Ein eher schlichteres Landhaus etwa auf dem dreizehnten Stadium zwischen Alexandria und Nikopolis

  • Einige Stadien vom bereits beschriebenen Landhaus des Nikodemos, lag beinahe in unmittelbarer Nachbarschaft ein anderes Landhaus, wobei das Landhaus des Nikodemos in der Nähe des Sees lag, dieses hingegen in der Nähe der See. Dieses einsam gelegene Haus hatte einst zu einem mittelgroßen Gut gehört, jedoch waren die Ländereien zum überwiegenden Teil an benachbarte Großgrundbesitzer verkauft. So lag der verbliebene Teil des Landgutes isoliert zwischen den Nachbarn. Dieser verbliebene Teil bestand aus dem Hauptgebäude des Guts sowie einem Nebengebäude, das in einiger Entfernung stand, ein Nebengebäude von ehemals vielen. Das ehemalige Hauptgebäude lag auf einem Hügel, es war von einem großen Garten umgeben, der mithilfe künstlicher Bewässerungsanlagen am Leben erhalten wurde. Vom Haus aus war es etwa ein Stadium bis zum Meer, der Garten selbst grenzte an das Meer. Am sanft ansteigenden Hügel, auf dem das Haus stand, wuchsen Dattelpalmen, alte Atlas-Zedern, etwas jüngere Libanon-Zedern, in Reihen als Begrenzung des Grundstücks nach drei Seiten hohe Zypressen. Im Teil des Gartens, der unmittelbar an das Haus grenzte, wuchsen kleinere Sträucher, die meist wie in giftigen Farben blühten.
    Das Haus selbst lag mehr oder weniger in diesem Hain versteckt. Von der Straße führte eine schmale Zypressen-Allee zum Hügel hinauf und mündete dort in einen kleinen, staubigen Sandplatz vor dem Haus, der von Zedern umrahmt war. Ein schweres Tür führte in den Hof des Hauses. Dieser war mit hellem Stein in einem unregelmäßigem Muster gepflastert, in dem es Aussparungen für einige Sträucher sowie für ein Wasserbecken und einen Brunnen gab. Dieser Hof war quadratisch und seine Seiten maßen jeweils etwa 16 griechische Fuß. Im Hausflügel links des Hofes lag das große optanion, im rechten Flügelbau das balneion sowie ein Abort, der ständig vom unterirdisch fließenden Wasser durchspült wurde. Gegenüber des Tores zum Vorplatz gab es einen Portikus, der sich über die ganze Breite des Hauses zog und zwei weitere Tore nach draußen besaß. Im Portikus lag die Treppe ins Obergeschoss (die Treppe ins Kellerloch lag im optanion) Hinter diesem Portikus, der sich zum Hof hin öffnete, gestützt von vier Säulen, lagen drei große quadratische Räume. Alle Räume des Erdgeschosses, mit Ausnahme des Abortraums, besaßen Türen in die Säulenhalle, die das Ergeschoss umgab, mit Ausnahme der Seite, die der Straße zugewandt war. Diese Türen waren gleichmäßig angeordnet und bestanden jeweils aus zwei hintereinander in der Türöffnung liegenden Türen. Die äußeren waren schwer und massiv. Sie konnten so weit herumgeklappt werden, dass sie tagsüber wie Läden an der Hauswand befestigt werden konnten. Hinter diesen lag eine weitere Tür, die sich im Gegensatz zur ersten ins innere des Hause öffnete. Diese war aus filigranen Schnitzwerk gemacht und diente nicht wie die erste dem Schutz des Hauses vor Eindringlingen sondern hielt tagsüber die Hitze oder unerwünschte Blicke ab, wobei durch das geschnitzte Gitterwerk aus Holz immer eine gewisse Menge gerasterten Lichts ins Innere des jeweiligen Raums fiel.
    Auf den drei großen Räumen lagen im Oberschoß drei weitere Räume von gleichen Ausmaßen, wobei der Mittere zweigeteilt war. Der hintere Teil dieses Raumes war eine Loggia, die sich nach draußen, in Richtung Meer öffnete. Die anderen beiden Räume besaßen auch zu dieser Loggia einen Zugang sowie jeweils ein kleines Fenster. Über dem Portikus im Erdgeschoss lag ebenfalls ein Portikus. Über den Flügelbauten gingen von diesem oberen Portikus Galerien entlang des Luftraums über dem Hof ab, die zu kleineren Räumen führten. Über diesem Obergeschoss schließlich lag das Dach.
    Dem Erbauer dieses Hauses war wahrscheinlich die Symmetrie und die Klarheit der Form ein besonderes Anliegen gewesen. Jede Tür lag, sofern es möglich war, in der Mitte ihrer Wand, das Haus selbst besaß eine Spiegelachse, die vom Tor zum Vorplatz zur Flügeltür des mittleren der hinteren Räume verlief. Anstatt überbordenen Prunk herrschte hier schlichte, wenn auch etwas verblasste Eleganz. Die korinthischen Marmorsäulen der Portiken und Galerien waren zart und schlicht, es gab außer Säulen, Kapitellen und Friesen keinen weiteren Bauschmuck. Die Räume des Hauses waren meist bemalt, wobei die Gemälde inzwischen abblätterten und zum Teil nicht mehr zu erkennen waren. Vorherrschende Form der Flächengestaltung des Grundrisses war das Quadrat, wenn man vom dreiflügeligen Säulenhang absah, hatte das Haus hatte das Haus selbst eine quadratische Form.
    Dieses Haus gehörte inzwischen keiner vornehmen Familie mehr sondern einer Art Immobilienspekulant, der es loswerden wollte. Über Nikodemos, der entsetzt den Kopf geschüttelt hatte, hatte Nikolaos sein Interesse daran bekundet. Zwar war das Haus recht klein im Vergleich zu den meisten anderen Häusern dieser Art und war sehr blass neben den vielen anderen Villen, die außerhalb der Stadt lagen, es war nicht zum Zweck der Repräsentation erbaut worden, sondern nur, um der Besitzerfamilie des Landgutes einen angenehmen Wohnort zu bieten, es hatte insgesamt nicht mehr als zwölf bewohnbare Räume, wenn man vom Nebengebäude ganz absah und Nebenräume, Keller und die Räume unter dem Dach des Hauptgebäudes außen vor ließ, dennoch war damit zu rechnen, dass es immer noch zu teuer für Nikolaos war, der für die Ausgaben seines Amtes sowie der dafür nötigen Repräsentation Schulden machen musste, was natürlich niemand in Alexandria je efahren würde. Nikolaos hoffte nur, dass das Opiumgeschäft gut laufen würde.

  • Endlich war Nikolaos wirklich sesshaft geworden, wie er nun glaubte. Er hatte jenes Landhaus vor einigen Tagen gekauft. Der Zwischenbesitzer schien sehr froh darüber gewesen zu sein, das Haus mit derartigem Gewinn verkaufen zu können. Jedenfalls war er rasch aufgebrochen, nachdem er Nikolaos beglückwünscht und ihm Reichtum, Gesundheit, eine lange Jugend und viele Kinder in der Zukunft gewünscht hatte. Vermutlich, um fort zu sein, bevor es sich Nikolaos noch einmal anders überlegte und er dadurch gezwungen wäre, ihn grob an das alte Händler-Gesetz Vertrag ist Vertrag zu erinnern. Doch der neue Besitzer dachte gar nicht daran, den Handel wieder rückgängig zu machen. Vielmehr hatte ihn eine Hochstimmung mit sich gerissen. Die Tatsache, dass er seit mehr als einem Jahr Bürger der Stadt Alexandria war, wog nichts gegen die, dass er nun ein eigenes Stück Land besaß. Das Gasthaus und das Lagerhaus in der Stadt hingegen waren lediglich gepachtet. Hier jedoch konnten sich seine alten aristokratisch-snobistischen Charakterzüge gewissermaßen austoben.
    Ganz in der Nähe hatte er ein weiteres Stück Land erworben, einige plethra, von Bewässerungsgräben durchzogen, jedoch bis auf einige Lehmhütten ohne nennenswerte Bebauung, auf denen er den Erzeuger des schlafbringenden Kinderbreis anbauen wollte. Arbeiter dafür würde er genug finden, die Aufseher würde er der Stadtwache abwerben können.
    Nun ging Nikolaos mit einem Architekten, einem kleinen, kahlköpfigen Männchen namens Lysos umher. Dieser Lysos war im Grunde das genaue Gegenteil von gelöst, er war verkrampft und ging Nikolaos gehörig mit sehr schlechten Bewertungen der baulichen Substanz des Hauses auf die Nerven. "Im Grunde ist ja alles ganz solide hier, das will ich dem Haus nicht nehmen. Doch du willst hier nicht im Ernst wohnen?" "Es ist doch alles sauber hier, ein bisschen Farbe an die Wände..." "Das würde ich nicht so sagen. Ich gebe dir einen guten Rat: Lass den Kasten einreißen und was neues bauen." "Ja, er hat Recht, dieses Haus ist ganz und gar in die Jahre und aus der Mode gekommen. Das falsche Vorspielen Hellenischer Tugenden war letztes Jahr der neueste Schrei, doch an deiner Stelle würde ich jetzt eher auf orientalische Wolllust setzen, damit machst du mehr Eindruck bei deinen Freunden und >Freunden<", mischte sich der Schreiber des Architekten ein, ein großer, bärtiger Mann mit dunkler Haut.


