• Lucia war sich noch nicht sicher, was sie vom germanischen Frühling halten sollte. Noch war er nicht wirklich angebrochen, die Bäume waren noch kahl, der Boden noch braun und matschig und die Temperaturen schwankten zwischen gerade so erträglich und eiskalt. Aber allein dass der Schnee wegtaute erfreute sie. Es war ein seltsames Gefühl sich über die Abwesenheit von etwas unangenehmen zu freuen und nicht über die Anwesenheit von etwas Angenehmen.
    Nichts desto trotz weckte die langsam aus ihrem Schlaf erwachende Natur auch Lucias Lebensgeister und sie hatte sich ein Projekt ergattert. Sie wollte die Regia wieder ansehnlich machen! Sie hatte kein grandioses Budget dafür, aber ein Ziel vor Augen. Die Front musste gesäubert werden, sie benötigte Ausbesserungsarbeiten und einige Verzierungen und Verschönerungselemente. Gemeinsam mit dem Majordomus saß Lucia an einem Tisch über einer Zeichnung der Front des Gebäudes. Sie unterhielten sich über verschiedene Möglichkeiten, als ein Gast angekündigt wurde.
    „Bringt ihn herein!“, forderte Lucia. Sie stand auf, strich sich ihre Tunika glatt und rückte ihr Schultertuch zurecht. Mit einem strahlenden Lächeln empfing sie Iunius Seneca: „Was für eine schöne Überraschung Willkommen!“

  • "Tiberia Lucia!" grüßte Seneca die Dame des Hauses aufrichtig zurück, die Eskorte hatte er natürlich im Eingangsbereich stehen lassen, im warmen wohlgemerkt, aber dennoch weit außerhalb jeglicher privater oder familiärer Räumlichkeiten...
    "Germanien scheint deinem Charme keinen Abbruch zu tun." komplimentierte der Iunier höflich und lächelte, während er bereits die etwas abgenutzte Botentasche samt Inhalt in der Hand hielt und damit signalisierte, dass sein Besuch etwas mit eben jener Tasche zutun hatte, ohne den Eindruck etwas negativen und unschönen vermitteln zu wollen.

  • Das eingeübte Strahlen auf Lucias Lippen wurde mit Senecas Worten weicher und wirkte dadurch ehrlicher und wärmer. „Dem deinen aber auch nicht. Komm setz dich!“ Mit einer einladenden Geste bat Lucia ihn an den Tisch. Der Majordomus raffte eben noch die letzten Zettel zusammen und entfernte sich möglichst unauffällig. Auch Lucia ließ sich wieder auf den Stuhl sinken.
    Ihr Blick streifte neugierig die Tasche in Iunius Händen, doch zunächst musste der Höflichkeit genüge getan werden: „Was möchtest du trinken? Wein? Wir haben auch Met oder Bier, wenn dir das lieber ist.“, während sie sprach winkte Lucia mit einer grazilen Geste eine Sklavin herbei, damit diese sogleich den Wunsch des Gastes ausführen konnte.
    „Wie geht es dir?“, stellte Lucia schließlich die letzte höfliche Frage, die nötig war bevor sie zur Sache kommen konnten. Sie wirkte dabei jedoch keineswegs ungeduldig, eher ehrlich interessiert.

  • Mit einem Lächeln quittierte Seneca die Worte der Tiberia und nahm wie angeboten Platz, nur um sich kurz darauf mit der Wahl eines Getränkes konfrontiert zu sehen, "Etwas verdünnter Wein wäre nicht schlecht, mit den germanischen Getränken werde ich nicht wirklich warm." kommentierte Seneca die Getränkeauswahl, schließlich war man ja hier unter Römern, zumindest solange Vala nicht im Haus war.
    Nachdem die Sklavin seinem Wunsch nachgekommen war und sein Blick vom Becher wieder auf die Tiberia wanderte, fuhr er fort "Ich kann nicht klagen. Seiana ist hochschwanger, was in ihrem Alter immer mit einem gewissen Risiko verbunden ist aber es geht ihr ausgesprochen gut. Der Medicus denkt es wird ein Junge. Ich hoffe dir geht es ebenfalls gut?" fragte Seneca höflich und wartete gespannt die Antwort ab bevor er zur verwitterten Tasche griff.
    "Der Grund warum ich hier bin..." er griff eine Schriftrolle aus dem Lederbeutel "Wir wissen nicht genau wo der Bote hin ist oder wann die Tasche verschollen ging aber wir haben alle Briefe per Militärpost nach Rom gesandt. Alle bis auf einen." merkte er an und reichte die etwas zerknitterte Rolle rüber "Da ich beide Personen der Korrespondenz gut kenne wollte ich den Brief erstmal zurück zur Absenderin bringen bevor es nach langer Zeit zu Konfusion kommt."

