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Ausgabe vom ANTE DIEM XIII KAL OCT DCCCLVII A.U.C. (19.9.2007/104 n.Chr.)
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Die Abwicklung eines Aufstands

er Aufstand in Hispania sorgte vor Monaten im ganzen Reich für Gesprächsstoff. Auch die Leser dieser Zeitung hatten die Gelegenheit, durch die Reiseberichte des Auguren Annaeus Sophus die dramatischen Ereignisse mitzuerleben. Das Ende des Aufstands darf daher als bekannt vorausgesetzt werden; die juristische Abwicklung soll hier geschildert werden.

Dass diese ein wenig auf sich warten ließ, war nicht allein dem langwierigen Transport der siegreichen Cohortes Praetoriae mitsamt ihrer Gefangenen zurück nach Rom geschuldet. Einer der beiden Rädelsführer der Rebellion, Appius Helvetius Sulla, war beim Sturm auf Corduba auch derart schwer verletzt worden, dass es eine ganze Weile dauerte, bis er im Valetudinarium der Corhortes Praetoriae so weit wiederherstellt worden war, dass er am ANTE DIEM XV KAL AUG DCCCLVII A.U.C. (18.7.2007/104 n.Chr.) dem Iudicium Imperialis vorgeführt werden konnte. Die zahlreichen Besucher der öffentlichen Verhandlung in der Basilica Ulpia konnten sich darüber hinaus davon überzeugen, dass das Iudicium Imperialis sowohl gegen Helvetius Sulla als auch gegen seinen Mitverschwörer Decimus Pompeius Strabo, gegen den in einem gesonderten Verfahren verhandelt wurde, einen sauberen, rechtmäßigen Prozess anstrebte, in den von den Beteiligten sicherlich einiges an Vorbereitung investiert worden war.

Diese Prozessbeteiligten waren in beiden Verfahren die gleichen, nämlich Decimus Mattiacus als Vertreter der Anklage, Caecilius Crassus als Iudex Prior in Vertretung des Imperator Caesar Augustus, Octavius Victor als Iudex und Tiberius Durus als Verteidiger. Ebenso wie diese Prozessbeteiligten glichen sich auch die Punkte, die den beiden Angeklagten jeweils zur Last gelegt wurden, fast gänzlich. Der Schwerwiegendste war sicherlich der Vorwurf des Hochverrats gemäß § 64 des Codex Iuridicialis.

Wer nun von diesen ähnlichen Rahmenbedingungen der beiden Verfahren gegen die Angeklagten auf einen analogen Verlauf der Prozesse geschlossen hatte, sollte sich getäuscht sehen. Schon während des Aufstands selbst hatte sich ja das unterschiedliche Temperament der beiden deutlich gezeigt, und dieses wirkte sich nun auch auf das Geschehen in der Basilica Ulpia aus.

Die Eröffnung ihrer Prozesse erlebten beide Angeklagte in einem Nebenraum dieses Gebäudes, so dass sie jeweils eigens aufgerufen und dann in den Gerichtssaal hineingeführt werden mussten. Bei Helvetius Sulla war dies schon kurz nach Beginn der Verhandlung der Fall. Wie sein Verteidiger nämlich verkündete, hatte sich der ehemalige Magister Scriniorum von Baetica entschieden, seine Verteidigung selbst zu übernehmen; offenbar wollte er sich diese wohl letzte Gelegenheit zu einem öffentlichen Auftritt nicht nehmen lassen. Und so verwunderte es auch nicht, dass er seine erste und ausführlichste Rede selbst als "politisches Testament" bezeichnete und die Anklagepunkte kaum streifte. In dieser sowie in seinen späteren Ausführungen war es sein Anliegen, seinen Mitangeklagten Pompeius Strabo zu belasten, sich selbst aber edel klingende Motive zuzuschreiben, nämlich die Befreiung Hispanias von einer als unfähig und korrupt empfundenen Provinzregierung, vor allem aber die Abschaffung des kaiserlichen Systems im Imperium Romanum.