    Am Ende dieses Vormittags waren der Architekt und sein Gefolge wieder in der Stadt. Nikolaos hatte sie höflich abgeschüttelt, wie man Insekten abschüttelt, die man nicht zerquetschen möchte, da man sich an ihnen die Finger schmutzig machen könnte. Nun waren Handwerker im Haus, wortkarge Männer, unter ihnen nur ein Hellene. Dieser war der Meister. Wenn er etwas sagte, dann sprach er nur in Halbsätzen. Das einzige, was er sehr ausführlich, fast breitgetreten für seine Verhältnisse, von sich gab, waren Beschimpfungen an die Adresse seiner Arbeiter.

  • Nach einiger Zeit war es endlich soweit. Das Haus war bereit zum Bewohnen. Der Stein war poliert worden, das Dach erneuert, wo es nötig war, einige Balken waren durch neue ersetzt worden. Die alten Wandgemälde waren übermalt worden, jedoch meist so, dass sie ihre Form beibehielten und lediglich die Farbe aufgefrischt worden war, denn die Wandgemälde schätzte Nikolaos sehr. Im mittleren Raum des hinteren Erdgeschosses waren Szenen aus dem Mysterium des Dionysos an die Wände gemalt. Die Zwischenräume fülllten florale und anthro-zoomorphe Muster in dunklen Rottönen. Im Raum rechts daneben hingegen waren harmlose Szenen aus dem Landleben dargestellt. Getreidefelder, in ihnen nackte Sklaven, dazwischen Aufseher, Tiere, etwas weiter eine Landschaft mit Bergen vor einer Art Wüste, daneben Szenen eines Gelages. Dieser Raum war eher hell. Im Raum links neben dem Dionysos-Raum waren eigenartige, dem Nikolaos fremde Wesen dargestellt, dazwischen Harpyen, Mainaden und fremdartige Gottheiten, zwischendurch wüste Darstellungen von concubita (wie es rhomäisch umschrieben hieß). Nikolaos hätte diesen Raum für geschmacklos gehalten, wären nicht die Gemälde von einer sehr kunstfertigen Ausführung gewesen. In diesem Raum waren die Farben satter und dunkler, eine Art Purpur füllte die freien Flächen. Der Raum im Obergeschoss über diesen etwas bizarren war in grünlichen Farben gehalten. An die Wände waren Szenen der Vogeljagd auf dem Wasser sowie andere Nil-Sujets gemalt. Auf der anderen Seite des zur Hälfte von einer Exedra eingenommenen Raums in der Mitte lag ein Raum, den die von Nikolaos beauftragten Maler in ein dunkles Blau getaucht hatten. Hier war der Jahreslauf dargestellt, und, mittendrin mehrfach die Isis. Die übrigen Räume waren von den Handwerkern weiß getüncht worden. Vom Dionysos-Zimmer konnte man auf eine Sonnenuhr schauen, die im Garten stand, der das Haus umgab. Eine weitere Sonnenuhr stand auf dem Platz südlich des Hauses. Diese konnte man nutzen, die andere nicht, denn sie war beinahe den ganzen Tag abseits der Sonne im Norden und zwischen Sträuchern und unter Bäumen. Nikolaos hatte weitere Cypressen, Dattelpalmen und Zedern pflanzen etwas abseits des Hügels, auf dem das Haus stand, in den Garten hatte er Thymian pflanzen lassen und Lorbeersträucher.
    Nun überwachte er das Herbeischaffen einiger Möbel. Im Dionysos-Zimmer ließ er einige Klinen aufstellen, sowie Tische aus Wurzelholz und cathedrae, ebenso im Landszenen-Zimmer. Den Raum links des Dionysos-Androns ließ er mit Bücherschränken ausstatten sowie mit einem großen, rechteckigen Tisch und einer einzigen, schmalen Kline. In das Isis-Zimmer ließ er sich ein Bett tragen, sowie weitere Tische und Truhen. In den grünen Raum ließ er ein weiteres Bett sowie diverse Korbstühle stellen, ebenso in die kleinen Räume oberhalb vom Küchentrakt links des Eingangs und oberhalb vom Flügel des balaneions. Im Exedra-Raum ließ er ebenfalls Bücherschränke aufstellen sowie einen großen Arbeitstisch mit Blick nach Norden, auf das Meer hinaus, das nicht weit war. Insgesamt war die Möbelierung eher spärlich, dafür aber nach Nikolaos Geschmack erlesen. Die einfachen Holzfußböden im Obergeschoss ließ er mit Teppichen aus den Ländern der östlichen Erdteile bedecken. Nach einem weiteren Tag nach sovielen Tagen, den er damit verbracht hatte, aufgedreht und hektisch Arbeiter umherzuscheuchen, beschloss Nikolaos, dass er nun wirklich sesshaft geworden war.
    Aber ich möchte hier nicht sterben, dachte er im nächsten Augenblick.

  • Der Grammateos erreichte kurz vor dem höchsten Stand der Sonne mit verschwitzter Kleidung und erschöpften Gliedern das Landgut des Exegetes. Es hatte inzwischen wieder einen Teil seiner alten Größe erreicht, da der Exegetes benachbarte Felder gekauft hatte, um dort Schlafmohn anbauen zu lassen. So stand der Hügel, auf dem das Haus lag und rundherum ein dichtbewachsener Garten, in einem blassvioletten Meer, das im Wind, der vom blauen Meer kam, Wellen schlug. Dafür jedoch hatte der Grammteos keinen Blick. Er bog von der Straße nach Nikopolis, deren Staub er oft verflucht hatte auf dem Weg, in die schmal Allee ein, die zum Hügel führte. Schließlich erreichte er die massive Tür an der portikuslosen Seite des Hauses. Er schlug mit einem schweren Bronzering, der in die Tür eingelassen war, gegen eine Bronzeplatte, die auf dem Holz angebracht war, wohl um es zu schonen. Die Schläge hallte durch die Stille des Gartens. Dann blieb es einige Zeit still, nur der Wind vom Meer, der etwas Kühle auf den Hügel brachte, ließ die Blätter der Bäume rascheln. Dann schließlich wurde ein Flügel der Tür geöffnet, von einem der drei Sklaven, die Nikolaos besaß. Er trug eine einfache, saubere Tunika und war barfuß. Doch er schien sehr billig gewesen zu sein, denn er hatte viele Makel, die auf dem ersten Blick zu erkenne waren. Er schielte und seine Beine waren etwas krumm, trotz seiner schlanken Jünglingsstatur gab ihm dies eine ungesunde Erscheinung. Seine Stimme war etwas unsicher. "Kerr", sagte er, in einer etwas verkrüppelten Koiné, gemeint war wohl khaire, "Was ist dein Anliegen?" Der Sklave schielte mit einem Augen links, mit dem anderen Auge rechts am Besucher vorbei, so sehr er sich bemühte konnte er dessen Augen nicht ansehen. "Ich habe einen Brief für den Exegetes", sagte der Grammateos, entnervt und noch unfreundlicher als zum Besucher vor einigen Tagesstunden. Er reichte dem Sklaven den unversiegelten Fetzen Papyrus und verschwandt wortlos. Ein langer Rückweg in der Mittagshitze stand bevor.

    Kassandros von Alexandria möchte einen "Kultverein römischen Rechts" zu Ehren von Isis und Serapis gründen", er hat den Eparchos bereits um dessen Erlaubnis gebeten, möchte nun die Einverständnis des Exegetes holen, die Antwort darauf kann schriftlich in der Basilea in der "Regia" des Eparchos oder im Haus des gewissen Kassandros im Brouchereion abgegeben werden.