  • Lucia nickte bestätigend auf die Getränkewahl, als hätte sie selbst auch garantiert nichts anderes genommen. Inzwischen war ihr jedoch der Met schon ziemlich ans Herz gewachsen. Das Honig-Getränk bekam bei ihr in letzter Zeit immer häufiger den Vorzug vor dem typisch römischen verdünnten Wein. Jetzt signalisierte sie der Sklavin jedoch, dass sie das gleiche wollte.


    „Mögen Alemona und Parca euch gewogen sein““, wünschte Lucia den beiden von Herzen. „Richte Seiana doch bitte aus, dass sie sobald es ihr gut genug geht mich und meine Kleine jederzeit mit eurem Sohn besuchen kann. Ich würde mich freuen!“ Lucia war zwar nicht klar, woher der Medicus wissen wollte, dass es ein Junge wird, aber vielleicht gab es ja Anzeichen die ihr unbekannt waren.


    Es ging tatsächlich um die alte Tasche. Lucia beobachtete neugierig, wie Seneca eine Schriftrolle herausholte. Ihre Augenbrauen hoben sich, als er meinte ein Brief wäre nicht weiter verschickt worden. Was hatte das mit ihr zu tun? Sie nahm interessiert die Rolle entgegen und las Absender und Adressat. „…zu Konfusion kommt.“ Hallten Senecas Worte in Lucias Kopf nach. „Deshalb hat er nicht geantwortet!“, sprach Lucia ihren ersten Gedanken laut aus. Ihre Stimme klang überrascht und erleichtert zugleich. Dann wurde ihr Mund aber trocken. Warum hatte Seneca nicht auch diesen Brief einfach weiterversandt? Hatte Vala mit ihm geredet? Hatte er selbst die gleichen falschen Schlussfolgerungen gezogen? Lucia blickte kritisch zu Seneca auf und versuchte in seinem Gesicht die Absicht hinter dieser Tat zu lesen.

  • "Ich danke dir. Und selbstverständlich richte ich ihr deine Grüße aus. Ob es ein Junge wird wissen bisher natürlich nur die Götter. Der Medicus hat es lediglich vermutet. Irgendwas mit der Bauchdecke aber wer weiß das schon." beschwichtigte der Iunier, denn bei einer Chance von 50 zu 50 sagte wohl jeder der auf ein Gehalt angewiesen ist gerne mal das besserklingende um ein paar Münzen extra als Aufmerksamkeit überreicht zu bekommen. Seneca selbst wäre ein Sohn freilich ganz recht, schließlich hatte er in Silana schon eine wunderbare Tochter, doch zur Erbin und Bewahrerin der Linie eignete sie sich natürlich nicht.


    Als er Lucia den Brief überreichte versuchte er in ihrer Körpersprache zu lesen. Doch die Zeit bei den Prätorianern lag mittlerweile so lange zurück, dass sich Seneca schnell eingestehen musste nicht mehr ganz in der Übung zu sein wenn es um Mikroreaktionen ging und sich auf das gute alte erfragen verlassen musste. Er dachte auch gar nichts schlechtes, schließlich kannte er gerade seinen Cousin wie einen Bruder und würde ihm keinerlei Intentionen hinsichtlich der Tiberia unterstellen doch interessant war es irgendwie schon...
    "Wie es scheint. Mir war gar nicht bewusst, dass ihr euch kennt. Wir stehen recht regelmäßig in Kontakt musst du wissen. Ich hoffe du verzeihst, dass ich den Brief nicht einfach so nach Rom schicken wollte. Die Götter wissen wie lang diese Tasche unter Schnee und Laub begraben lag."

