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Titus Fabius Torquatus

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28.12.2017 19:59

Alexandria.

Gedankenverloren starrte Titus auf das Impluvium, das inmitten des Atriums den seltenen Dezemberregen einfing. Das taktvolle Plätschern führte den jungen Fabius in eine Art Trance, die seine innere Unruhe trotz ihrer natürlichen Wohligkeit nicht gänzlich verdrängen konnte. Vor vielen Jahren schon beschlich ihn ein Gefühl der Angst, das er weder hinsichtlich seines Ursprungs noch seiner genauen Bedeutung zufriedenstellend deuten konnte. War es die Angst, seinen Vater zu enttäuschen? War es die Angst, womöglich ein Leben zu führen, zu dem er nicht im Stande war? Oder war es schlichtweg die Angst, die jeden Heranwachsenden beschlich und somit auch nichts Außergewöhnliches darstellte? Von Tag zu Tag schien sich dieses Gefühl immer weiter auszubreiten, als würde Arachne ihre Netze in seinen Adern spinnen. Allmählich trieb es ihn in eine Enge, aus der kein Ausweg ersichtlich war. Mit wem sollte er darüber sprechen? Seine Mutter war nur noch ein dunkler Schimmer seiner Erinnerungen, die selbst in seinen phantasievollsten Träumen keine konkrete menschliche Gestalt mehr annehmen konnte. Sein Vater war all das, was er nicht sein konnte, oder nicht sein wollte. Zögerlich und schwach hatte er Titus genannt, sogar weibisch hatte er ihn in seiner Trunkenheit gerufen. Vielleicht war es die Eigenart ambitionierter Väter, ihre Söhne als Abbild ihrer selbst zu sehen und sie in die Pflicht zu nehmen. „Werde endlich ein Mann“ hatte er gefordert, als er ihn zurück nach Alexandria geschickt hatte, um die endgültige Abkehr der Familie vom provinziellen Leben zu regeln, während er selbst in Rom seine Karriere vorantrieb. So recht konnte Titus sich nicht ausmalen, wie diese Mannwerdung zu bewerkstelligen war. Während sein Vater als Tribun der Classis seit jeher militärischen Drill und soldatische Ordnung vorlebte, war Titus diese Welt der kriegerischen Glorie völlig fremd. Wie sollte er in einer Disziplin bestehen, in der Gehorsam und der Umgang mit dem Gladius seine geistigen Fähigkeiten in die Bedeutungslosigkeit verbannten? Wie sonst sollte er zum Mann reifen? War es vielleicht gar nicht das Militär, das ihn in den Augen seines Vaters formen sollte? Was genau sollte er hier vorfinden, das ihn zum Mann werden ließ?

Urplötzlich wurde Titus aus seinen Träumereien gerissen, als er ein geräuschvolles Stapfen im Vestibulum vernahm. Noch immer auf der Kline liegend, mit dem Rücken zum Eingang gewandt, konnte Titus nicht sehen, wer die Domus Fabia betreten hatte, aber schon die Schritte des Eindringlings genügten um seine Identität festzustellen. Es handelte sich um Tamos, der seinem Vater seit jeher als Haushälter der Domus gedient hatte und nun der letzte Verbliebene im vormals üppigen Sklavenbestand der Familie war. Alle anderen Sklaven hatte Titus auf den Fremdenmarkt verkauft, oder vielmehr verkaufen lassen. Tamos war ein kleiner dicklicher Mann mittleren Alters, dessen genaue Herkunft Titus nicht kannte. Zweifellos war er Grieche, lebte aber schon immer in Ägypten. Zuvor hatte er im Hause eines reichen Gewürzhändlers gedient, bevor sein Vater ihn nach dessen Ableben auf dem Fremdenmarkt ersteigert hatte. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Leben des Hausdieners schien Titus aber nicht lohnenswert, immerhin konnte eine solche seinen eigenen Weg wohl kaum erhellen. Manchmal beneidete er den einfachen Sklaven, dem es trotz seiner unterlegenen Stellung in guten Häusern an nichts mangelte und dem die Bürde der Eigenverantwortung nicht anlastete.