Dies alles wurde zusammen mit Ausfällen gegen das Iudicium Imperialis auf das Leidenschaftlichste von einem Mann vorgetragen, der bei seiner militärischen Niederlage seinen rechten Arm verloren hatte und von seiner langen Haft schwer gezeichnet war. Dennoch bekräftigte er noch in seinem Schlussplädoyer, dass er trotz allem noch einmal so handeln würde, wie er es getan habe, würde er noch einmal die Möglichkeit dazu erhalten.

Einen weniger leidenschaftlichen Eindruck machten in diesem Prozess die anderen Beteiligten. Sicherlich tat die Anklage alles dafür, das Verfahren nach allen Regeln des Rechts ablaufen zu lassen. Mit der Auswahl der Zeugen hatte sie jedoch nicht immer eine glückliche Hand. Der jetzige Duumvir von Tarraco und vormalige Sacerdos Annaeus Domitianus vermochte zwar, ein anschauliches Bild von den fraglichen Vorgängen in Baetica zu vermitteln, wobei er Decimus Strabo als charismatischen Antreiber, Helvetius Sulla aber als eigentlichen Kopf dieser Machenschaften identifizierte; allzu deutlich war ihm allerdings ein wohl schon persönlicher Hass auf den Angeklagten Helvetier anzumerken. Dass danach auch noch Decimus Strabo in den Zeugenstand berufen wurde, empfanden nicht nur viele als überraschend, sondern es erwies sich auch als fruchtlos, da dieser Zeuge die Aussage vollends verweigerte.

In seinem eigenen Prozess hatte sich der Pompeius wortgewandter präsentiert, so dass zumindest stellenweise etwas von dem charismatischen Anführer aufschien, als der er bezeichnet worden war. In diesem Verfahren hatte der Verteidiger Tiberius Durus selbst die Möglichkeit, das Wort für seinen ihm Anbefohlenen zu ergreifen. Der Tiberier ließ dabei keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten, plädierte aber auf Schuldunfähigkeit wegen Wahnsinns. Und genau diese Rolle suchte Pompeius Strabo auch dem Gericht und den Zuschauern vorzuspielen, als er dann in den Verhandlungssaal geführt wurde. Bald aber schien ihn selbst diese Rolle zu langweilen, ihn, der sich in einer nun folgenden längeren Rede ohne die geringsten Anzeichen geistiger Umnachtung zu seinen Beweggründen äußerte und damit die Bemühungen seines Verteidigers konterkarierte. Dabei bestätigte sich der Eindruck, den Annaeus Domitianus in seiner Zeugenaussage im Prozess gegen Helvetius Sulla zu Protokoll gegeben hatte: Anders als dem ehemaligen Magister Scriniorum war es dem vormaligen Duumvir und Comes Pompeius Strabo nicht so sehr um einen intellektuell vorbereiteten völligen Umsturz des politischen Systems des Imperiums zu tun gewesen, sondern hauptsächlich darum, der von ihm zutiefst verachteten Provinzregierung das Handwerk zu legen. Pompeius Strabo gab sich vor Gericht sogar insofern geläutert, als er nun ausdrücklich an den Kaiser wegen der Zustände in Hispania appellierte und eine eigene Anklage gegen den damaligen Proconsul Matinius Agrippa formulierte. Diese Einsicht - ob nur zur Schau gestellt oder echt - kam dem Angeklagten reichlich spät; eine zeitige Hinwendung an den Imperator hätte das Leben vieler Menschen geschont.

Da in beiden Verfahren die jeweiligen Angeklagten ihre Schuld mehr oder weniger deutlich, teilweise sogar mit Überzeugung eingestanden hatten, konnte es niemanden verwundern, dass sie in jeweils allen Anklagepunkten schuldig gesprochen wurden. Die Strafe lautet in beiden Fällen auf Tod durch Erdrosseln. Wie aus der Castra Praetoria zu hören war, ist die Seidenschnur schon gespannt.