  • Lucias Mundwinkel zuckten, als sie sich unweigerlich an das Kennenlernen mit Avianus erinnerte. „Es ist ja auch sehr untypisch und eigentlich sehr amüsant.“, gestand Lucia ein und drehte die Schriftrolle unruhig in ihren Händen. Sie wollte gerne ein paar der lustigen Geschichten erzählen. Bisher wussten nur ihre drei besten Freundinnen von dem amüsanten Kontakt mit dem Soldaten Avianus. Alle drei hatten sich dumme Kommentare nicht verkneifen können. Und wenn schon ihre Freundinnen auf solche Gedanken kamen, wollte sie einem Mann lieber keinen Floh ins Ohr setzen. Am Ende sprach er dann doch noch mit Vala, auch wenn es aktuell nicht so aussah, als ob er das schon getan hätte.
    „Wenn ich mich recht entsinne habe ich diesen Brief vor sechs oder sieben Monaten abgeschickt.“, versuchte sie bei der Klärung zu helfen, wie lange diese Tasche schon herumliegen musste. Auch wollte sie sich mit dieser Aussage ein wenig Zeit verschaffen, in der sie überlegte, was sie nun erzählen sollte und was nicht. Nachdenklich zupfte sie am Siegel. Es schien nicht gebrochen worden zu sein. Fast schade, wenn Seneca den Inhalt gelesen hätte, wüsste er, dass darin nichts Verfängliches stand. Aber wenn sie jetzt zu defensiv wurde könnte er sonst was denken und wenn sie zu offensiv wurde ebenfalls. Wieder bekam Seneca einen fragenden Blick ab.
    „Wann hast du denn zuletzt etwas von Avianus gehört?“, wollte Lucia unverfänglich fragen und verwendete natürlich den Cognomen. Das war dumm. Welche Frau von Stand nannte einen Soldaten schon bei seinem Cognomen, wenn da nichts war? In Lucias Kopf konnte sie gerade wirklich nichts richtig machen.

  • "Die meisten Dinge die mit meinem Verwandten zutun haben sind amüsant. Was hat er diesmal wieder angestellt?" rutschte es dem Iunier raus, schließlich hatte er ein inniges Verhältnis zu Avianus welches sich auch aus ständigen Seitenhieben speiste welche er sich auch tausende Meilen entfernt von Rom nicht verkneifen konnte, zumal sich Avianus ja auch nicht wirklich wehren konnte.
    Bis hierhin schwante Seneca noch nichts übles und er nahm die Verbindung einfach als eine zufällige Freundschaft hin welche sich wie auch immer entwickelt hatte ohne jegliche unziemlichen Hintergedanken zu unterstellen.
    Die Tiberia schien jedoch immer nervöser zu werden was den Iunier nach und nach in leichtes Zweifeln über die Intentionen Lucias brachte, sodass er sichtlich konzentrierter wurde und den Worten der Tiberia auch mehr Gewicht und Interpretationsspielraum zugestand...
    "Oh, eine ganze Weile her also." kommentierte Seneca knapp und lächelte dabei kurz bevor er als Reaktion auf ihre Frage die Augenbrauen hob und kurz abwägend die Lippen verschob "Es ist nun auch schon etwas her, allerdings war der Postverkehr durch den Winter auch etwas eingeschränkt. Ich sollte ihm aber mal wieder schreiben." antwortete Seneca und bemerkte gar nicht, dass auch diese Worte von der Tiberia als etwas verdächtig gedeutet werden konnten und sich beide somit unbewusst immer tiefer in den Sumpf aus Missverständlichkeiten hineinbewegten.