  • Wenig später erhielt Nikolaos die Notiz. Er hatte unter dem Dach und im Schatten der Säulenhalle um das Haus vor der Tür der Bibliothek auf einer kathedra aus edlem, schwarzen Holz gesessen und sich der Lektüre von Platons "symposion" gewidmet. Als der Sklave ihm das Papryurs brachte, nickte er bloß, ohne von der Schriftrolle aufzusehen, die auf einem Brett, das über die Lehnen der kathedra gelegt war, vor ihm lag. "Bringe mir etwas gewürzten Wein.", sagte er zum Sklaven. Erst nachdem der Sklave zum zweiten Mal zu ihm gekommen war, wandte er den Blick von seiner Lektüre und nahm das Papryrus in die Hand. "Pesistratos soll kommen", sagte er, nachdem er die Zeilen überflogen hatte.
    Der Sklave nickte. Wenig später kam ein weiterer Sklave, besagter Peistratos. Dieser hatte auf seinen eigenartigen Namen bestanden, und immer wenn Nikolaos ihm drohte, ihm einfach einen anderen Namen zu geben, wennnötig den eines Tieres ("tauros" hätte bei der schmalen Statur des ältlichen Männchens, das der Sklave war, vielleicht einen ironisch-humorvollen Effekt), sollte dieser weiter darauf bestehen, so wie der Athenische Tyrann genannt zu werden, lächelte Pesistratos und meinte, Aristoteles hätte denjenigen Träger dieses Namens vor der Blütezeit Athens gelobt und gutgeheißen, und Aristoteles sei doch glaubwürdig. Nikolaos, dessen Familie zum alten Adel Athens gehörte, also der Schicht, die Pesistratos entmachtet hatte vor Jahrhunderten, murmelte daraufhin oft etwas in der Art "auch Aristoteles kann irren und er irrte so oft schon" und beließ es vorerst dabei. Dieser Pesistratos, nicht jener Tyrann, der den Areopag entmachtet hatte und Land verteilt an arme Bauern, sondern der Sklave Pesistratos, hatte ohne einer Aufforderung zu bedürfen ein Papyrus, eine Feder und eine Tintenschale mitgenommen. Er kniete sich neben den Beinen der Kathedra auf den Boden und begann, Tinte zu zerreiben und sie mit Wasser zu verflüssigen.

  • "Gut, dass du so schnell erscheinen konntest.", sagte Nikolaos. Pesistratos war der einzige Sklave, dessen Intellekt Nikolaos so schätzte, dass er ihn zuweilen wie einen Menschen behandelte. "Schreibe: Als Antwort an Kassandros. Chaire Kassandros. Ich erfuhr von deinem Anliegen und entschloss mich, nicht gleich eine Entscheidung darüber zu fällen, wobei ich im Grunde jeder Art von Verehrung der Götter zustimmen kann, wenn sie gegen kein Gesetz der Polis oder der Rhomäer verstößt. Da der Eparchos bereits davon in Kenntnis gesetzt zu sein scheint und nichts Ablehnendes dazu geäußert hat, gehe ich davon aus, dass dies nicht der Fall ist. Dennoch würde ich gerne mehr über diese Kultgemeinschaft erfahren. Bitte suche mich doch selbst auf und erzähle mir Genaueres über Deine Pläne. Du findest mich an den meisten Tagen morgens in meiner Arché, ansonsten erlaube ich dir auch, mich in meinem Privathaus aufzusuchen. Dieses liegt dreizehn Stadien von Alexandria entfernt an der Straße nach Nikopolis. Chaire. Nikolaos Kerykes Exegetes Alexandrinos." Pesistratos machte einen letzten Buchstaben und reichte dann das Papyrus seinem Herrn. "Alles in Ordnung", sagte dieser. Gebe es dem Grammateos als Antwort mit, wenn er fort ist, so schicke Myos." Auch Myos war ein Phantasiename, allerdings hatte Nikolaos ihn selbst vergeben. Gemeint war der Sklave, der schon den Grammateos empfangen hatten, und der Name spielte auf seine Verschlossenheit und Schüchternheit an. Pesistratos nickte und nahm den Brief an sich. "Willst du ihn siegeln?" Nikolaos nickte. Pesistratos bereitete das Siegelwachs vor. Nikolaos musste nur noch die Außenseite seines Siegelringes darauf drücken. Dann wurde der Brief auf seine kurze Reise geschickt.

  • Nach einer Reise, welche etwas länger und unbequemer war als ich sie mir gewünscht hätte erreichte ich schließlich das doch recht schlichte Landhaus. Etwas erschöpft klopfte ich an die Tür und richtete noch etwas meine Kleidung und nicht zu vergessen, auch der Bart musste etwas gestreichelt, ähm gerichtet werden. Ich war gespannt was genau er wollte, auch wenn ich es ja bereits ahnte. Sicher schadete etwas Kontakt nicht, seit mein Weib gestorben war zog ich mich ziemlich von der Gesellschaft zurück.

  • Es dauerte einige Zeit, bis die Tür von Myos, einem der Sklaven des Exegetes geöffnet wurde.
    "Kerr, kirrie", sagte er mit brüchiger Stimme. "Was ist dein Anliegen? Wen soll ich melden?"

  • "Ich werde dich melden.", sagte Myos unterwürfig und verschwandt im Hof, der hinter dem Tor lag. Er ging durch die Säulenhalle am anderen Ende des Hofes und verschwand in einem Raum hinter dieser Pastas. Nach einiger Zeit kehrte er zurück. "Bitte folge mir, kirrie." Myos sperrte nun auch den zweiten Torflügel auf, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre, ein Flügel war so breit, dass zwei Männer auf einmal durch ihn hätten gehen könnten und ging rasch über den quadratischen Innenhof. Er führte den Gast in den mittleren der drei großen quadratischen Räume hinter der Pastas, in das Dionysos-Andron, wie er im Sprachgebrauch der drei Haussklaven des Nikolaos genannt wurde. Zwar war dieses Andron eher spärlich möbeliert, doch die vorhandenen Möbel waren mit großer Kunstfertigkeit gezimmert. Die Klinen waren aus dunklem Holz und wiesen aufwändige und sehr filigrane Verzierungen auf. Die Füße der Klinen waren in Bronzebeschläge gefasst, die die Form von Löwenpranken hatten. Sie standen auf kunstvoll geknüpften Teppichen, die durch fremdartige Blumenmuster beinahe selbst wie plattgetretene Blumenbeete aussahen. Auf einer der Klinen lag der junge Hausherr. Er trug einen dunkelblauen Seidenchiton, der farblich beinahe im Konflikt stand zu der überwiegend rötlichen Einrichtung und Wandbemalung des Androns. Die Haare des Exegetes waren länger als bei den Rhomäern üblich und aufwendig geflochten. Sie glänzten vor Balsam. Nikolaos erhob sich, ohne jedoch in die Sandalen zu schlüpfen, die vor seiner Kline standen.
    "Chaire", begrüßte er den Gast. "Du bist sicher Kassandros. Mich freut sehr, dich hier begrüßen zu dürfen. Nimm doch bitte Platz." Er wies auf eine Kline, die orthogonal zu jener stand, die er selbst zuvor besetzt hatte. In der Mitte der Klinengruppe stand ein Wurzelholztisch, die Platte glänzte wie frisch gewachst, auf dem ein Glaskrug mit Wein, zwei Becher, sowie Silberschalen mit verschiedenen Süßigkeiten standen, unter anderem eine mit einigen Krümeln Opium. "Du bist sicher erschöpft von der Reise. Ich bitte dich, erfrische dich zunächst etwas. Dann jedoch bin ich begierig, von deiner geplanten Kultgemeinschaft zu erfahren." Nikolaos nahm wieder auf seiner Kline Platz.


    Sim-Off:

    In der WiSim müsste bald ein Angebot für dich sein. Die Szene spielt übrigens vor deiner Rede auf der Agora, sonst hätte Nikolaos dich sicher nicht ganz so nett empfangen ;)

  • Ich folgte dem Bediensteten und schaute mich etwas auf dem Landsitz des Exegetes um. Scheinbar war er ein doch recht wohlhabender Mann und war der hellenischen Tradition sehr verbunden, zumindest was die Einrichtung anging. Schließlich trafen wir am Ziel, dem Exegetes selbst, ein. Er lag auf einer Kliene, erhob sich jedoch um mich zu begrüßen.