Vorsichtig näherte sich Tamos seinem Herren und baute sich neben der Kline auf, während ihn Titus weiterhin keines Blickes würdigte.

“Mein Herr?“, bat er leise um Titus‘ Aufmerksamkeit, der sogleich sparsam nickte. “Ich habe den restlichen Bestand an Vasen, Geschirr und Skulpturen auf dem Markt verkauft. Die Domus habe ich einem Farbhändler aus Paphus versprochen. Ein vertrauenswürdiger Mann aus gutem Hause.“
“Gut, dann können wir endlich nach Rom aufbrechen.“, entgegnete Titus zufrieden
“Mein Herr?“
“Was ist denn noch?“, fragte der junge Fabius nun schärfer und blickte zum dicklichen Griechen.
“Die letzten Handelsschiffe haben bereits am Hafen angelegt. Die Handelswege liegen brach, bis der Frühling kommt.“
“Was genau willst du mir damit sagen? Soll ich hier…?“ Ungläubig und mit glühenden Augen starrte Titus dem Sklaven entgegen. Hatte ihn sein Vater wirklich in dem Wissen zurückgeschickt, dass er hier wochenlang alleine ausharren sollte? Für Titus war die Fahrt nach Rom seine erste Überfahrt gewesen, an die er sich auch selbst erinnern konnte. Weder kannte er die Gepflogenheiten der Schifffahrt, noch die Gefahren des Meeres, über das Poseidon wachte. Welchen Sinn hatte es, dass er nach Alexandria zurückgekehrt war, wenn er seinem Vater für lange Zeit nicht folgen konnte? Wut und das Gefühl der Bedeutungslosigkeit machten sich in ihm breit, während sein Blick noch immer an Tamos haftete. Ganz sicher würde er hier nicht alleine verharren. Also sollte Tamos eine Lösung finden und eine Überfahrt organisieren.
“Dann finde gefälligst ein Schiff, das nicht im Hafen ruht!“
“Ich…ja…ja, mein Herr.“, antwortete Tamos zögerlich und wandte sich eiligen Schrittes ab.

Noch immer plätscherten die dicken Regentropfen in das Auffangbecken und kündigten die kühlste Jahreszeit in der trocken-warmen Provinz an, während Titus sich unruhig von seiner Kline erhob und frustriert durch das Atrium wandelte.


28.12.2017 19:59 Titus Fabius Torquatus ist offline E-Mail an Titus Fabius Torquatus senden Beiträge von Titus Fabius Torquatus suchen Nehmen Sie Titus Fabius Torquatus in Ihre Freundesliste auf
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30.12.2017 20:01

Die Zeit schritt beständig und rücksichtlos voran, während Titus sein einsames Dasein fristete. Er konnte nicht genau eruieren, wie viel Zeit vergangen war, nachdem Tamos das Haus verlassen hatte, um ein Schiff für seine Überfahrt zu finden. Titus wandelte indes von Atrium zu Cubiculum, von Cubiculum zu Triclinium, von Triclinium in den üppigen und farbenfrohen Hortus – und wieder zurück. So recht wusste er nichts mit seiner Zeit anzufangen, obwohl ihm gleichsam das zehrende Gefühl beschlich, Zeit zu verlieren. War Untätigkeit ein Frevel oder nur die natürliche Bestimmung eines jungen Mannes seines Standes, der noch nie selbst für etwas sorgen musste? Persönlich nach einem Schiff zu suchen kam Titus nicht in den Sinn, immerhin würde eine solch triviale und inhaltslose Beschäftigung wohl kaum zu seiner geistigen oder körperlichen Reife beitragen. Und wofür gab es wohl Bedienstete, wenn nicht für solche Tätigkeiten? Sein Vater konnte wohl kaum der Ansicht sein, dass kochen, spülen, putzen, einkaufen oder sonstige Hausarbeit zur Mannwerdung beitragen konnten. Es gab eben Menschen die führten und Menschen die geführt wurden – eine natürliche Weltordnung, eine simple Relation, die sich göttergegeben seit Jahrhunderten bewährt hatte. Also warum sollte er solche Dinge in Frage stellen?