  • Wieder zuckten Lucias Mundwinkel. Seneca schien seinen Verwandten sehr gut zu kennen und aus ähnlichen Gründen wie Lucia zu schätzen. Jetzt wo er so direkt gefragt hatte, konnte Lucia gar nicht mehr anders als von ihrem ersten Treffen zu berichten. Sie legte den Brief beiseite und nahm einen Schluck Wein, ehe sie zu sprechen anfing: „Erinnerst du dich noch, als in Rom die Lotterie eingeführt wurde? Meine alte Freundin Manlia wollte unbedingt teilnehmen, wodurch ich auch dazu verpflichtet war.“ So hatte es tatsächlich angefangen. Die ersten zwei Male waren die Lotteriebesuche von Manlia ausgegangen, danach hatte Lucia häufig die Initiative ergriffen und war manchmal sogar alleine gegangen, um eine neue Wette abzuschließen. „Im Grunde hat Avianus überhaupt nicht getan, es war vielmehr sein Kollege. Die beiden hatten die Wache am Tor und sein Kollege… wie hieß er nochmal… wir haben uns so lange über ihn aufgeregt, dass ich eigentlich dachte den Namen nie zu vergessen und jetzt ist er mir doch entwischt.“ Lucia schüttelte den Kopf. „Nunja, die andere Wache war etwas zu begierig meine Freundin und mich zu durchsuchen. Manlia hatte darauf ihren Fächer gezückt und dem Mann damit eine übergezogen. Die Situation war ziemlich angespannt, bis Avianus durch einen eigentlich unangebrachten Kommentar das alles ins amüsante zog.“ Lucia schmunzelte bei der Erinnerung. „Die Geschichte war anscheinend nicht nur für uns unvergesslich, denn ab diesem Zeitpunkt kannten uns viele der Wachen, wenn wir wieder dort hinkamen. Ich fand das recht ungerecht. Jeder schien meinen Namen zu kennen und ich hatte zu diesem Zeitpunkt nur den Namen der anderen Wache mitbekommen. Als wir uns also zufällig nochmal am Tor begegneten habe ich Avianus so lange gefoltert, bis er mir seinen Namen preisgab. Ich hatte einen riesen Spaß an unserem Wortduell.“ Lucia grinste nun. „So hab ich deinen Verwandten kennengelernt. Ich hatte bis eben übrigens nie die Verbindung zwischen dir und ihm gezogen. Wie steht ihr den zueinander?“

  • "Das klingt ganz nach Avianus!" kommentierte Seneca das gesagte grinsend und trank ebenfalls einen Schluck "Schon interessant wie sich die Verbindungen ziehen. Ich hoffe doch ihr zwei habt in der Lotterie gewonnen?" fragte Seneca aufrichtig interessiert nach auch wenn er nicht wirklich damit rechnete das eine Tiberia den Lotteriegewinn nötig gehabt hätte.
    Als sie auf seine Verbindung zu Avianus zu sprechen kam nach er noch einen Schluck und entgegnete mit einem "Hm!" bevor der letzte Schwall Wein den Weg in den Bauch gefunden hatte. Er stellte den Becher ab und begann dann wieder human in ganzen Sätzen zu sprechen...
    "Avianus ist eigentlich mein Cousin." fing er an und presste dann die Lippen kurz aufeinander "Ich hatte ihn dann eine ganze Weile nicht gesehen aber als er nach Roma kam wurden wir schnell gute Freunde. Mittlerweile sind wir fast wie Brüder. Ich weiß nicht ob dein Mann dir je erzählt hat wie genau es zu meiner Ehe kam aber Avianus stand mir stets zur Seite, weshalb ich auch heute noch versuche einen möglichst engen Kontakt zu ihm zu pflegen."

  • „Ich habe sogar mehrmals gewonnen.“, gestand Lucia mit einem peinlich berührten Grinsen ein. „Manlia hat irgendwann aufgehört zu spielen, nachdem ich das erste Mal den Hauptgewinn bekommen hatte. Sie war überzeugt, dass wir Fortuna nicht überbeanspruchen sollen. Ich hab dennoch weitergespielt.“ Lucia wirkte bei diesen Worten leicht verlegen. „Ich dachte mir, wenn ich einmal gewinnen kann, kann ich doch einen Teil des Gewinns wieder einsetzen.“ Wohl das typische Denken eines Spielers, auch wenn sich Lucia dessen nicht voll bewusst war. „Und tatsächlich habe ich ein nicht viel später mit der gleichen Zahl ein weiteres Mal den Hauptgewinn gezogen.“ Hier konnte man meinen, dass die Erzählung zu Ende sein müsste und Lucia unterbrach sich auch kurz, um einen Schluck zu trinken. Dann fuhr sie jedoch fort: „Kurz bevor wir nach Germanien aufgebrochen sind hat mich Fortuna dann noch einmal geküsst. Diesmal nicht der Hauptgewinn, aber einer der neu eingesetzten Wochengewinne.“ Man konnte eine zarte Röte auf Lucias Wangen erkennen, während sie in freudiger Erinnerung lächelte. „Ich hätte gerne weitergespielt und gesehen, ob Fortuna mich weiterhin zu ihren Lieblingen zählt. Vor allem da ich ihr nie etwas für diese Gewinne geopfert habe. Ich habe ihr lediglich einmal gedankt.“ Lucia zuckte verlegen die Schultern. „Wüsstest du denn hier eine Möglichkeit..?“, fragte sie Seneca nach kurzem Überlegen zögerlich. Jetzt wo sie so darüber gesprochen hatte, wollte sie nur zu gerne noch einmal spielen. Es musste ja nicht Lotto sein, die Wetten auf die Wagenrennen waren ja auch sehr spannend, auch wenn Lucia da kein einziges Mal gewonnen hatte.