    Chaire, ich freue mich auch dich kennen zur lernen Exegetes!


    Die Frage nach dem Namen beantwortete ich nur mit einem Nicken. Dann nahm ich auf dem mir von meinem Gastgeber zugewiesenen Platz Position ein.


    Zuerst möchte ich dir für deine Gastfreundschaft danken. Doch nun zum eigentlichen Thema, welchem ich jedoch eine Frage vorrausstellen möchte, welche die Dinge vielleicht ziemlich erleichtern wird. Was weißt du denn bisher über Serapis und Isis?


    Auf die Antwort wartend, begann ich mich, verfressen wie ich war, durch die angebotenen Speisen zu futtern.


    Sim-Off:

    Vielen Dank. Was habe ich denn böses gemacht auf der Agora?

  • Irgendwie kam der Gast Nikolaos bekannt vor. Handelte es sich dabei gar um einen Schreiber des Eparchos, der ihn einmal zum Eparchos geführt hatte? Er betrachtete den Mann genau. Ein alter Mann war es, etwas jünger als Nikodemos vielleicht. Er hatte ein würdevolles Aussehen, das etwas im Widerspruch zum Ungeschick des Mannes in der Unterhaltung stand. Wohlwollend beobachtete Nikolaos, dass dieser würdevolle alte Mann offenbar sehr ausgehungert war und die Erfrischungen mit Freuden annahm. Nikolaos selbst nahm aus einer Silberschale eine eingelegte Pfeige, betrachtete sie eine Weile, bevor er sie verspeiste.
    Dass der Alte ihn wie einen Schuljungen behandelte, verzieh Nikolaos ihm. Eher etwas wie Belustigung als etwas wie Ärger löste dieses Verhalten in ihm aus. Was sollte er darauf antworten? Er hatte keine Lust, alles über Sarapis nachzubeten, was er wusste. Was meinte der Mann überhaupt mit Wissen? Wissen um den Gott selbst? Das verstand sich doch von selbst. Um die Art der Verehrung? Auf diesem Gebiet war Nikolaos nur als gelegentlicher Besucher des Sarapeions bewandert. Und Isis? Sollte er dem Alten erzählen, dass dieses Weib ihn regelmäßig heimsuchte?
    "Nun, mir sind Sarapis und Isis sehr wohl bekannt. Schon als ich ein Kind war, hat mich mein Vater in der Verehrung der Athene belehrt." Das gehörte sich schließlich für einen anständigen hellenischen Vater. "Auch mit dem Zerissenden bin ich vertraut." Er erinnerte sich an die letzten Dionysien... "Hier in Alexandria erschienen mir beide zudem in der Gestalt von Isis beziehungsweise von Sarapis. Jedoch ist mein Wissen um die Verehrung dieser Götter unbedeutend wie ein Haufen Staub, im Gegensatz zu dem, was ich noch alles zu lernen erhoffe. Bitte erzähle mir alles darüber, was du weißt."


    Sim-Off:

    Nun ja, (auch sehr vorsichtig) rhomäerfeindliche Reden sind nicht ganz ungefährlich... ;) Aber lasse dir mal davon keine Angst machen, Nikolaos wird dich deswegen nicht gleich beim Eparchos anschwärzen ;) .


    edit: SimOff.

  • Scheinbar gefiel dem Exergetes diese Frage nicht so, aber irgendwie hatte ich mir das in den letzten Jahren antrainiert. Aber im weiteren Gespräch sollte er beachten, dass dies nicht sein Schüler war.


    Nun, dann weißt du ja schon das gröbste, oder doch nicht?


    Meinte ich etwas rätselhaft.


    Nun, Serapis und Isis sind mehr als nur zwei Götter, welche man in anderen Teilen der Welt unter anderem Nahmen verehrt. Vielmehr sind sie all diese Götter in einer Person, so verkörpert Serapis alle männlichen Götter und Isis alle weiblichen. Du nanntest bereits zwei Beispiele dafür Athene als ein Teil der Isis und Dionysos als ein Teil des Serapis. Diese beiden Götter sind es also, welche hinter dem gesamten Kosmos stehen. Serapis als Herr des Schicksals und Isis als Mutter der Kultur und Retterin der Menschen. Für die Ägypter ist besonders wichtig, dass sie Osiris, also Serapis, in größter Not rettete, so das er schließlich doch über das Böse siegen konnte, und natürlich das auch der Sonnengott ein Teil des Serapis ist. Du weißt ja, die Ägypter haben es ja mit der Sonne. Ein großer Teil des Kultes findet ja im Tempel statt und ist nur schwer beschreibbar, sicher warst du schon bei einigen öffentlichen Zeremonien dabei, jedoch finden unten den Eingeweihten auch viele Rituale im privaten Ramen statt. Gerne lade ich dich natürlich ein mit mir den Tempel zu besuchen. Warst du schon einmal auf einer der öffentlichen Prozessionen zu Ehren der Isis? Da du nicht eingeweiht bist, darf ich dir nichts über die geheimen Zeremonien verraten, doch die Weihung könntest du ja erlangen, wenn endlich wieder Ordnung herrscht, also der Verein gegründet ist. Doch sicher könnte ich dir ein Gebet vortragen, wenn du dies wünscht.


    Sim-Off:

    Die Rede ist doch gar nicht feindlich. Ich habe ja nichts gegen die Legion oder gegen die Römer, ich arbeite ja sogar für sie. Ich meine nur, dass die Legion, als militärischer Apparat, nichts in der Polis zu suchen hat, außer wenn große Aufstände im Gange sind. Für den Rest gibt’s ja die Stadtwache.

  • Die Tatsache, dass in diesen beiden Göttern alle Götter vereint sein sollten, sie gewissermaßen gegensätzliche Prinzipien darstellten, war Nikolaos indes neu und erregte seine Aufmerksamkeit. In diesem Kultverein sollten also in zwei Göttern alle anderen aufgenommen werden, gewissermaßen wie selbst etwas scheinbar Unteilbares wie ein Sandkorn auch nur aus vielen Atomen bestand. Warum eigentlich Atome? Bildeten sich sterbliche Gelehrte ein, alles, was ein einfacher Mensch nicht mit einem Mörser zerbröseln kann, ist unteilbar? Nikolaos kam ein Einfall für eine Kritik an der Atomlehre. Diese würde er an seine Abhandlung über die Aufführung des Theaters anschließen. Doch nun wandte er seine Gedanken wieder Sarapis und Isis zu und dem eigenartigen Gast.
    "Ich bitte dich darum.", sagte Nikolaos freundlich und ehrlich interessiert. "Ich glaube, über die Gesänge zur Verehrung der Götter kann man über einen Gott sehr viel herausfinden, und mehr noch, über die Menschen, die die Verehrung betreiben."


    Sim-Off:

    Nikolaos sieht das insgeheim natürlich ähnlich. Nur ist er darauf angewiesen, öffentlich etwas anderes zu behaupten, da er sich das Wohlwollen der Rhomäer nicht verscherzen möchte als Exegetes. Wirklich schlimm ist das, was du da sagst, natürlich nicht, wohl auch nicht für den Eparchos. Es gab in der Ekklesia schließlich schon ganz andere Reden ;) .

  • Natürlich...


    Ich schaute etwas geistesabwesend nach oben und strich mir zweimal bedächtig über meinen Bart. Dann ertönte das Gebet in einen Rezitativen Klang, kein richtiger Gesang, aber auch nicht gesprochen, eine interessante Mischung aus beidem. Es klang recht ansehnlich, jedoch war meine alte Stimme nicht mehr sonderlich geeignet für so etwas. Bei den jungen Tempeldienerinnen hörte es sich wesentlich besser an, und sah auch wesentlich besser aus…


    Her zu mir, du Gott aus den vier Winden, Allherrscher, der du den Menschen den Lebenshauch eingeblasen hast, dessen geheimer Name unaussprechlich ist, vor dessen Namen auch die Dämonen erschrecken, wenn sie ihn hören, dessen unermüdliche Augen sind: Helios, der lodernde Dämon, Horos, der Herr des heilen Auges und Selene-Thoth, die in den Augen der Menschen leuchten, dessen Haupt der Himmel ist, dessen Leib die Luft, dessen Füße die Erde.


    Du bist der Okeanos, der gute Dämon, der Herr, der das Gute erzeugt, der die gesamte bewohnte Welt und den ganzen Kosmos nährt und erhält.