Titus war ein guter und eifriger Leser, studierte die Schriften bekannter Philosophen und hatte bisweilen festgestellt, dass selbst die gelehrigsten und geistreichsten Denker kaum zu unwiderleglichen Feststellungen neigten – oder schlichtweg nicht zu solchen im Stande waren. Selbst Lucius Annaeus Seneca, der erst vor wenigen Jahrzehnten das Verhältnis zur Sklaverei eigenwillig interpretiert hatte, forderte humane Zuwendung, zweifelte aber zu keinem Zeitpunkt an dieser göttergegebenen Weltordnung. “Du sollst mit deinem Untergebenen so leben, wie du wünschst, dass dein Vorgesetzter mit dir lebe. Sei gütig und höflich zu deinem Sklaven, beziehe ihn in die Unterhaltung ein, gib ihm Zutritt zu deinen Besprechungen und Gelagen“, zitierte Titus, die Stille des Atriums durchbrechend. Der junge Fabius versuchte stets diese Lehre zu berücksichtigen, wenngleich er an der Wirkung solcher Bemühungen in einigen Fällen zweifelte. Schließlich konnte es wohl kaum im Sinne Senecas sein, einer Seele Unterhaltung und Konversation zuteilwerden zu lassen, die recht einfach gestrickt oder gar von irrsinnigem Geiste war. Aber wenn selbst ein Gelehrter wie Seneca diese Weltordnung nicht anzweifelte, warum sollte dann er, gerade er, seinen von den Göttern zugewiesenen Platz nicht einnehmen? Es war also eigentlich ganz einfach: Tamos organisierte das Schiff und er verblieb indes in der heimischen Casa.

Titus‘ Gedanken wanderten zu Glaucus, seinem Custos Corporis und treuem Begleiter. Vielleicht konnte Glaucus ihm etwas Unterhaltung bieten, also rief er ihn eilig herbei. “Glaucus!“ Glaucus war ein Mann von beachtlicher Statur, athletisch, trainiert, furchteinflößend. Er war ein Krieger, hatte aber auch einen scharfen Intellekt, was Titus besonders an ihm schätzte. In gewisser Weise war er für seine Position verschwendet, aber der junge Fabius gab sich alle Mühe auch Glaucus‘ geistreiche Seite mit intelligenten Gesprächen zu bedienen. Er war außerdem gutaussehend, trug einen gepflegten Bart und langes schwarzes Haar. Zumindest war er all dies in Titus‘ Vorstellung. Ab und an beneidete Titus ihn ob dieser Vollkommenheit.

Treu und ergeben trat Glaucus neben Titus und ließ sich auf der Kline nieder, die sein Herr für ihn bereitgestellt hatte. “Glaucus…“, seufzte der junge Fabius. “Ich bin erschöpft. Erschöpft von quälenden Gedanken…über mich und meinen Vater. Warum hat er mich zurückgeschickt? Warum? Was soll ich hier, wenn es nur darum geht, unseren Hausbestand zu versilbern? Meine einzige Aufgabe besteht darin zu warten…zu warten bis alles erledigt ist, zu warten bis nun ein Schiff gefunden wird.“ Verzweifelt senkte Titus den Kopf.

“Gräme dich nicht, mein junger Herr. Dein Vater ist ein Tor. Er glaubt, er wäre ein großer Mann, aber er ist nur ein Mann voller Größenwahn und Arroganz“, entgegnete Glaucus ruhig und voller Überzeugung. Einen Moment später spürte Titus eine Hand auf seiner rechten Schulter. “Dein Vater ist egomanisch, impulsiv und rücksichtslos. Du dagegen bist geistreich und belesen, kreativ und einfallsreich. Dereinst wird der Tag kommen, an dem dein Vater an seinem Opportunismus zu Fall geht und du dich aus seinem Schatten erheben wirst.“

Ungläubig starrte Titus zu Glaucus, dann wieder nachdenklich auf das Impluvium. “Aber…“, versuchte Titus zu erwidern und musste dabei feststellen, dass Glaucus bereits wieder verschwunden war.


30.12.2017 20:01 Titus Fabius Torquatus ist offline E-Mail an Titus Fabius Torquatus senden Beiträge von Titus Fabius Torquatus suchen Nehmen Sie Titus Fabius Torquatus in Ihre Freundesliste auf
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