    Lucia nickte auf Senecas Ausführungen. Avianus schien ihm viel zu bedeuten. Wahrscheinlich auch genug um ihn nicht unnötig in eine missliche Lage zu bringen, nur weil man den Briefkontakt zwischen Lucia und ihm als problematisch ansehen konnte. Lucia fasste sich ein Herz. „Ich wollte auch gerne Briefkontakt zu ihm halten.“, gestand sie ein und nahm die Rolle wieder in die Hand. Sie drehte sie zwischen den Fingern. „Aber ich habe gedacht, dass ich vielleicht an deiner Hochzeit zu unhöflich zu ihm war und er mir deshalb nicht mehr antwortet. Jetzt weiß ich es besser.“ Was musste Avianus nur denken, da er die ganze Zeit keinen Brief von ihr erhalten hatte! Lucia verzog bei diesem Gedanken das Gesicht. Dann hob sie denB hoch und sagte aufrichtig: „Vielen Dank dafür!“

  • "Du scheinst eine von Fortunas Lieblingen zu sein." komplimentierte Seneca der Tiberia da sie ja ordentlich abzuräumen schien sobald sie auch nur ein Los ansah. Die nächste Frage verstand er jedoch zunächst falsch, eventuell hatte er kurz nicht aufgepasst "Fortuna zu danken? Nun, im Tempel denke ich." erklärte Seneca das offensichtliche auch wenn er selbst zwar den Frieden mit den Göttern wahren wollte aber die Besuche in den Tempeln stets sträflich vernachlässigte. Nach einem kurzen Moment dämmerte es dem Iunier allerdings, dass Lucias Frage in eine andere Richtung zielte als er es vermutet hatte und er zog die Augenbrauen hoch und lächelte etwas verlegen...
    "Oh... Äh... Also ich denke es gibt gelegentlich Spiele in den kleineren Arenen der Region. Verzeih, ich bin nicht mehr allzu versiert in solchen Dingen, als ich noch ein einfacher Soldat war haben wir auf jeden Münzwurf gewettet." scherzte Seneca und trank einen Schluck um seine Ahnungslosigkeit zu überspielen.
    Als das Gespräch dann erneut auf Avianus wechselte fühlte sich der Iunier wieder eher in seinem Element...
    "Was ist auf meiner Hochzeit geschehen?" fragte Seneca etwas überrascht, schließlich war ja eine recht große Gesellschaft geladen gewesen und er hatte unmöglich alles im Blick, da er auch meistens nur Augen für Seiana hatte.

  • Seneca mochte rechthaben, vielleicht war sie eine von Fortunas Lieblingen. Die andere Möglichkeit, die Lucia für viel wahrscheinlicher hielt, war, dass die die Göttin etwas gut zu machen hatte. Hieß es nicht „Pech im Spiel Glück in der Liebe“? Nun, vielleicht funktionierte das ja auch anders herum.
    Auf Senecas Ausspruch mit dem Tempel hob Lucia die Augenbrauen. Entweder ihr Gegenüber machte grade einen sehr verwegenen Witz, oder aber er hatte sie falsch verstanden. Wenig später stellte sich das „falsch verstanden“ als richtig heraus. Lucia tat die Sache mit einem Wink und einem Lächeln ab. Doch insgeheim nahm sie sich vor, sich in diese Richtung schlauer zu machen. Vielleicht konnte der wilde Norden doch ganz interessant werden.