    Am Himmel ist festgelegt dein ewiger Prozessionsweg, auf dem dein Name in den sieben Buchstaben zur Harmonie der sieben Töne festgelegt ist, aus dessen guten Einflüssen die Sternengötter und Fortunae und Parzen stammen, durch den verliehen werden Reichtum, Glück, gutes Alter und schöne Bestattung.


    Du, Herr des Lebens, der du als König herrscht im oberen und im unteren Land, dessen Gerechtigkeit nie unzugänglich ist, dessen ruhmvollen Namen die Musen besingen, dem als Satelliten dienen He und Ho, Cho und Chuch, Nun und Nauni, Amun und Amunith, bei dem die untrügliche Wahrheit ist:


    Gib, dass mich auch viele Personen, die sich im Fleisch bewegen, nicht überwinden können, dass kein Geist, kein mir entgegentretendes Gespenst, keines von den Übeln im Hades sich mir entgegenstellt.


    Zum Schutz werde ich deinen Namen, wie ein Amulett, in meinem Herzen bewahren:


    [Blockierte Grafik: http://img228.imageshack.us/im…6/zwischenablage01pp2.png]


    Sim-Off:

    Ich geb dir gleich eigenartig! ;) Habe mir die Sachen in der WiSim genommen, vielen Dank. Eine Erklärung des Gebetes findest du hier, aber ich denke wir sollten das besser ausspielen. Die Grafik ist eine Notlösung, weil das Forum anscheinend keine griechischen Buchstaben verträgt.

  • Nikolaos hatte dem alten Mann aufmerksam zugehört, dieser schien sich in eine gewisse religiöse Ekstase oder einen Ansatz davon gesteigert zu haben, trotz der reichlich unreinen Umgebung und Atmosphäre eines zwanglosen Empfangs. Kassandros schien, ähnlich wie Iodaier und jene iodaische Sekte, die ähnlich dem Dionysos-Kult das Zerreißen und Zerstückeln ihres Gottes als notwendigen Teil der Wiedergeburt desselben ansahen (Nikolaos wusste nicht so viel um diese Sekte, um sie differenzierter quarakterisieren zu können), einen Gott in den Vordergrund zu stellen, doch anders als die Iodaier nicht diesen einen Gott als einzelnes Wesen zu verehren, sondern alle anderen Götter als Teile dieses Gottes anzusehen. Isis oder das göttliche weibliche Prinzip war nicht vorgekommen in dem Gebet.
    Nikolaos hatte einiges verstanden, wenn auch nur lückenhaft. Insbesondere die aigyptiscvhe Art der Götterverehrung war ihm fremd.
    "Was bedeuten die fremdartigen Namen, die du aufzähltest?", fragte Nikolaos. Er meinte damit diese nicht griechisch klingenden Namen, die als Begleiter des Sarapis im Gebet erwähnt worden waren.

  • Über das Wesen des dramas und ihrer praktischen Aufführung als Beispiel für die Verwandtschaft aller Künste


    von Nikolaos Kerykes, Akroates tou Museiou


    Erstes Buch: Allgemeiner Teil


    Vorsatz


    Im Folgenden werde ich die Grundlagen des Schauspiels, seine Funktionen und Mittel beschreiben, wie sich diese in der Umsetzung erreichen lassen, nicht etwa in der Anlage, denn dies tat bereits Aristoteles, auf dessen Lehren zur Dichtkunst ich noch zurückkommen werde. Zum Einen ist diese Abhandlung als Ergänzung zu Aristoteles Theorie der Dichtkunst, insbesondere der Tragödie, zu verstehen und als durchaus praktische Anleitung. Zum Anderen jedoch soll dieses Buch den Zweck haben, anhand des Beispiels der Theateraufführung die Verwandtschaft höchst unterschiedlicher Künste aufzuzeigen und ihr Zusammenwirkung und ihre Abhängigkeit zueinander. Bei aller Zuwendung einem bestimmten Gebiet der Künste hin, sei es die Dichtkunst, sei es die Mechanik, sei es die Malerei, sei es die Erforschung der Pflanzenwelt, die nötig ist, um auf diesem einen Gebiet Vervollkommnung zu erreichen, sollte ein Künstler nie vergessen, dass seine Kunst nicht alleine bestehen kann, sondern nur durch den Austausch mit anderen bestehen. Es gäbe noch eine Vielzahl an Beispielen dafür, die Notwendigkeit der Rhetorik für die Geschichtsschreibung, die Notwendigkeit der Mechanik zum Bau von Geräten, die die Untersuchung der Natur ermöglichen, doch ich möchte mich auf ein einziges Gebiet beschränken. Natürlich werden meine Ausführungen unvollkommen sein, denn gerade auf dem Gebiet, dass ich wählte, ist eine Menge an Möglichkeiten zum Einsatz anderer Künste vorhanden, die unzählbar ist. Doch wie auch in der Dichtkunst ist auch in der Kunst, die die Untersuchung der Künste zum Ziele hat, die Beschränkung notwendig, um wichtige Dinge deutlich sichtbar zu machen. Dieses Buch wird nicht das letzte sein, was ich zu diesem Thema schreiben werde, es wird ergänzt werden.



    Über die Entstehung des Schauspiels


    Um eine Tragödie aufzuführen, also tote Worte lebendig zu machen, zu Klängen zu machen, sollte jeder Dichter und jeder Schauspieler wissen, worin ihr Wesen besteht, denn ohne die Erkenntnis dieses Wesens ist jedes Schauspiel ein unwürdiges Gezappel. Ich möchte mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, was das Wesen wirklich ist, das Folgende ist nur ein Vorschlag, der anzunehmen ist oder auch nicht. Denn ganz gleich welches Wesen man hinter der Tragödie vermutet ist es doch wichtig und unbedingt nötig, überhaupt ein Wesen dahinter zu vermuten, denn ansonsten dichtet und spielt man so, dass es nicht fesselt, sondern lediglich den Scharen der Theaterbesucher einen Vorwand bietet, ihre Körperlichkeit verdeckt von prachtvollen (oder weniger prachtvollen) Kleidern zur Schau zu stellen.
    So ist dies leider die Sitte oft in unserer Zeit. Der Rhomäer Pyblios Ovidios Naso schrieb vor etwa hundert Jahren über die rhomäischen Frauen: "Spectatum veniunt, veniunt spectentur ut ipsae", was bedeutet: "Sie kommen um zu sehen, sie kommen um selbst gesehen zu werden." Ob dies vielleicht nicht auch auf die Männer zutrifft, muss in Erwägung gezogen werden. Für die Rhomäer ist also das Theater offenbar meist nur ein Ausstellungsort ihres eigenen Körpers, ihres eigenen Reichtums, ihrer eigenen Geltung. Doch wie sieht es mit den Hellenen aus, in den von ihnen bewohnten Gebieten die Tragödie entstanden ist? Um nichts besser, ist die traurige Antwort.
    Um eine ungefähre Vorstellung vom Wesen der Tragödie zu erhalten, muss man nach dem Ursprung derselben suchen. Der oder ein Ursprung findet sich im Kult des Bakhos. Die Oden und Gebete wurden anfangs durch einen Chor gesungen, der von Musikanten begleitet wurde. Zu diesem Zeitpunkt gab es die Dinge, die Aristoteles als êthê bezeichnet, noch nicht. Einen mythos hatten allerdings diese Lieder, sie handelten vom Werden und Vergehen und Wieder-Werden des Gottes oder der Götter. Denn es ist zweifelhaft, ob nur oder insbesondere der Bakhos auf diese Weise angebetet wurde. Doch vor allem bei Dionysos gibt es jenen mythos über sein Werden und Vergehen, aus dem und dessen Variationen sich später andere mythoi entwickelt haben könnten. Kurz zusammengefasst ist also das Lied zur Anbetung der Götter die älteste oder eine der ältesten Formen der Dichtung.
    Später wurde nun diese Vortragödie zur Tragödie, indem sich einige Menschen aus dem Chor lösten und den mythos nicht mehr nur besangen sondern als Agonisten mit ihren Körpern darstellten. Vorläufer dieser körperlichen Darstellung sind vielleicht die Tänze, die allerdings noch keinen Gedanken ausdrücken, sondern lediglich primitive Gefühle.
    Nach und nach wurde die durch Agonisten gespielte und gesprochene Handlung immer wichtiger und komplizierter. Schließlich entstand das, was wir heute als drama bezeichnen, eine Handlung, die einerseits die Verhältnisse unserer Wirklichkeit nachahmt, auf der anderen Seite vom Chor kommentiert wird.



