass sobald der Kampf aufgenommen wurde, er mit und beim Claudius stehen konnte. Loyalität war ein seltenes Gut in einem nimmer-satten Imperium.


    "Um Germanien kümmere ich mich. Keine Sorge, wenn ich deine Unterstützung hier in Rom habe. Ich werde dir alsbald eine Liste mit Namen zukommen lassen, die du von Ämtern in deiner praefectura ausschließen solltest. Vertraue mir, sie werden dich nur verraten," gab der Verräter als Anmerkung frei und nickte Menecrates kalt zu. Doch die Augen des Tiberius blieben glasig. In der Tat liefen bereits dunkle Machenschaften und finstere Rituale der Prätorianer, um die Duccischen Seilschaften weitgehend zu veröden und sie auf das zu beschränken, was sie waren: Lokalmagnaten. Ihre weitreichende Korruption um Vala musste sterben und ausgemerzt werden. Die ersten Opfer hatte es bereits gegeben und Verus war sehr zufrieden mit der sauber-blutigen Arbeit seiner Statores. "Es wird nur eine Zeit dauern, bis die germanischen Sitten verbrannt sind," deutete der trecenarius kaum deutlich an und schwieg dann für einen langen Atemzug.


    "Nur jene Korruption hier, in Rom selbst, ist schwer durchschaubar und auch schwer angreifbar," begann er mit dem Kern und dem Zentrum seines Interesses. "Ich kenne die Herde. Es sind nicht wenige aber ein großer Herd ist bereits verloschen. Ein Herd, den du bereits kanntest, und eine Frau, die ihren Platz nicht kannte," offenbarte sich Verus und gab dem Präfekten einen kleinen Hinweis auf das Verschwinden der Sergia Fausta. "Ob der Imperator wirklich dahinter steckt, mag ich auch zu bezweifeln aber ich gehe davon aus, dass er nicht wirklich sehend ist," meinte der trecenarius ergänzend und legte vorsichtig beide Hände auf die Tischkante vor sich. "Ein weiterer noch brennender Herd ist Caius Verulanus Mettianus, Senator und bald angeschickter Prokonsul für Baetica," erweiterte er jene verbale Liste. "Auch der jetzige Procurator a Memoria Fabius scheint klar eigene Ziele zu verfolgen und den Kaiser nicht vollens zu informieren. Ich habe Beweise dafür, dass er gezielt Informationen verändert, vorenthält oder schlicht verschweigt, um gewünschte Ziele für sich und sein Klientel zu erreichen. Auch die merkwürdige Ernennung seiner Ehefrau zur Eques scheint eine Folge dieser Politik zu sein," sagte der trecenarius nüchtern. "... eine einfache Frau und Bibliothekarin, wie diese Iunia, wird Eques... und scheint weitreichend Netzwerke für ihren Mann zu spinnen. Auch zu den Iuliern," deutete Verus betont an. "Vielleicht ist sie sogar eine Christin?" - beugte sich der trecenarius übermäßig vor und zog überzogen beide Brauen hoch. Christen waren sein ultimatives Feindbild, welches er nur geschaffen hatte, um selbst eine einfache Rechtfertigung zu haben.

  • Die Ankündigung eines Berichtes und die Lieferung von Beweisen ließen Menecrates zufrieden nicken. Der Hinweis auf seine Gefährdung traf ihn zwar, floss aber wirkungslos ab.


    "Ich halte einen uninformierten Preafectus Urbi für eine größere Gefährdung und zwar für Rom. Hier geht es nicht um mich. Außerdem hat mir bei Amtsantritt niemand versprochen, dass dieses Amt eines zum Ausruhen ist." Er lächelte mit einem Mundwinkel. Der nachfolgende Satz formulierte das Ziel, Rom gemeinsam retten zu wollen. Dem konnte Menecrates uneingeschränkt zustimmen. Ob sie auch dieselben Wege wählen würden, wusste er nicht, aber solange sie miteinander kommunizierten, würden sie sich auch verständigen und einigen können.


    Menecrates wollte es nicht unkommentiert stehenlassen, dass er Tiberius unterstützte. So herum wurde kein Schuh daraus. "Ich trage die Verantwortung für Rom und bin für jede Unterstützung dankbar. Allerdings wird es nicht passieren, dass ich zu jemandes Werkzeug werde. Ich gehe davon aus, deine Formulierung war nur unglücklich gewählt, aber um Missverständnisse auszuschließen, möchte ich es erwähnen.
    Und was den Ausschluss von Amtsbewerbern betrifft: Ein Verdacht reicht, um jemand zu belasten, aber um ihn zu verurteilen, braucht es Beweise. Vertrauen in dich reicht nicht, Tiberius. Mein Handeln muss jeder Nachprüfung standhalten."


    Als die Sprache auf diese Fausta kam, nickte Menecrates einmal, aber bedeutsam. In dieser Sache konnte er auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Die Erlebnisse waren einprägsam gewesen. Der Namen Verulanus kam ihm zwar bekannt vor, aber ihm fehlte ein Gesicht dazu.
    Interessant fand er auch die Auskunft, dass erneut eine Frau zum Eques ernannt wurde - in diesem Fall durch Betreiben ihres im Staatsdienst stehenden Ehemanns. An dieser Stelle würde Menecrates zusätzlich eigene Erkundigungen einholen.


    "Zu den Iuliern? In wiefern?" Netzwerke zu dieser Familie tangierten Menecrates, wenn auch nur indirekt. Er besaß Iulische Klienten, einen Tiro und einige der Factiomitglieder stammten auch aus dieser Familie. "Christin? Was veranlasst dich zu dieser Annahme?"

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