    Dann kam eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Lucia verzog leicht das Gesicht , strich sich eine nicht sichtbare Haarsträhne hinter das Ohr und griff nach dem frisch befüllten Becher. „Hmm“, war ihr erstes Geräusch, während sie überlegte, was sie erzählen sollte. Die Wahrheit wäre am einfachsten. Aber nicht die volle Wahrheit, bei den Götter, wirklich niemals die volle Wahrheit. Nur das wichtigste. „Ich bin ja mit Vala zu deiner Hochzeit gekommen, natürlich bin ich das.“, begann Luci schließlich. „Nun, relativ zu Beginn des Briefkontaktes zwischen Avianus und mir ist ihm einer der Briefe in die Hände gefallen und er hat mir sehr deutlich gemacht, dass er diese Verbindung alles andere als schätzt. Ich bin um einiges später bei einer von meinem Bruder organisierten Hinrichtung auf Avianus getroffen. Er war sehr hilfreich, als mich dort die Sinne verließen. Ich selbst hab es natürlich nicht mitbekommen, aber meine Leibsklavin erzählt noch heute gerne, wie heldenhaft der“ Lucia schmunzelte über die Formulierung, die sie hier von ihrer Sklavin zitierte. „attraktive junge Offizier mich aufgefangen hat und wie gut er die wild gewordene Meute wieder unter Kontrolle brachte. Leider wurde Vala durch dieses Treffen erneut an Avianus erinnert. Ich entschied also, es wäre weise den Briefkontakt zu unterbrechen. Ich erzählte nur Avianus nichts davon, ich hörte einfach auf ihm zu schreiben. Auf deiner Hochzeit haben wir uns wieder getroffen. Ich mied ihn zunächst, weil es Vala natürlich wieder aufgefallen war. Aber… unsere Wege führen andauernd zusammen. Wir haben noch kein einziges Mal ein Treffen ernsthaft. Es waren irgendwie immer die Götter, die uns zusammenführten. Naja, auf jeden Fall konfrontierte er mich und betitelte mich in etwa als untreue Seele. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und … du kannst es dir vorstellen. Wir haben das Ganze dann beendet mit einer scherzhaften Drohung von mir, dass ich im Norden ein viel interessanteres Leben als er führen würde und ihm natürlich davon berichten werde.“ Lucia berichtete die ganze Geschichte möglichst rasch. Teilweise stolperte sie fast über ihre Worte. Sie wusste selbst nicht so genau, warum sie jetzt tatsächlich die Wahrheit gewählt hatte, aber es fühlte sich irgendwie erleichternd an diese ganze vertrackte Geschichte endlich mal aus dem eigenen Standpunkt zu erzählen und klarzustellen, dass es nichts kompromittierendes an sich hatte.

  • Seneca verstand seinen Patron genauso sehr wie er die Tiberia verstand. Die ganze Sache schien ja recht unverfänglich zu sei, er kannte Avianus zu gut als das er sich wirklich Sorgen machte doch Vala war mit ihm weniger vertraut, weshalb der Iunier einen recht neutralen Ansatz hinsichtlich der Geschichte Lucias suchte..
    "Ich verstehe, nun ich denke Avianus freut sich stets über Post aus Germanien. Ob nun von mir oder von dir. Er hat einen Sohn wusstest du das? Ich habe ihn leider noch nicht sehen können da mich meine Pflichten noch nicht nach Rom geführt haben aber ich bin sicher, dass er ein guter Vater ist." erklärte Seneca den familiären Hintergrund seines Cousins um dem ganzen einen noch harmloseren Schnitt zu verleihen...
    "Er würde sich sicher freuen von dir zu hören! Ich denke sein Tribunat und die damit verbundenen Bürokratiearbeiten langweilen ihn furchtbar da tut so ein wenig Abwechslung sicher gut." ermutigte er und Lucia und trank anschließend noch einen Schluck aus seinem Becher...
    "Ich muss gestehen, manchmal vermisse ich Rom. Wie hast du dich hier eingelebt?" fragte der Iunier beiläufig da sie ja die ganze Zeit über Rom sprachen und Seneca sich manchmal schon in die Metropole zurückwünschte.