    Was das Schauspiel bewirken soll


    Die Aufgabe des Schauspiels ist es, wie Aristoteles sagte, eine Reinigung der Seelen der Zuschauer (und auch und vielleicht in noch viel größerem Maß der Schauspieler) durch Mitleiden oder anderes Mitfühlen zu erreichen. Dabei muss der erste Handelnde der Tragödie so gestaltet sein, dass jeder Zuschauer sich selbst in ihn hineinversetzen kann, so als stecke ihn ihm die Seele eines jeden Zuschauers. Es ist für jeden freien Menschen nötig, seine Seele genauso gründlich zu reinigen wie seinen Körper, denn nur mit reiner Seele kann ein Bürger über das Wohl der Polis entscheiden, nur mit reiner Seele ist ein Mann seiner Familie ein gerechter und guter Herr.
    So ist jedes Schauspiel auch zugleich wieder, wie ursprünglich, ein Mysterium. Ein Mann geht aus dem Theater und hat den Schmutz der Seele mithilfe von Schaudern, Zittern, Zähneklappern, Heulen und Lachen hinter sich gelassen. Ob die Reinigung durch Heulen oder durch Lachen geschieht, ist gleichgültig. Lachen und Heulen sind die Grundfähigkeiten eines jeden Menschens und eines jeden Gottes. Nur ein Mensch oder ein Gott kann lachen oder heulen, ein Tier ist dazu nicht in der Lage.
    Doch wie erreicht man Geheul und Gelächer?
    Kurzer Abriss über die Lehre von der Dichtkunst des Aristoteles, insbesondere bezogen auf die Tragödie
    Nach Aristoteles ist der Kern einer ganzen Reihe von Künsten die Nachahmung der Wirklichkeit, jedoch nicht als bloße Nachahmung des Ganzen, sondern als Darstellung des Wahrscheinlichen und Möglichen innerhalb dieser Wirklichkeit. Der Dichter nimmt, gleich einem Bildhauer, von unserer Wirklichkeit soviel fort, bis nur noch etwas übrig bleibt, was sich als Prüfstein für das Verhalten von Menschen eignet. Dies nimmt er als Grundstein für eine Wirklichkeit innerhalb des Kunstwerkes.
    Zu den Künsten, die Aristoteles als "nachahmend" bezeichnet, gehören auch der Tanz und das Schauspiel, im weiteren Sinne auch die Malerei und die Bildhauerrei. Jedoch fehlt Malerei und Bildhauereidas Element der fortlaufenden Handlung, der zeitmäßigkeit, sie nehmen als Wirklichkeit das Sichtbare eines Augenblicks, jedoch auch hierbei, wie in der Dichtkunst, nur einen Teil, der die Eigenschaft hat, dass er sich erhöhen lässt durch die Hände des Künstlers.
    Erwähnter Prüfstein als wichtigste Aufgabe der Handlung bezieht sich nicht auf die Figuren einer drama, sondern soll allgemeingültig auf die Menschheit als Ganzes angewandt werden. Dadurch, dass der Dichter nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit aufgreift, wird das allgemeine Prinzip dahinter deutlich, schmerzhaft deutlich oder lustvoll deutlich für die, die das Werk betrachten, sei es als Zuhörer des Rhapsoden, sei es als Zuschauer einer Tragödie oder Komödie.
    Dabei zwingt in der Tragödie der Prüfstein der Handlung den Protagonisten, der gut und edel sein muss, edler als ein Mensch in der unkünstlerischen Wirklichkeit, etwas zu tun, was falsch ist, und lässt ihn daran zugrunde gehen. Dadurch, dass der Protagonist wenig Fehler hat, ist jener entscheidene, tragische besonders deutlich zu erkennen. In der Komödie hingegen verhält es sich genau umgekehrt. Hier ist der Protagonist so nieder wie echte Menschen oder gar mit noch mehr Fehlern besetzt. Allerdings darf er nicht insgesamt schlecht sein, da er sich ansonsten des Mitgefühls der echten Menschen entzieht, genauso verhält es sich bei der Tragödie. Die Tragödie ist laut Aristoteles die "Darstellung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von einer bestimmten Größe (Anmerkung des Autoren: d.h. sie muss überschaubar sein) in anziehend geformter Sprache." Letzteres ist wieder ein Hinweis auf die künstlerische Gestaltung, die letztendlich ein Kunstwerk ausmacht. Der Dichter sollte seine Personen nicht sprechen lassen, wie Personen sprechen, sondern ihnen eine dichterische Sprache geben. In der Tragödie soll nach Aristoteles die Handlung nicht erzählt werden, sondern dargestellt, nicht nur mithilfe des Wortes, sondern auch durch Bewegung und Klang. Zum Zweck hat die Tragödie die Reinigung der Zuschauer von üblen Gefühlen und Leidenschaften, die gefährlich sind, dadurch, dass er sie während des dramas in gesteigerter Weise anhand des Mitgefühls mit dem Protagonisten auslebt und somit danach gewissermaßen geleert ist von ihnen.


  • Zweites Buch: Besonderer Teil



    Wie dies nicht nur in der Dichtung, sondern auch im Schauspiel bewirkt werden kann


    Nun liegt es aber nicht nur am Dichter, sondern auch an den Schauspielern, die Zuschauer in den Zauberbann des Mysteriums zu ziehen. Zuerst einmal ist es nötig, dass jedem Schauspiel ein Mann vorsteht, der genau weiß, wie das Schauspiel am Ende durchgeführt werden soll. Meist ist dieser Mann der Dichter des Schauspiels selbst. Er soll, wie ein Mystagoge beim Mysterium, darauf achten, dass die Schauspieler, die zugleich Hierophanten sind, die Zuschauer also die Neulinge vortrefflich in das Mysterium einweihen, allerdings nur bis zu einer bestimmten Ebene. Kein Zuschauer soll wissen, wie das Schauspiel entstanden ist, welche Mühen die Handelnden hatten, welche frevelhaften Zwistigkeiten während der Proben stattfanden. Dies würde die Gemüter der Zuschauer vom eigentlichen Zweck des Schauspiels abbringen. Ich spreche von Zuschauern als Neulingen, denn anders als bei den Rahmen-Mysterien unterscheidet sich jedes Schauspiel vom anderen, allerdings nur soweit, wie es die allgemeinen Regeln erlauben. Somit ist jeder Zuschauer einerseits eingeweiht, wenn er schon einmal im Theater war, andererseits voller Erwartung auf das, was ihm noch unbekannt ist.
    Der Leiter des Schauspiels sollte die Figuren so mit Schauspielern besetzen, dass sowohl die Körper als auch die Seelen von Darstellern und Figuren eine gewisse Übereinstimmung haben. Ich spreche von einer gewissen Übereinstimmung, denn eine vollständige Übereinstimmung ist unmöglich.
    So besetze der Leiter die Rollen mit Menschen, die ihnen am ähnlichsten sind. Der Greis wird von einem Mann gespielt, der zwar nicht so alt ist, dass ihm das Spielen unmöglich wäre, jedoch alt genug, um glaubhaft zu sein. Den Jüngling spielt der Jüngling, den Mann mittleren Alters ein Mann mittleren Alters. Für zarte Weiber nehme man zarte Jünglinge voller Blut, für kräftige Bauernweiber und feiste Matronen Jünglinge mit einem Überhang an Schleim in der Peripherie. Dabei ist es wichtig, sicher zu gehen, dass der Jüngling jung genug ist und seine Stimme nicht während der Proben oder gar während der Aufführunstage brüchig wird und zu der eines Mannes wird. Sehr männliche Weiber können auch durch Männer gespielt werden.
    Was für die Figur an der Person des Schauspielers mangelt, wird durch Masken ersetzt. Außerdem haben die kräftigen Gesichtszüge der Maske, den Sinn, auch aus der Ferne das Gesicht erkennbar zu machen. Durch die Maske wird die Stimme des Schauspielers so verstärkt, dass es auch in den hinteren Reihen möglich ist, seine Worte deutlich zu hören. Trotzdessen sollte ein Schauspieler, wenn er auf der Bühne spricht sehr laut sprechen, wenn er gar schreit sollte er so schreien, dass es ihm selbst unerträglich laut vorkommt.