  • Seneca schien zu verstehen, oder sie zumindest nicht zu verurteilen. Lucia lächelte erleichtert. Sie glaubte sogar aus seinen Worten lesen zu können, dass er es gutfand, dass jemand seinem Verwandten schrieb. Dabei kam jedoch eine sehr überraschende Information ans Tageslicht: "Er hat einen Sohn?!", echote Lucia ungläubig. "Wer ist denn die Mutter?" Sie runzelte verwirrt die Stirn. War das etwa dieses unscheinbare Mädchen, mit dem sie Avianus an der Hochzeit gesehen hatte? Warum war das überhaupt so wichtig? War Lucia etwa ein wenig eifersüchtig? Bei der Selbsterkenntnis blinzelte Lucia verwirrt. Sie hatte doch überhaupt kein Anspruch und erst recht kein Interesse an Anvianus. Warum empfand sie dann so? Ach, diese blödsinnigen Gefühle.
    Und schon traf Lucia die nächste große Neuigkeit: "Tribunat? Tribunat im Sinne von, er ist ein Tribun?" Das hatte Lucia seltsamerweise noch weniger erwartet als ein Kind. Ein Kind konnte mal passieren. Gerade Männer waren, was das anbelangte, alles andere als vorsichtig und wenn eine Frau davon profitieren konnte taten manche auch gerne unvorsichtig und verlangten dann nach Unterstützung des Kindvaters. Diese Geschichten passierten immer und immer wieder. Aber Avianus ein Tribun? Lucia schüttelte ungläubig den Kopf. Nicht, dass sie es ihm nicht gönnte, aber sie hätte es wirklich, wirklich nie erwartet!


    "Manchmal?", wiederholte Lucia wehmütig lächelnd. "Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwelche Gedanken an die Heimat kommen. Es ist hier so anders. Alles ist hier so anders. Selbst die römischen Dinge sind hier anders. Wer würde Rom da nicht vermissen?" Sie gestikulierte zum Fenster. "Nicht nur die Stadt, sondern auch das Wetter..." Sie seufzte. "Aber da ich, im Gegensatz zu dir nicht selbst irgendetwas aktiv daran ändern kann..." den Rest ließ Lucia einfach offen und ignorierte auch den Teil der Frage, der auf das Einleben hier abzielte. Manchmal war es besser nicht die Wahrheit zu sagen.

  • "Ja, er heißt Luci..." Seneca stockte einen Moment, gab es da etwa einen Zusammenhang den er so nicht ganz verstanden hatte? "...us. Der Sohn von Avianus und Sibel. Obwohl letztere nun schon seit längerer Zeit außerhalb Roms verweilt. Ein gesundheitliches Leiden wie es scheint." plauderte er aus dem familiären Nähkästchen, denn wirkliche Geheimnisse gab es im tratschsüchtigen Rom ja so oder so nicht.
    "Und ja, er ist Tribun der Cohortes Urbane. Ein recht ansehnlicher Posten auch wenn die Arbeit der Urbaner natürlich nicht mit der Arbeit der Garde oder eben den Grenzeinheiten zu vergleichen ist." Den kleinen Seitenhieb auf die Edel-Vigiles konnte sich Seneca nicht verkneifen auch wenn er selbst bei den Urbanern angefangen hatte so hatte sich sein Bild der Einheit doch recht stark gewandelt nach all den Jahren.
    Als Lucia über ihr Leben in Germanien sprach lächelte auch Seneca etwas schief. Scheinbar hatten sich hier zwei gefunden die das Leben in Rom doch schon sehr vermissten..
    "Das Wetter kann ich leider auch nicht ändern." scherzte der Iunier kurz, wohlwissend, dass Lucias Einwurf auf etwas anderes abzielte "Wenn es dir an Kultur mangelt: Ich versuche ein römisches Theaterstück auf die örtliche Bühne zu bringen. Ich würde mich natürlich über Unterstützung in dieser Sache freuen. Die Gattin des Legaten würde eine ganz hervorragende Patin für solch ein Projekt abgeben." Die Idee kam zwar aus dem Stehgreif doch sie gefiel ihm irgendwie.

  • Lucia war überwältigt von all den Neuigkeiten zu Avianus. Was hatte sie nicht alles verpasst! Das alles nur, weil eine Posttasche verloren gegangen war... und weil sie es sich nicht getraut hatte abermals zu schreiben. Sie hätte auch früher schreiben können, dann wäre der Brief vielleicht garnicht verloren gegangen. Oder.. oder.. oder... Jetzt war es dch eigentlich egal. Lucia nickte mit noch immer leicht geöffnetem Mund. "Das... sind ganz schön große Neuigkeiten. Ich wusste nicht, dass Avianus so viel Ehrgeiz in sich hat! Weißt du noch mehr?", hakte sie neugierig nach.


    Ja, das Wetter konnten wohl nur die Götter ändern und diese schienen hier ihren Spaß zu haben. Doch die Erwähnung eines Theaterstückes ließ Lucias Augen aufleuchten. Sie lehnte sich interessiert vor und hatte sogleich tausend Frageb: "An welches Theaterstück hast du denn gedacht? Wie weit ist deine Planung denn schon gedien?" Die Andeutung, dass sie Patin stehen könnte, gefiel Lucia außerordentlich gut. Sie nickte mit einem nachdenklichen Lächeln. "Das würde mir sehr gefallen. Aber was würdest du dir denn von einer Patin so alles erhoffen?" Nur den Namen und Rang dazuzubringen würde kein Problem darstellen. Geld vielleicht schon. Lucia wartete neugierig.

  • "Sind diese Umstände nicht interessant genug?" scherzte der Iunier bevor er nachdachte ob er nicht doch etwas vergessen hatte, "Ansonsten gibt es glaub ich tatsächlich nicht mehr allzu viel zu berichten. Ich versuche ihn ständig zu einer Reise nach Germanien zu überreden, aber die Verantwortung, dienstlich wie privat, macht es ihm leider unmöglich." erklärte Seneca und zuckte kurz mit den Schultern so als ob er es zwar schade fand, es sich aber nicht ändern ließe.
    "Ich hab eine Theatertruppe aus Hispania engagiert welche ein Stück schreiben wird. Die Schauspieler werden jedoch hauptsächlich hier in der Region rekrutiert. Ich möchte der lokalen Gemeinde gerecht werden indem das Stück auch eine Verbindung zur Stadt und zur Provinz hat. Ich kenne mich nun wirklich nicht aus mit solchen Dingen, aber ich bin überzeugt, dass sich mit dem nötigen Elan etwas gutes auf die Beine stellen lässt." antwortete Seneca und trank einen Schluck, bevor er ein wenig lächelte, "Nun, ich bin Soldat, und es wäre seltsam wenn ich in meiner Rolle mehr Termine in gesellschaftlichen Kreisen wahrnehmen würde als Zeit im Kastell zu verbringen. Als Frau des Legaten wird jedoch von dir gewissermaßen erwartet dich um kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse zu kümmern. Du könntest die Stimme des Theaters sein, die Kultur darbt ein wenig in dieser Provinz und wer weiß, vielleicht ist dies nur der Anfang einer neuen kulturellen Entwicklung?"

  • Lucia nickte leicht benommen. Da hatte Seneca eigentlich recht, die Umstände waren interessant genug. Auch sie würde sich definitiv freuen, wenn Avianus nach Germanien käme, auch wenn sie aktuell so überhaupt nicht zu sagen vermochte, wie sie darauf reagieren würde. "Vielleicht gelingt es ja in naher Zukunft.", sprach sie dennoch hoffnungsvoll und sei es nur um Seneca gut zuzusprechen.


    Das Theaterstück klang nach einem sehr interessanten Projekt. "Das finde ich eine wunderbare Idee!" Begeisterte sie sich auch sogleich für ihre Rolle und das Projekt insgesamt. "Ich würde jedoch gerne zunächst einmal die Theaterleute kennenlernen und auch den Ort der Aufführung. Gibt es schon Ideen für das Stück, oder ist da alles noch offen? Hat es schon Interessierte aus der Gegend gegeben?" Fragen über Fragen, aber Lucias Interesse war eindeutig geweckt.

  • "Gewiss, wenn du magst dann werde ich ein Treffen arrangieren. Das Stück ist in den Details noch offen, doch wie ich vernahm soll das Stück von Liebe und politischen Intrigen handeln. Keine Komödie also. Phyrne, du kennst sie vielleicht, hat bereits großes Interesse bekundet." erklärte Seneca ruhig aber dennoch nicht ohne Begeisterung, "Das Amphitheater wird selbstverständlich der Ort der Aufführung sein. Ich denke jedoch, dass es noch einige Arbeiten vertragen könnte bevor es losgeht. Eventuell spendiere ich dem Theater eine kleine Restauration um etwas römischen Glanz in die Provinz zu bringen." fuhr er fort, schließlich war seine Frau enorm kulturbegeistert und als einer der Großverdiener in der Gegend konnte man ja auch mal etwas zurückgeben.
    "Ich würde mich selbstverständlich freuen, wenn wir dich in unserem kulturellen Zirkel begrüßen könnten. Ich würde mich dann alsbald mit Neuigkeiten melden und ein Treffen vorbeireiten, wahrscheinlich auf dem iunischen Landgut."

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