    Wie hier andere Künste ebenfalls einen Beitrag leisten können


    Ein unverzichtbarer Bestandteil eines Schauspiels ist neben der Bewegung und dem Klang der menschlichen Stimme der Klang verschiedener Instrumente, die die Worte gewissermaßen in alle Winkel des Theaters tragen und ihrem eigentümlichen Klang ein geeignetes Echo, eine geeignete Einbettung oder aber einen geeigneten Widerpart bieten. Da die Musik eine eigene Kunst der mathematischen Künste ist, möchte ich sie an dieser Stell nicht besonders erläutern. Mir bleibt nur, die Eigenschaften der Instrumente zu benennen und die Art, wie man diese innnerhalb eines Schauspiels einsetzen kann.
    Eines der edelsten Instrumente ist die Kithara, das Instrument des Apollons. Durch ihre hohe Zahl an Seiten, die bis zu zwölf betragen kann, ist es möglich, innerhalb einer Skala mehrere Viertöne mit ihr zu erzeugen. Sie wird von einem einzelnen Mann gespielt, dabei hält er sie sich im Stehen seitlich vor die Brust. Während die eine Hand die Saiten mit einer kleinen Platte zum Schwingen bringt, erzeugt die andere die Töne, indem sie an unterschiedlichen entsprechenden Stellen die Saite dämpft. Durch ihren recht großen Schallkasten kann sie, auch allein, einen kräftigen Klang erzeugen. Sie eignet sich vor allem zur Begleitung von Alleingesängen in der Tragödie oder Komödie, aber auch für Zwischenstücke, bei denen allein der Klang dieses Instrumentes das Theater erfüllt und die Zuschauer für das, was darauf folgen wird, in den Bann zieht.
    Gewissermaßen eine kleine Schwester der Kithara ist die Lyra. Sie wird ähnlich gespielt wie diese. Einen geringen Unterschied gibt es in der Haltung, denn die Kithara besitzt unter dem Schallkasten einen Fuß, die Lyra nicht. Der größte Unterschied jedoch besteht im Klang. Zwar ist auch dieser im Grunde sehr ähnlich dem der Kithara, jedoch ist er viel schwächer, dadurch, dass der Schallkasten der Lyra kleiner ist. Auch die Zahl der Saiten ist geringer, dadurch ist innerhalb einer Stimmung eine kleinere Anzahl verschiedener Töne zu erzielen. Während die Kithara nun auch allein mit ihrem Klang für eine gewisse Zeit Teil der Handlung sein kann, ist dies bei der Lyra eher unüblich. Sie wird meist nur zur Begleitung des Gesangs verwendet und dort oft, um einer zarten Gesangsstimme zu entsprechen, so bei den Gesängen von Figuren des Schauspiels, die Frauen sind. Während also die Kithara der Stimme des Mannes oder des älteren Knabens enspricht, ist die Lyra die Entsprechung der Knabenstimme, wenn sie noch nicht den Wendepunkt hinter sich hat und wenn sie noch kindisch schwach ist. Bei der Lyra sind zwei Arten zu unterscheiden, zum einen die mit schildkrötigem Schallkasten, zum anderen die mit langen, nach oben gestreckten Armen. Letztere findet neben dem Einsatz beim Vortrag der Dichter auch eine Bedeutung beim Schauspiel. Wie die Kithara dem Apollon geweiht ist, so ist die Barbitos dem Dionysos heilig.
    Eng mit der Lyra verwandt ist die Phorminx. Sie hat jedoch nur Platz für einen Tetrachord, da sie nur vier Saiten besitzt. Daher ist sie nur für Gesänge geeignet, die sich in einem engen Rahmen halten. Meist ist die Phorminx für die ionischen Tönen gebaut. Jedoch kann man, von Künstlern auf diesen Gebiet, auch andere dieser Instrumente bauen lassen, um sie abwechselnd einzusetzen. Während die Lyra der Begleitung des Gedichts dient, ist die Phorminx vor allem der Begleitung der epoi dienlich. Ihr Einsatz im Schauspiel ist jedoch sehr beschränkt, vereinzelt wird sie zur Begleitung von Alleingesängen eingesetzt.
    Ein Instrument, das nicht durch die Finger sondern durch den menschlichen Atem, wie auch die Stimme, bewegt wird, ist der Aulos. Er besteht aus einer langen Röhre, in die vier Löcher an der Oberseite sowie ein Loch an der Unterseite eingelassen sind. Durch Verdecken verschiedener Löcher mit den Fingern können unterschiedliche Töne erzeugt werden. Der eigentlich Klang jedoch entsteht durch das Vorbeiziehen des Atems des Spielers an einem Holzblatt und durch eine Art Mund des Instrumentes. Um eine größere Anzahl verschiedener Töne erzeugen zu können, werden Auloi meist paarweise gespielt. Mehrere solcher Paare können starke Klänge erzeugen. Sowohl für die Begleitung von Alleingesängen und im weitaus höheren Maße zur Begleitung des Chores im Schauspiel können sie eingesetzt werden als auch für einzelne Abschnitte als selbstständiges Element. Da ihr Klang sehr kräftig und der menschlichen Stimme ähnlich ist, benötigen sie eine sehr kräftige Stimme als Gegenpart, damit die menschliche Stimme nicht in den Klängen der Auloi untergeht. Kunstfertige Spieler werden jedoch auch zarte Klänge aus dem Aulos locken können.
    Dem Aulos verwandt ist die Synrix. Diese besteht in einer Anzahl von kurzen Pfeifen, die unterschiedlich sein kann, die aneinandergebunden sind, und die teils gleichzeitig, teils abwechselnd durch den Atem des Spielers mit Leben erfüllt werden. Wie beim Aulos ist hierbei ein Atem nötig, der nicht unterbrochen wird. Die Vielzahl an Tönen wird nicht nur, bei manchen solcher Instrumente gar nicht, durch das Abdecken unterschiedlicher Löcher in den Rohren erreicht, sondern durch die Vielzahl an unterschiedlich großen und unterschiedlich geformten Röhren. Die Synrix vermag nicht, wie der Aulos, starke Klänge zu erzeugen, daher ist sie zur Begleitung des Chores weniger geeignet als zur Begleitung des Alleingesangs, zur Übernahme einzelner Zwischenstücke ohne Gesang oder aber als untergeordnete Stimme neben anderen Instrumenten.
    Ein weniger wichtiges Instrument ist das Tympanon. Es besteht aus einem runden Rahmen und einer Tierhaut oder aber einem Fell aus einem auseinandergezogenen Darm, die darüber auf beiden Seiten straff gespannt ist. Durch Schläge mit der Hand wird diese Haut zum Schwingen gebracht. Es wird vor allem bei Prozessionen eingesetzt und zur Begleitung von anderen Kulthandlungen, in der Kulthandlung des Schauspiels ist sie allenfalls zur Unterstützung der Betonung der Sprache dienlich. Dabei wird beispielsweise jede lange Silbe durch einen Schlag auf dem Tympanon betont. Wie auch die Synrix ist es meist als untergeordnete Stimme neben anderen, übergeordneten Stimmen zu finden.
    Noch geringere Bedeutung hat die Krotala, eine kleine Handklapper. Sie wird beinahe ausschließlich bei der Musik zum Tanz eingesetzt. Ihr Klang ist schwach und daher für ein Schauspiel nicht zu gebrauchen. Vereinzelt wird sie, neben dem Tympanon, als untergeordnete Stimme in instrumentalen Zwischenspielen eingesetzt.
    Ein sehr eigentümliches Instrument ist der Hydraulos. Sie besteht aus mehreren, dem Aulos ähnlichen Pfeifen. Jedoch ist hier nicht der menschliche Atem das, was ihr Leben einhaucht, sondern Luft, die ihr mit einer Fußpumpe eingedrückt wird. Das, was beim Aulos die menschliche Lunge ist, ist bei ihr ein Gefäß, das oben einen Zugang zu den Pfeifen hat sowie ein Rohr, das von der Pumpe herführt, unten jedoch offen ist und in einem Kasten gewissermaßen schwebt, der mit Wasser gefüllt ist. Durch den Druck des Wassers wird ein gleichmäßiger Druck auf die Luft ausgeübt, sodass diese in einem gleichförmigen Strom durch die Pfeifen strömen kann, wie dies auch bei den Auloi mit dem menschlichen Atem der Fall ist. Durch den Wasserdruck wird ausgeglichen, dass mit der Pumpe die Luft nur stoßweise zugeführt werden kann. Die Hydrauloi können sehr starke Klänge erzeugen. Außerdem passieren dem Hydraulos, im Gegensatz zum Aulet, keine Fehler, ihm bleibt nie die Luft weg, sofern die Pumpe, das Wassergefäß oder die Verbindungsleitungen keinen Schaden haben. Nachteilhaft ist, dass nur wenige Künstler in der Lage sind, ihn zu bauen und es sehr schwierig ist, ihn von einem Ort an einen anderen Ort zu bringen.
    Wenn es möglich ist, eine solche Wasserorgel einzurichten, werden auch viele andere Kunstwerke dieser Art sich einrichten lassen bei der scené. In der rhomäischen Stadt Pompeion gibt es im dortigen Theatron ein Gestell mit einem Vorhang, der sich vor der scené aus dem Boden fahren lässt. So kann die scené verdeckt werden, so können Umbauten stattfinden. Wo so etwas nicht möglich ist, da verzichte man auf viele Umbauten oder aber baue die scené rasch um und während die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den Chor gerichtet ist, der meist abseits der scené steht, oder auf Tänzer in der orchestra. Vielerlei solcher Kunststücke sind möglich, wenn gute Künstler in den mechanischen Künsten vorhanden sind. So lässt sich eine Mischung aus Phospor und Schwefel und anderen Dingen, die griechisches Feuer genannt wird, in Fässer füllen, die innen mit Eisen oder Kupfer ausgeschlagen sind. Ein Funke genügt, und aus den Fässern steigen hohe, grelle Flammen. Mischt man Holz oder Kohle hinzu, und schichtet dazwischen viele Lagen der Mischung, so ist eine helle Beleuchtung über längere Zeit möglich.
    Eine ähnliche Methode wie bei der erwähnten Wasserorgel lässt sich auch zum Erzeugen künstlichen Windes nutzen. Durch eine derartige Anlage in etwas größerer Ausführung als eine Wasserorgel und ohne unterschiedliche Pfeifen, sondern nur mit einem größeren Trichter, der waagerecht in Richtung entlang der scené aufgestellt ist, lassen sich Haar und Gewänder der Mimen ähnlich wie durch einen echten Wind bewegen und zersausen. Durch ein Ventil, das an den Trichter montiert wird, und das die Eigenart hat, sich plötzlich schließen zu lassen, können schnelle Windstöße erzeugt werden. Es finden sich in den Werken des Herons von Alexandria und anderer Schriftsteller, die sich der Beschreibung von mechanischen Kunstwerken gewidmet haben, noch weitere Maschinen, die alle dazu genutzt werden können, dem vor der scené Gesagtem eine sichtbare Gestalt zu geben. Dies allein ist die Aufgabe der mechanischen und bildnerischen Künste am Theater. Wie Blütenblätter um die Staubgefäße, das eigentlich fruchtbare der Blume, soll sich das Sichtbare um das Wort sammeln, vom Wort ausgehen, auf das das Gesamte noch mehr blühe als die Worte allein. Selbstverständlich ist ein großer Aufwand, der entstünde, wenn alles eingesetzt würde, was bisher beschrieben worden ist, nicht immer nötig und manchmal sogar schädlich, denn er zuviel kann sich über das Wort legen wie billiger Flitter über bereits bemalte Statuen und so das Wort verschwinden lassen in einem Tümpel aus unterschiedlichen Ablenkungen. Hierbei gillt für den, der das drama leitet, die goldene Mitte zu finden.


    An dieser Stelle wird die Eifrigkeit und Kunstfertigkeit von mechanischen, musikalischen aber auch anderen Künstlern bald schon eine Erweiterung fordern. Jedoch hielt ich es für geeignet, hier zunächst vom Besonderen ins Allgemeine zurückzukehren, und hierfür den Begriff der Goldenen Mitte als Anlass zu nehmen. Denn dies gilt für alle Bereiche und Künste, die in der drama zum Einsatz kommen. Beim Schauspiel muss heftiger gestikuliert werden, als es die meisten Menschen tun würden, doch eine zu heftige Gestik nimmt den Charakteren ihre Würde. Zwischen Überhöhung und der Möglichkeit der Zuschauer, mitzufühlen, also zwischen dem Berg der Dichtkunst und der Niederung des Lebens, muss ein Dichter und auch ein Schauspieler einen Platz finden, bei dem sich beide Seiten in der Waage halten. Natürlich kann man die Aufführung eines schlechten Stückes mit allerhand Wundermaschinen versilbern, doch nicht das Stück wird dadurch besser, die Zuschauer sind nur vom verdorbenen Kern des Stückes abgelenkt durch eine allzu grelle Schale. Im Schauspiel ist es wie zwischen Schülern und Lehrer. Zwar muss der Lehrer den Schülern höhere Dinge vermitteln, jedoch bedient sich ein guter Lehrer dabei Beispiele, die dem Leben der Schüler näher sind, ohne jedoch das höhere Prinzip zu vergessen. Und trotz aller Abhängigkeit und Verwandtschaft bleiben Dichtkunst, Gesang, Schauspiel und Tanz der innere Kern eines Stückes.


  • Du meinst sicher die Satelliten, welche aufgezählt werden, oder?


    Fragte ich, um eigentlich gleich auf diese Frage die Antwort zu geben. Sdgasdfi sdfhisdhfhisd duhfhdf


    Hintern ihnen verstecken sich Verweise auf diverse ägyptische Gottheiten, welche jedoch nur schwer zu entziffern sind. Amun ist der alte ägyptische Gott der Luft und des Lebensatem. Mit Amunith ist Amaunet, sein weiblicher Aspekt gemeint. Mit Nun und Nauni sind die beiden Aspekte des ägyptischen Gottes des Urwassers gemeint, also Nun und Naunet. Hinter He und Ho verbergen sich Heket, die ägyptische Göttin der Geburt, und Horus, der ägyptische Gottesherrscher und Lichtgott und zudem auch Beschützer der Kinder. Cho meint Chons, den ägyptischen Schutz und Mondgott, und Chuch meint Schu, den ägyptischen Gott der den Himmel davon abhält auf die Erde zu stürzen.*


    Wie du jedoch siehst handelt es sich hierbei um keinen leichten Text und selbst die Priester zerbrechen sich den Kopf, welche Gottheit hier gemeint seien könnten und welcher tiefere Sinn hinter jeder Zeile steckt. Dies hier sind also meine Vermutungen zu diesem Thema.


    Sicher ist dir auch aufgefallen, dass hier sowohl männliche, als auch weibliche Götter in einem Gott stecken und, dass der Name Serapis selbst keine Erwähnung findet. Auch dies beschäftigt nicht wenige Menschen. Ich vertrete hier den Ansatz das sich hinter Serapis, und auch Isis, noch ein weiterer Gott verbirgt. Dessen Logos** für uns Menschen jedoch nicht begreifbar ist, welcher aber hinter allen Dingen steht, eben auch hinter Serapis und Isis, steht.



    Sim-Off:

    * Man findet die Namen selten direkt, also ist mehr oder weniger all dies auf meiner Vermutung entstanden, besonders letzter Satz ist extrem spekulativ.


    ** Hier greife ich auf eine stoische Interpretation zurück. Für die Stoiker war der Logos sowohl der Begriff, als auch der Sinn, die Logik, einer Sache.

  • "Also ist im Grunde des System der beiden Prinzipien, männlich und weiblich, das Zerrissene und das Zusammenflickende, auch nur die Ausartung eines einzigen, ursprünglichen göttlichen Prinzips? Also sind alle Götter nichts als Ausprägungen dieses einen göttlichen Wesens?" Nikolaos hatte diesen Gedanken nicht für sein Weltbild übernommen, er bewegte sich nur bei diesem Gespräch innerhalb dieses logischen Rahmens, was durch eine leichte Skepsis, die seiner Stimme mitschwang, erkennbar war. Er nahm diese, für ihn völlig neuen, Gedanken auf wie man ein vorher nicht gekanntes Getränk probiert. "So sind vielleicht die Sterblichen selbst und alles andere, was auf dieser Welt lebt, auch nur Ausprägungen des einen Urgottes, wenn auch auf der niedersten Ebene, unterhalb der der anderen Götter, noch weiter unterhalb der beiden Prinzipien Isis und Sarapis?", fragte Nikolaos. Das war selbstverständlich keine Frage nach Wissen, sondern nach Meinung und Anschauung.

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